Im vergangenen Jahr brachte das Junge Theater Bonn (JTB) gemeinsam mit dem Theater Bonn das Musical Spring Awakening auf die Bühne, das sich schnell zu einem großen Erfolg entwickelte. Daher ist es nur folgerichtig, dass an diesem Wochenende in einer zweiten Koproduktion der beiden Theater das Musical Dear Evan Hansen Premiere feierte. Trotz der Verfilmung im Jahr 2021, sechs Tony Awards, drei Olivier Awards – jeweils auch in der Kategorie „Bestes Musical” – sowie einem Grammy für das „Beste Musical-Album” war Dear Evan Hansen bislang leider nur sehr selten auf deutschen Bühnen zu sehen. Die Deutschlandpremiere des Stückes fand am 11. Oktober 2024 im Stadttheater Fürth statt, zu der Nina Schneider eine vortreffliche deutsche Übersetzung beisteuerte. Diese ist nun auch in Bonn zu hören. Doch worum geht es in diesem Musical?

Für Evan Hansen beginnt das letzte Jahr der Highschool genauso schlimm wie das vorherige geendet hat. Er leidet unter Angstzuständen und gilt in der Schule als Sonderling und Außenseiter. Im Rahmen seiner Therapie hat sein Psychologe ihm die Aufgabe gestellt, Briefe an sich selbst zu schreiben. Diese sollen mit den Worten „Lieber Evan Hansen, heute wird ein großartiger Tag, und ich sage dir auch warum.“ beginnen. Da sein erster Schultag aber alles andere als großartig verläuft, schreibt er einen Brief, in dem er genau dies beschreibt. Er druckt den Brief im Computerraum der Schule aus, wo er zufällig Connor Murphy in die Hände fällt. Connor ist ständig bekifft und gilt als sehr gewalttätig. Evan befürchtet, dass Connor ihn mit dem Brief nun unter Druck setzen wird, zumal er darin auch Connors Schwester Zoe erwähnt, in die Evan heimlich verliebt ist. Doch es kommt anders. Connor begeht Suizid und seine Eltern sehen in dem bei ihm gefundenen Brief eine Art Abschiedsbrief an den ihnen bisher unbekannten „besten Freund“ ihres Sohnes. Evan findet nicht den Mut, den trauernden Eltern die Wahrheit zu sagen und verstrickt sich immer tiefer in Lügen über seine angebliche Freundschaft mit Connor. Hierbei erträumt er sich auch ein Stück weit ein Leben, das er lieber hätte als sein eigenes. Auch Connors und Zoes Mutter malt sich durch Evans „Erinnerungen” ein eigenes Wunschbild von ihrem Sohn. In der Schule erschüttert die Nachricht von Connors Selbstmord derweil die Schüler. Verstärkt durch die sozialen Medien bewegt Evans‘ Freundschaft mit Connor auch hier schnell die Gemüter, und das „Connor-Projekt“ wächst und wächst. Doch wie lange kann das gutgehen?

