DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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 TOULOUSE Théâtre du Capitole

www.theatreducapitole.fr

 

 

 

52. Concours International de Chant

Semifinale und Finale am 5.-7. September 2019

Alle drei Jahre, nach engeren Zeitabständen von 1-2 Jahren früher, findet in Toulouse der international renommierte Concours International de Chant statt, also der Internationale Gesangswettbewerb zur Entdeckung junger Talente des lyrischen Gesangs. Es war bereits die 52. Ausgabe seit dem Beginn 1954. Der Veranstalter ist immer das ehrwürdige Théatre du Capitole, die Oper von Toulouse. Die Jury ist stets von exzellentem internationalem Niveau. Große Stimme gingen aus diesem Wettbewerb hervor, wie Viorica Cortez, José Van Dam und Dmitri Hvorostovsky. Mária Temesi, die bekannte Wagner-Sängerin aus Ungarn und im Merker oft besprochen sowie interviewt, erreichte hier 1980 den 3. Platz.

Die Jury

Unter dem Vorsitz der Mezzosopranistin Béatriz Uria-Monzon setzte sich die Jury aus folgenden Personen zusammen: Liudmila Talikova, Theaterdirektorin des Moskauer Bolschoi-Theaters; Olivier Descotes, Generaldirektor des Rossini-Festivals Pesaro; Paolo Pinamonti, Künstlerischer Direktor des Teatro San Carlo von Neapel; Christian Schirm, Künstlerischer Direktor der Akademie der Nationaloper Paris; Peter Theiler, Intendant der Semperoper Dresden; Eric Vigié, Direktor der Oper von Lausanne; und Christophe Ghristi, Künstlerischer Direktor des Théatre du Capitole und Hausherr sowie Gastgeber.

Die Sänger und Sängerinnen

22 Sängerinnen und Sänger standen im Halbfinale, aus 13 Ländern, und zwar über alle Erdteile inklusive Afrika verteilt. Darunter befanden sich allein fünf Südkoreaner und fünf Franzosen. Des weiteren waren Venezuela, Brasilien, die Demokratische Republik Kongo, Japan, China, Australien, die USA, die Ukraine, die Schweiz, Belgien und Armenien vertreten. Bemerkenswert also, dass sich unter den Halbfinalisten, aus denen zehn Finalisten hervorgingen, keine Deutschen, Österreicher, Engländer, Spanier und Italiener befanden. Das lässt doch tief blicken in die Mängel der Nachwuchsförderung in diesen europäischen Ländern, in denen gerade die Oper eine so bedeutende Rolle im Kulturleben spielt, ja auch ihren Ursprung und ersten Entwicklungen erlebt hat. Übrigens hat noch nie ein Deutscher diesen Wettbewerb gewonnen.

Das Halbfinale

Hier fielen mir besonders Olga Syniakova mit einer Arie der Donna Elvira aus „Don Giovanni“ auf. Sie ließ einen leuchtenden Mezzo hören, mit guten Piani, einer charaktervollen Tiefe, Dramatik im Vortrag und dazu passender Mimik. Sie kam ins Finale. Ebenso beeindruckte der Venezolaner Andrés Esteban Sulbarán Oicatá, Tenor, mit der Arie des Alfredo Germont aus „La traviata“ „Lunga da lei…“ mit lyrischem Timbre, guter Klangfülle und beeindruckender Höhe. Auch er kam ins Finale. Ich fand auch den Franzosen Julien Henric, Tenor, mit der Arie des Pylade aus „Iphigenie en Tauride“ von Gluck gut, mit einer klaren Barockstimme und einem bestens konturierten Tenor, allerdings etwas enger als Sulbarán Oicatá. Er kam nicht ins Finale. Sehr gut gefiel mir Maria Sardaryan aus Armenien mit der Arie der Linda aus „Linda di Chamonix“ „Oh tradai troppo...“ mit einer zwar etwas kleinen, aber wohl klingenden Stimme, ideal für Belcanto, bei guter Resonanz und Technik, und mit einer blendenden Höhe. Sie kam nicht ins Finale.

