Wenn Regisseure Stücke bearbeiten und zu einer eigenen Fassung mit neuer Handlung, neuen Texten und strukturellen Eingriffen verändern, ist das oft mit Vorsicht zu genießen. In Bremen ist das aber bei Rossinis Il viaggio a Reims („Die Reise nach Reims“) weitgehend gelungen. Und es ist in diesem Fall auch legitim, denn Rossinis 1825 für die Krönung des französischen Königs Karl X. entstandene Oper ist eine Aneinanderreihung virtuoser Arien, Duette und Szenen ohne besondere Handlung. Eine illustre Gesellschaft strandet bei ihrer Reise nach Reims zur Krönung im Hotel „Zur goldenen Lilie“ und kommt nicht weiter, weil es keine Pferde für die Kutschen gibt.

Regisseurin Anna Weber hat daraus eine surrealistische Krimikomödie gemacht, in deren Mittelpunkt die Sängerin Corinna steht. Die Gesellschaft ist hier nicht auf dem Weg zur Krönung, sondern zu einem Gesangswettbewerb. Auf Corinna wird ein Mordanschlag verübt, den se aber überlebt. Zehn Jahre später (hier beginnt die Fassung von Anna Weber), lockt Corinna alle wieder in ein Hotel, um sich zu rächen. In diese Handlung führt ein sehr gelungenes Video (Cantufan Klose) ein.

Das Bühnenbild von Stella Lennert zeigt einen immer bedrohlicher wirkenden Hotelflur mit verzogenen Türen und auch die Kostüme von Hanna Rode sind in ihrer phantasievollen und skurrilen Überzeichnung von starker, prägender Wirkung., Der Orchestergraben ist hier ein Swimmingpool, in den die Modistin (Yoona Jang) schon mal hineingeschubst wird. Und es passiert auch sonst so einiges in diesem Hotel. Dabei wird geschickt immer wieder um zehn Jahre zurückgeblendet. Da wird ein Leopard vom Koch (Jasin Rammal-Rykala) abgemurkst und zu einer Kopfbedeckung verarbeitet, eine riesige Hand krabbelt durch den Hotelflur und ein menschengroßer, zappelnder Hummer wird auf dem Tisch bearbeitet. Es gibt ein Duell mit Degen und die Pferde demonstrieren mit Plakaten. Und auch eine lesbische Beziehung zwischen Corinna und der Marchesa Melibea (sehr präsent: Nathalie Mittelbach) wird offenbar.Im Original feiern alle am Ende und singen Nationalhymnen. Die sind hier gestrichen und durch Musik aus Rossinis „Stabat Mater“ ersetzt, bei der Corinna ihrerseits die gesamte Gesellschaft vergiftet. Das ist ein unerwarteter und jäher Stimmungsumschwung von tiefer Wirkung.

Die gesanglichen Leistungen sind durchgehend hervorragend. Allen voran ist die Sopranistin Elisa Birkenheier als Corinna zu nennen, die ihren leitmotivisch von der Harfe begleiteten Part mit klarer, ebenmäßiger Stimme perfekt gestaltet. Und auch Oliver Sewell bereitet als Conte di Libenskof mit seinem in feuriger Leidenschaft zwischen Eifersucht und Liebesschwüren erglühenden Tenor uneingeschränkte Freude. Diana Schnürpel bewältigt als Contessa di Folleville ihre Partie mit koloraturgespickten, virtuosen Anforderungen bestens. Überzeugend ist auch das restliche Ensemble, darunter Adele Lorenzi als Madama Cortese sowie Fabian Düberg, Arvid Fagerfjäll, Elias Gyungseiok Han, Daniel Ratchev und Christoph Heinrich. Der Chor des Bremer Theaters (Karl Bernewitz) und die Bremer Philharmoniker unter Sasha Yankevych bereiten mit ihrer inspirierten Wiedergabe ein Rossini-Feuerwerk auf höchstem Niveau.
Wolfgang Denker, 15. Februar 2026
Il viaggio a Reims
Oper von Gioachino Rossini
Theater Bremen
Premiere am 14. Februar 2026
Inszenierung: Anna Weber
Musikalische Leitung: Sasha Yankevych
Bremer Philharmoniker
Weitere Vorstellungen: 19., 28. Februar, 13., 22. März, 5., 26. April, 3., 26. Mai 2026