Im Jahr 1964 erschien das Buch Charlie und die Schokoladenfabrik des erfolgreichen Schriftstellers Roald Dahl, der vor allem durch seine zahlreichen Kinderbücher bekannt wurde. Seine Bücher verkauften sich bislang über 200 Millionen Mal und wurden in 59 Sprachen übersetzt. Große Aufmerksamkeit erhielt die Geschichte um den jungen Charlie und den exzentrischen Schokoladenfabrikanten Willy Wonka unter anderem durch bislang drei Verfilmungen. Während der Musicalfilm aus dem Jahr 1971 trotz wunderbarer Musik und der Verpflichtung von Gene Wilder nicht so erfolgreich wie erhofft in den Kinos lief, wurde die Neuauflage aus dem Jahr 2005 unter der Regie von Tim Burton ein voller Erfolg. Als Willy Wonka glänzte Johnny Depp hier in einer bildgewaltigen und phantasievollen Verfilmung. Ende 2023 erschien mit Wonka eine weitere Verfilmung, die als Prequel zu verstehen ist. Sie beleuchtet das Leben des jungen Willy Wonka, gespielt von Timothée Chalamet, in einer komplett neuen Geschichte, die damit endet, dass Wonka seine Schokoladenfabrik gründet.

Im Jahr 2010 erschien unter dem Titel The Golden Ticket zudem eine Oper des amerikanischen Komponisten Peter Ash, die auf Roald Dahls Vorlage basiert. Sie verschwand jedoch schnell wieder von der Bildfläche. Deutlich erfolgreicher ist die Musicaladaption von Marc Shaiman und Scott Wittman, die am 25. Juni 2013 am Londoner West End uraufgeführt wurde. Die Macher bedienten sich hierbei zum einen bei bekannten Liedern aus dem Film von 1971, ergänzten diese aber um viele neue Nummern, die speziell für dieses Musical geschrieben wurden. Nach Produktionen in verschiedenen Ländern fand am 6. Dezember 2025 die deutschsprachige Erstaufführung von Charlie und die Schokoladenfabrik am Theater Regensburg statt. Die Handlung dieser Bühnenversion orientiert sich dabei stark an der Buchvorlage: Nachdem Willy Wonka seine sagenumwobene Schokoladenfabrik viele Jahre lang verschlossen gehalten hat, steht die Welt Kopf, als der exzentrische Süßwarenhersteller ein Preisausschreiben ankündigt. In fünf Tafeln Schokolade hat er jeweils ein goldenes Ticket versteckt, das fünf auserwählten Kindern den Zugang zu seiner Fabrik ermöglicht. Aus diesen Kindern möchte er seine Nachfolge auswählen, was er allerdings streng geheim hält. Bei einer Führung durch die Schokoladenproduktion soll sich herausstellen, wer sich dieser würdig erweist. Unter den Kindern ist auch der junge Charlie Bucket, der in sehr ärmlichen Verhältnissen aufwächst. Tagtäglich lauscht er mit großer Freude den Geschichten seines Großvaters, der früher in der Fabrik angestellt war, bevor sich Willy Wonka komplett von der Menschheit zurückzog.

Das Musical erzählt diese Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes in zwei verschiedenen Akten, was in dieser Konsequenz selten zu sehen ist. Bis zur Pause dreht sich alles um die Ermittlung der Gewinner der Goldenen Tickets. Nach der Pause werden die Zuschauer in die phantasievolle Welt der Schokoladenfabrik entführt, in der die kuriosesten Maschinen schier unmögliche Dinge vollbringen und die sonderbaren Umpa-Lumpas dem Schokoladenhersteller fleißig zur Hand gehen. Ulrich Wiggers schuf hierzu eine wunderbare Inszenierung, die mit vielen kreativen Ideen und durchgängig gutem Humor punkten kann. Besonders gut gelungen sind die comichafte Überzeichnung vieler Figuren. Insbesondere die Kinder Augustus Gier (der den ganzen Tag mit Essen verbringt), Verucka Snob (die glaubt, mit dem Geld ihres Vaters alles bekommen zu können), Violet Beauregarde (die als selbstverliebte Influencerin nur ans Gewinnen denkt) und Mike Glotzer (der das System gehackt hat, um ein Ticket zu erhalten), sowie deren jeweilige Erziehungsberechtigten, passen in dieser überzeichneten Form ganz wunderbar in die fantasievolle Geschichte. Kristopher Kempf zeichnete für die Ausstattung verantwortlich. Neben den detailreichen Kostümen entwarf er eine sehr wandlungsfähige Bühne, die an vielen Stellen überraschen kann. Besonders gut gelungen sind die Szenen in Charlie Buckets Elternhaus. Dabei wird das Dach samt Dachluke zu Charlies Kinderzimmer aus dem Schnürboden heruntergelassen, während der beengte Wohnraum aus der Unterbühne hochgefahren wird. Bei den Kostümen dürfen die putzigen Eichhörnchen nicht unerwähnt bleiben, die in der Fabrik dafür sorgen, die Nüsse zu sortieren. Die Choreografin Yvonne Braschke stellt den Opernchor, der bei dieser Produktion durch den Cantemus Chor verstärkt wird, für viele große Massenszenen nach der Pause ganz wunderbar auf und lässt die Sängerinnen und Sänger als Umpa Lumpas die ganze Bühne füllen, die Willy Wonka bei der Schokoladenproduktion hilfreich zur Hand gehen.