Jacob Scharfman aus den USA sang den Wolfram-Monolog aus „Tannhäuser“ und beeindruckte mit perfekter Diktion seines eher hellen Baritons bei guter Phrasierung. Er kam ins Finale. Besonders sehens- und hörenswert war dann der Vortrag von Josy Santos aus Brasilien, mit einem charaktervollen, leuchtenden Mezzo und schönem Timbre sowie einer enormen stimmlichen Kraft. Für mich sofort eine der wahrscheinlichen Ersten. Sie kam natürlich ins Finale.

Blaise Malaba aus der Demokratischen Republik Kongo gefiel mir ebenfalls gut, denn er wartete mit einem kraftvollen Bass mit der Arie des Banco aus „Macbeth“ auf, „Studia il passo…“ Seine Stimme verfügt über viel Farbe, gute Tiefe wie ansprechende Höhe. Auch seine Piani konnten mich überzeugen. Er kam ins Finale.

Das Finale

Mit Blaise Malaba begann auch das Finale am 7. September im Théatre du Capitole mit dem Orchestre nacional du Capitole unter der Leitung von Pierre Dumoussaud. Alle 10 Teilnehmer hatte zwei Arien zu singen. Bei guter Musikalität und Phrasierung des kantablen Basses von Malaba fiel mir nun bei beiden Vorträgen seine doch etwas begrenzte Resonanz auf. Nach ihm machte

Josy Santos mit der Arie zu „Lilias Pastias“ aus dem 2. Akt der „Carmen“ nicht nur die darstellerische Show einer brasilianischen Carmen, sondern überzeugte auch mit erstklassiger Technik, einem guten Stimmansatz und perfekter Diktion. Im Rahmen eines facettenreiches Vortrags zeigte sie im zweiten Vortrag gute Attacke und einnehmende Mimik sowie eine Superhöhe. Für mich eine der besten!

Jacob Scharfman folgte wieder mit dem Wolfram-Monolog, und es wurde nun klar, dass er keine Wagnerstimme hat. Dafür fehlt es bei zwar sehr guter Diktion doch an Tiefe und auch Volumen. Sie ist eher und wohl sehr gut für das italienische und französichen Fach geeignet. Ich sprach mit ihm beim anschließenden Empfang, und er sah das genauso. Dann kam

Andrés Esteban Sulbarán Oicatá aus Venezuela mit seinem hoch ansetzenden Tenor bei gutem baritonalem Unterbau, bester Diktion und schöner klangvoller Höhe, bei der er auch noch ansprechende Attacke zeigte. Mit der zweiten Arie des Romeo konnte er sehr überzeugen. Seine Stimme erschien mir allerdings doch etwas klein.

Olga Syniakova folgte mit zwei großartigen Arien, in denen sie sowohl eine gute Tiefe wie auch eine Superhöhe offenbarte. Hinzu kommt eine voluminöser und ausdrucksvoller Klang ihres Mezzo bei sehr guter emotionaler Darstellung und viel Resonanz. Im zweiten Teil legte sie auch eine gute Attacke an den Tag. Für mich ebenfalls eine der Ersten bei den Damen! Der Franzose

Valentin Thill folgte bei offenbar großer Musikalität mit einem verklärten Vortrag und weichem Tonansatz, mit schönem Timbre und guter Höhe. Seine Stimme erscheint mir bestens geeignet für das französische Fach. Im zweiten Teil konnte er auch die Leuchtkraft seines Tenors als Lenski aus „Eugen und Onegin“ ebenso wie eine beeindruckende Tiefe bei „Olga!“ unter Beweis stellen, und dabei ist sein Tenor schön baritonal unterlegt. Für mich bei den Männern einer der Ersten! Der Bariton

Daeho Kim aus Südkorea sang seinen ersten Vortrag etwas blass und mit steifer Haltung, mit einem jedoch sehr kraftvollen Bariton. Kim verfügt über eine raumfüllende Stimme für die Bühne. Im zweiten Vortrag ging es mit der Emotionalität und Mimik bedeutend besser, und es zeigte sich auch eine gute Diktion. Die Australierin

Anna Dowsley kam dann mit starkem Ausdruck ihres schön timbrierten Mezzos, mit viel Charakter, ebenso guter Tiefe wie Höhe und bester Diktion. Ihre Charlotte-Arie aus „Werther“ im zweiten Teil sang sie gefühlvoll und überzeugend emotional. Hier kam auch ein beeindruckendes Piano auf „Tout seule“, aber dann auch wieder eine große Attacke. Für mich eine der Ersten bei den Damen.

