Mönchengladbach: „Adelaide“, Antonio Sartorio

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gab es in Venedig zeitweise dreizehn Opernhäuser, die gleichzeitig bespielt wurden. Venedig war darüber hinaus die erste Stadt, in der Opernaufführungen gegen Zahlung von Eintritt angeboten wurden; andernorts war die Oper ausschließlich dem Adel vorbehalten. Wenngleich die Eintrittspreise so hoch waren, dass sich die wenigsten Bürger dieses Vergnügen leisten konnten, stellt die Eröffnung des Teatro San Cassiano in Venedig im Jahr 1637 als erstes öffentliches Opernhaus dennoch einen entscheidenden Meilenstein in der Operngeschichte dar. Zu diesem Zeitpunkt war Antonio Sartorio gerade einmal sieben Jahre alt, bevor er in den 1660er und 1670er Jahren zu einem der führenden Opernkomponisten Venedigs werden sollte. Ab 1666 war Sartorio zudem Kapellmeister am Hof des Herzogs Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg im Raum Hannover und hatte in dieser Position entscheidenden Einfluss darauf, die italienische Operntradition in den deutschen Raum zu bringen. Dennoch geriet der Komponist nach seinem Tod im Jahr 1680 zeitweise in Vergessenheit, sodass auch seine Oper Adelaide über 350 Jahre lang mehr oder weniger unentdeckt blieb. Im Februar dieses Jahres wurde das Werk aus diesem Dornröschenschlaf geholt, als am venezianischen Teatro Goldoni die erste neuzeitliche Aufführung stattfand. Ermöglicht wurde diese Aufführung durch ein internationales Projekt des Conservatorio di Musica Benedetto Marcello in Venedig. Am 18. März 2026 fand ein einmaliges Gastspiel dieser seltenen Barockoper am Theater Mönchengladbach statt.

© Matthias Stutte

Während in vielen Barockopern mythologische Themen behandelt werden, steht in Sartorios Oper Adelaide die namensgebende italienische Königin als historisch belegte Person im Mittelpunkt der Handlung. Das weitere Libretto nimmt zwar auf verschiedene historische Personen und Ereignisse Bezug, wurde aber an vielen Stellen auch frei ergänzt. An dieser Stelle soll zur Handlung kurz die Vorgeschichte aus dem Programmheft wiedergegeben werden: „Die Handlung spielt am Gardasee, ca. 950. Adelaide ist die junge Witwe des Königs Lothar von Italien. Wenn sie erneut heiratet, erhält ihr Ehemann die Königswürde. Berengar herrscht gemeinsam mit seinem Sohn Adalbert als König in Italien. Er strebt eine Vermählung Adalberts und Adelaides an und nimmt Adelaide gefangen, um sie zur Heirat mit seinem Sohn zu zwingen. Adalbert liebt Adelaide und hat ihre Cousine Gissilla verlassen, mit der er verlobt war. Adelaide hat König Otto, der sie ebenfalls liebt und heiraten will, um Hilfe gebeten.“ Anschließend entwickelt sich eine unterhaltsame Geschichte voller politischer Intrigen, Macht, Liebe und großer Gefühle – und vor allem unglaublich vieler Verkleidungen und Verwechslungen. Vor allem letzteres würde an dieser Stelle komplett den Rahmen sprengen, doch genau diese Verwechslungen machen auch den Reiz dieser Oper aus. Während die Uraufführung im Jahr 1672 noch rund 5 1/2 Stunden dauerte, wurde die aktuelle Inszenierung auf angenehme drei Stunden inklusive einer Pause reduziert, die dem Zuschauer dennoch einiges an Aufmerksamkeit abverlangt, wenn er nicht irgendwann den Faden verlieren will. Zugute kommt der Oper, dass dem damaligen Publikum überraschende Wendungen in der Handlung lieber waren als Logik, die hierbei entsprechend oft auf der Strecke bleibt. Dafür wird die Geschichte an keiner Stelle langweilig und eine hervorragende Opernpartitur sorgt zudem für beste musikalische Unterhaltung.

© Matthias Stutte

Mit vielen Anlehnungen an Opernaufführungen der damaligen Zeit trägt die Inszenierung von Emanuele Gamba ebenfalls zu diesem gelungenen Gastspiel bei. Die Sängerinnen und Sänger singen zwar oft zum Publikum gewandt, dennoch ist die Inszenierung nicht allzu statisch. Auch der gut eingesetzte Humor lockert den Abend auf. Einziges Manko sind die durchgängig gleichbleibenden Kostüme der Protagonisten, sodass die vielen Verkleidungen, die stattfinden, nie klar erkennbar sind, sondern sich lediglich aus dem Libretto ergeben. Hier fragt man sich immer wieder, welches große Potenzial in dieser Oper schlummern mag, wenn sich ein Regisseur an eine große Inszenierung wagt, die diese vielen Verkleidungen gekonnt umsetzt. Da es sich bei diesem Gastspiel allerdings um eine Aufführung des Conservatorio di Musica Benedetto Marcello handelt, die im Rahmen der musikalischen Ausbildung an diesem renommierten staatlichen Musikinstitut entstand, ist dieser Aspekt in diesem Fall leicht zu verschmerzen. Das meist schlichte, dennoch aber durchaus stimmungsvolle Bühnenbild (Ausstattung: Matteo Corsi) weiß zu gefallen und sorgt mit Bühnennebel auf dem See und wechselnden farblichen Hintergründen für ausreichend Abwechslung.

© Matthias Stutte

Auch musikalisch kann die Aufführung überzeugen: Sämtliche Darstellerinnen und Darsteller sowie das wunderbar aufspielende Barockorchester unter der musikalischen Leitung von Diego Fasolis sorgen dafür, dass diese Rarität im Opernrepertoire den Zuschauern in guter Erinnerung bleiben wird. Sympathisch war zudem, wie Fasolis in sehr gutem Deutsch zwischen dem zweiten und dritten Akt einige kurze Worte ans Publikum richtete, sich bei diesem für den Besuch bedankte und humorvoll erwähnte, dass es in Venedig zu Zeiten Sartoris durchaus normal war, die Oper auch vor dem Ende zu verlassen, was natürlich auch hier erlaubt sei. Von diesem Angebot machten im dritten Akt allerdings nur zwei Zuschauer Gebrauch, während das restliche Publikum im gut besuchten Theater Mönchengladbach am Ende lautstarken Applaus spendete. Betrachtet man dieses Gastspiel als eine Art Publikumsabstimmung über Antonio Sartorinis unbekannte Oper Adelaide, dann fiel das Ergebnis eindeutig positiv aus. Dies lässt hoffen, dass dieses Werk in Zukunft öfter auf den Opernbühnen der Welt zu sehen sein wird.

Markus Lamers, 22. März 2026


Adelaide
Barockoper von Antonio Sartorio

Exklusives Gastspiel des Conservatorio di Musica Benedetto Marcello Venedig im Theater Mönchengladbach

besuchte Vorstellung: 18. März 2026

Inszenierung: Emanuele Gamba
Musikalische Leitung: Diego Fasolis
Orchestra Sartorio