Das Theater Regensburg kann sich glücklich schätzen, die beiden Hauptrollen des Willy Wonka und Charlie Bucket derart hochkarätig aus dem eigenen Ensemble besetzen zu können. Es gibt nicht viele Theater im Land – wenn es überhaupt ein zweites gibt –, die zwei junge Sänger mit einer abgeschlossenen Ausbildung zum Musicaldarsteller von der Essener Folkwang Universität der Künste in ihrem Ensemble vorweisen können. Im Jahr 2020 schloss Alejandro Nicolás Firlei Fernández seine Ausbildung im Ruhrgebiet ab, zwei Jahre später folgte Felix Rabas. Seit der Spielzeit 2022/23 sind beide feste Ensemblemitglieder am Theater Regensburg und waren seitdem in verschiedensten Produktionen zu sehen. In Charlie und die Schokoladenfabrik bringen sie ihr ganzes Können auf die Bühne und überzeugen in Schauspiel und Gesang gleichermaßen. Wie Alejandro Nicolás Firlei Fernández den exzentrischen, hinter seiner harten Schale aber dennoch sehr liebenswerten Willy Wonka mit vielen passenden Gesten bis ins kleinste Detail ausstattet, ist ganz großes Theater. Ebenso überzeugend ist die kindliche Darstellung des jungen Charlie Bucket durch Felix Rabas. Hier leidet man als Zuschauer stellenweise förmlich mit, da es das Leben oftmals nicht gut mit Charlie meint. Auch die weiteren Rollen sind auf den Punkt besetzt. Hervorzuheben sind hierbei stellvertretend für das gesamte Ensemble Tom Zahner als Charlies liebenswerter Großvater sowie Maria Mucha als Charlies Mutter. Letztere sorgt zusammen mit Felix Rabas im Lied Wenn dein Vater hier wär für das emotionale Highlight des Abends. Die deutsche Übersetzung von Christian Poewe ist übrigens absolut rund und sorgt mit einigen sprachlich angepassten Gags für sehr gute Unterhaltung. Das Philharmonische Orchester Regensburg, das unter der musikalischen Leitung von Lucia Birzer frisch aufspielt, rundet den positiven Gesamteindruck dieser Produktion ab.

Am Ende des Abends steht die Erkenntnis, dass man immer an seine Träume glauben sollte – selbst wenn es aufgrund ausweglos erscheinender Situationen schwerfällt oder aufgrund des Verlusts geliebter Menschen wehtut. Mit Charlie und die Schokoladenfabrik schuf das Theater Regensburg bei der deutschsprachigen Erstaufführung ein Musical-Meisterwerk, für das sich auch eine weite Anreise lohnt. Zugleich hat das Theater die Messlatte für dieses Musical in Deutschland mit dieser in allen Bereichen überzeugenden Produktion sehr hoch gelegt. Zu hoffen bleibt, dass diese zauberhafte Produktion in Zukunft noch öfter zu sehen sein wird und in der kommenden Spielzeit mit einer Wiederaufnahme in Regensburg oder einem Gastspiel am Deutschen Theater in München belohnt wird. Für die verbleibenden Vorstellungen in der aktuellen Spielzeit ist die Nachfrage sehr groß, sodass sämtliche Vorbestellkontingente bereits vergriffen sind und man beim jeweiligen Start des freien Verkaufs sehr schnell zuschlagen sollte, um eine der wenigen Restkarten zu bekommen.
Markus Lamers, 17. Januar 2026
Charlie und die Schokoladenfabrik
Musical von Marc Shaiman (Musik und Gesangstexte), Scott Wittman (Gesangstexte) und David Greig (Buch) nach dem Roman von Roald Dahl
Theater Regensburg
Deutschsprachige Erstaufführung: 6. Dezember 2025
besuchte Vorstellung: 16. Januar 2026
Inszenierung: Ulrich Wiggers
Musikalische Leitung: Lucia Birzer
Philharmonisches Orchester Regensburg
Weitere Aufführungen: 1. Februar, 28. Februar, 28. März, 31. März, 6. April, 19. April, 26. April und 12. Juni 2026