Lotte Verstaen folgte mit einem kräftigen und klangvollen Mezzo sowie einem äußerst sympathischen Vortrag des Orlofsky aus der „Fledermaus“ im zweiten Teil, beide mit großer mimischer Souveränität gesungen und dargestellt. Dennoch nicht auf meiner short list. Zum Schluss kam die fulminant auftretende Schweizerin

Marie Lys mit einer zwar relativ leichten Stimme aber enormer Koloraturkunst und blendenden Höhen bei bester Diktion. Sie beeindruckte auch durch feine Technik und Stimmführung. Ihre Conigonde aus „Candide“ von Bernstein hatte es in sich. Man hörte schon die Königin der Nacht! Mit beiden Vorträgen bestätigte sie meinen Eindruck, ganz weit nach vorn zu kommen.

Die Entscheidung

Sechs der zehn Finalisten wurden von der Jury ausgezeichnet:

Erster Hauptpreis

Frauenstimme: nicht vergeben / Männerstimme: Andrés Esteban SULBARÁN OICATÁ - Tenor - geb. 10.10.90 - Venezuela - Preisgeld: 5000 €

Zweiter Hauptpreis

Frauenstimme: Josy SANTOS - Mezzosopran - Brasilien – geb. 18.09.88 / Männerstimme: Valentin THILL - Tenor - Frankreich – geb. 13.10.93

Preisgeld: 3000 €

Dritter Preis Frauenstimme (ex-aequo): Anna DOWSLEY - Mezzosopran - Australien - geboren am 17.09.1987 / Lotte VERSTAEN - Mezzosopran - Belgien - geboren am 20.04.96 / Männerstimme: Daeho KIM - Bariton - Südkorea - geboren am 25/01/88 - Preisgeld 1000 €

 

Am Ende des Finales wurde das Publikum aufgefordert, für die Vergabe eines "Publikumspreises" zu stimmen. Dieser ging an Marie LYS - Sopran - Schweiz – geb. 24/06/88. Abschließend ist festzuhalten, dass der 52. Concours International de Chant sich durch ein sehr hohes Niveau der Semifinalisten und Finalisten auszeichnete, von denen bei richtigem Management und harter Arbeit bei behutsamer Entwicklung der Stimme sicher einige weit kommen können. Ich wünsche ihnen dazu alles Gute!      

                         

Klaus Billand, 11.10.2019

 

 

                                                                               

 

LA WALKYRIE

(Die Walküre)

am 11.2.2018

 Nicht etwa, dass die Wagner-Oper in französischer Sprache aufgeführt wurde – nein, aber mit der französischen Form des Titels hat man sie sozusagen völlig eingemeindet. Unsere Gruppe aus Wien und etliche deutsche Gäste bildeten eine verschwindende Minderheit, der Wagners Muttersprache in die Wiege gelegt wurde. Unter den Einheimischen, die das Haus füllten, war die Mehrheit offenbar des Deutschen unkundig. Sicherlich war die französische Übersetzung des Textes, die am oberen Bühnenrand mitlief, eine Hilfe, aber das volle emotionale Verstehen des Werkes wurde von der Bühne her und aus dem Orchester ermöglicht. Auch Erstbesucher dieses „Ring“-Abends wurden mitgerissen. Für mich war es eine jener Aufführungen, bei denen man meint, das Werk zum ersten Mal zu hören – ein nicht unwesentliches Qualitätskriterium!

Diese letzte von 5 Aufführungen war nach Aussage von Mitwirkenden die beste der Serie. Einerseits verständlich, weil man schon eingespielt ist, andererseits könnte sich bei solch anspruchsvoller Kost innerhalb von 13 Tagen (und vorhergehenden Proben) leicht schon Ermüdung einstellen. Aber nichts davon in dieser herrliehen (Faschings-)Sonntagnachmittagsvorstellung! Es wurde mit glühender Intensität gesungen und musiziert. Und dies in einer „normalen“ Inszenierung, mit einem Orchester, dessen Mitglieder das Stück großenteils zum ersten Mal spielten, unter einem Dirigenten, für den es – mit nur 6 Orchesterproben, ebenfalls ein Werk-Debut war, und einigen Rollendebutanten unter den Solisten. Die geniale Musik und das gigantische Bühnengeschehen überwältigte alle. Und man weiß ja seit Uraufführungszeiten, dass die Franzosen zu den begeisterungsfähigsten Wagnerianern zählen.