Da in dem Musical Themen wie Suizid, Angststörungen, Depressionen und Trauer ebenso behandelt werden wie die Macht und die Gefahren der sozialen Medien, bietet sich dieses Stück Musiktheater geradezu an, um am Jungen Theater Bonn von hoffentlich vielen Schulklassen in den Vormittagsvorstellungen besucht zu werden. Durch die wunderbare Musik von Benj Pasek und Justin Paul – vielen Lesern vielleicht durch die beiden Filme La La Land und The Greatest Showman bekannt – ist Dear Evan Hansen aber auch für das erwachsene Publikum eine absolute Empfehlung. Die Kooperation zwischen dem Theater Bonn und dem JTB schafft allgemein eine gelungene Verbindung zwischen den Programmen der beiden Häuser und schließt geschickt die Lücke zwischen Theater für junge Zuschauer bis ca. 14 Jahre und dem Erwachsenenprogramm am Opernhaus auf der anderen Rheinseite. Die etwas intimere Atmosphäre in der sehr schönen Spielstätte des Jungen Theaters ist hierbei zudem eine nette Randerscheinung, die dem Stück sehr dienlich ist.
In der Inszenierung von Bernard Niemeyer stehen vor allem die jeweiligen Personen mit ihren Gedanken und ihrem Handeln im Fokus. Dies wird von den jungen Darstellerinnen und Darstellern hervorragend auf die Bühne gebracht. Die Hauptrollen der Jugendlichen werden hierbei unter anderem von Mitgliedern des Jugendchors der Oper und des Nachwuchsensembles des JTB besetzt. Tatsächlich spielen die jungen Menschen die drei Erwachsenenrollen fast an die Wand. Bravo! Da verzeiht man auch gern, dass der eine oder andere Ton nicht immer ganz getroffen wurde, dennoch ist Dear Evan Hansen auch musikalisch eine absolut sehens- bzw. in diesem Punkt auch sehr hörenswerte Produktion. Martin Wald liefert als Evan Hansen eine beeindruckende Leistung ab und überzeugt neben dem Gesang mit einem sehr ausgeprägten Schauspiel, das die Zuschauer regelrecht mit ihm mitleiden lässt. Auch Laszlo Helbling (Connor Murphy), Clélia Oemus (Zoe Murphy), Ahmed El Kohly (Jared Kleinman) und Annika Schneider (Alana Beck) spielen mit so viel Talent und Hingabe, dass man einen Besuch an dieser Stelle nur empfehlen kann. Alle fünf Rollen sind übrigens doppelt besetzt, sodass am 12. April 2026 eine zweite Premiere stattfindet, bei der die weiteren Darsteller und Darstellerinnen erstmals in ihren jeweiligen Rollen auf der Bühne stehen. Die Erwachsenen sind mit Nina Janke als Gast in der Rolle von Evans Mutter Heidi sowie Anja von der Lieth und Axel Becker als Ehepaar Murphy ebenfalls treffend besetzt. Ein spielfreudiges Ensemble – in der besuchten Vorstellung Konstantin Kluth, Axel Schmitz, Emilia Paereli, Rumeysa Gülen und Daniela Craciun – rundet die stimmige Besetzung des Abends ab.

Musikalisch wird der Abend von einer siebenköpfigen Liveband unter der Leitung von Ekaterina Klewitz trefflich begleitet. Diese ist auf dem hinteren Teil der Bühne untergebracht. Davor hat Bühnenbildnerin Mara Lena Schönborn eine schlichte Konstruktion gestellt, die vor allem von einem abstrakt gestalteten Apfelbaum bestimmt wird. Dieser nimmt in dem Stück eine zentrale Rolle ein. Gleichzeitig ermöglicht die Bühne eine gute Darstellung der beiden Wohnungen der Hansens und Murphys links und rechts und schafft im oberen Bereich zudem geschickt Räume für die Zimmer von Connor oder Alana. Rechts und links außen sind zudem zwei kleinere Videowände platziert. Diese werden unter anderem dazu genutzt, um die Handybildschirme der jungen Leute einzublenden. Mit einem stimmigen Lichtdesign und vor allem mit sehr passenden Choreografien von Larissa Fühner, die von den jungen Darstellerinnen und Darstellern beeindruckend synchron vorgetragen werden, ist mit Dear Evan Hansen derzeit ein Musical in Bonn zu sehen, zu dem man allen Beteiligten nur gratulieren kann.
Am Ende des Abends steht neben lautstarkem Beifall des Publikums die Botschaft „Du bist nicht allein.“ über allem. Diese verdeutlicht eindrucksvoll, dass es auch aus dunklen Gedanken einen Ausweg gibt, der zwar oft nicht einfach zu gehen ist, den aber auch vermeintliche Außenseiter bewältigen können.
Markus Lamers, 11. April 2026
Dear Evan Hansen
Musical von Benj Pasek, Justin Paul (Musik und Gesangstexte) und Steven Levenson (Buch)
Junges Theater Bonn
in einer Koproduktion mit dem Theater Bonn
Premiere: 10. April 2026
Inszenierung: Bernard Niemeyer
Musikalische Leitung: Ekaterina Klewitz
Weitere Aufführungen: 29. April, 30. April, 29. Mai, 30. Mai, 26. Juni und 27. Juni