Ein eingespieltes Regieteam garantierte eine hochprofessionelle optische Realisierung: Nicolas Joel (mis en scene, ein sehr guter Ausdruck, weil es ein lebendiges In-Szene-Setzen suggeriert, nicht jenes heute vielzitierte willkürliche „Konzept“), Ezio Frigerio (decors, was in diesem Fall wohl auch mehr aussagt als das deutsche „Bühne“ oder „Bühnenbild“) und Franca Sqarciapini (Kostüme), von der im 1.Rang-Foyer gerade eine Ausstellung gezeigt wurde. Sie alle machten deutlich, dass Richard Wagner große, starke Persönlichkeiten mit gewaltigen Schicksalen auf die Bühne gebracht hat. Sowohl die Götter wie auch ihre Abkömmlinge erscheinen in würdiger Gewandung, Fricka gar in einem glitzernden weißen Kleid mit Schleppe, die ihre gehobene soziale Stellung kundtut. Auch Hunding ist kein Wüstling. Brünnhilde und ihr 8 Walküren-Schwestern, die einen Haufen toter Helden abzutransportieren haben, erscheinen wohlgerüstet. Doch gab es kein hohles Pathos – weder seitens der Bühnenakteure noch in der musikalischen Wiedergabe. Alle Sängerdarsteller überzeugten in ihren Rollen und fesselten im Zusammenspiel.

Auf einem spiegelglatten Boden (den wir bei einer Hausführung am Vormittag betreten durften) erhebt sich im 1. Akt der mächtige Stumpf einer Esche inmitten der Bühne. Bei Einbruch des „Wonnemonds“ hat er plötzlich eine Blätterkrone. Quer davor steht ein Tisch mit Stühlen. Also alles schön zentriert mit genügend Spielraum für die Sänger. Den 2. und 3. Akt beherrscht ein den ganzen Bühnenraum ausfüllender Turmbau die Szene und auf der herabführenden Freitreppe lassen sich alle wichtigen Handlungsmomente wunderbar einsichtig darstellen. Die passend variierte Beleuchtung, kulminierend in einem prächtigen Feuerzauber, in dessen Mitte der Göttervater mit erhobenem Speer – noch – über die Welt gebietet, sorgt für ein großes Theatererlebnis. Alles im Einklang mit der Musik, versteht sich – in der französischen „Provinz“ ist so etwas ja noch erlaubt.

Claus Peter Flor dirigierte, als ginge es um sein Leben. Und so spielten auch die Musiker. Der in Zwickau, Weimar und Leipzig (u.a. bei Kurt Masur) ausgebildete Dirigent hat weltweit vor allem eine Konzertkarriere gemacht, war u.a. GMD des Berliner Symphonieorchesters (mit weltweiten Gastspielen), hat viel mit dem Tonhalle Orchester Zürich, wo er auch wohnt, gearbeitet und 6 Jahre in Malaysia. Nichtsdestotrotz zeigte er in Toulouse, wo er mehrere Jahre am Théâtre du Capitole gewirkt hat, alle Qualitäten eines erstrangigen Operndirigenten. Auf der Basis klassischer Tempi gelang es ihm, die ab dem 1. Takt aufgebaute Spannung durch alle 3 Akte nie abreißen zu lassen. Mit trefflicher Zeichengebung inspirierte er alle Mitwirkenden zu vollem, aber wohldosiertem Einsatz, und hatte wohl schon bei den Proben auf größte Wortdeutlichkeit der Sänger Wert gelegt. So erhielt die Musik ihre volle Ausdruckskraft und es konnten prächtige Höhepunkte aufgebaut werden, vom „blühenden Wälsungenblut“ über das „hehrste Wunder“ und den mitreißenden Walkürenritt bis zu Wotans groß dimensioniertem Abschied. Im nicht übergroßen Orchestergraben waren, wie in Bayreuth, die schweren Bläser und das Schlagzeug unter Bühnenniveau platziert, sodass keine Gefahr bestand, dass die Sänger zugedeckt wurden. Alles in allem also eine großartige Gesamtdisposition. Dass Dirigent und Musiker nach jedem Akt einander mit strahlenden Gesichtern applaudierten, soll nicht unerwähnt bleiben. Der Wagner-Funke ist offenbar von jedem zu jedem übergesprungen…

Die Mezzosopranistin Daniela Sindram, immer schon (etwa als Octavian, Brangäne, Fricka, Adriano oder Kundry) auch mit sicherer Höhe aufwartend, konnte dank ihrer breiten, kräftigen Mittellage der Sieglinde besondere Autorität verleihen. Das war kein armes vom Ehemann unterdrücktes, Hascherl, sondern eine eigenständige Persönlichkeit, die sich ihrem ebenso groß gewachsenen „leuchtenden Bruder“ stolz in die Arme warf und ihr weiteres Schicksal gefasst auf sich nahm. Michael König sang und spielte mit ausgeglichenem, kräftigem Tenor und würdig-heldischem Auftreten einen glaubwürdigen Siegmund. Auch der Hunding von Dimitry Ivashchenko beeindruckte mit Basseskraft und als selbstbewusster Hausherr.

Die Hojotoho-Rufe der Russin Anna Smirnova eröffneten neue vokale Dimensionen. Auf diese Tochter durfte Vater Wotan stolz sein. Sie wusste, was sie tat und sang – mit unbegrenzten Stimm-Mitteln und in allen Lebens- und Stimmlagen souverän. Sehr beeindruckend auch ihr Auftreten als Todverkünderin auf der Mitteltreppe des väterlichen Palastes, wo jedes Wort und jeder Ton Gewicht hatte. Und sehr überzeugend dann das Plädoyer für ihr richtiges Handeln gegenüber dem erzürnten Gott. Den kannten wir gut. Tomasz Konieczny fesselte mit der gewohnten göttlichen Autorität, durchlebte recht ergreifend die verschiedenen emotionalen Schicksalsmomente bis zum würdigen Abschied von seinem „besseren Ich“, aber schön gesungen hat er wirklich nicht. Derart grell und forciert im beinah Dauer-Forte mit an und für sich viel zu hellem Bassbariton und den ständigen Vokalverfärbungen – da stellt sich kein Hörvergnügen ein. Ein paar schöne piano-Phrasen am Schluss zeigten, dass es auch anders ginge. Ich mag einfach nicht glauben, dass sich da nichts verbessern ließe. Seine göttliche Gemahlin, Elena Zhidkova, verwies ihn da glatt – mit verständlichem Erfolg – auf den zweiten Platz. Das ist eine Prachtstimme für derlei Autoritäten!

Die Damen Marie-Laure Garnier, Oksana Sekerina, Pilat Vasquez, Daryl Freedman, Sonja Mühleck, Sylvia Vörös, Karin Lovelius und Ekaterina Egorova v erdingten sich als Schlachtjungfrauen. Ihre Namen mögen beweisen, wo überall auf der Welt sich Wotan umgetrieben hat. Dass das weder lauter Nobelstimmen waren noch das für diese Wotanstöchter verpflichtende Umherschleifen männlicher Leichen sie als edle Geschöpfe auswies, entschuldigt wohl manche grellen Töne.

Aber gerade im Kontrast zu diesen wilden Umtrieben berührten einen die Schicksale der so menschlich gezeichneten, ihr Schicksal voll auslebenden und heldenhaft ertragenden Wagner-Figuren desto stärker. Lebendiger Mythos – dank dem Dichterkomponisten und seinen Interpreten – der fesselt jenseits des jeweiligen Sprachraums.

Foto (c) theatre du capitole

Sieglinde Pfabigan 16.2.2018

Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online Wien

 

 

 

L’ITALIANA IN ALGERI

27. Mai 2016

Rossini-Experte im Orchestergraben und viel „Bunga-Bunga“ auf der Bühne

In deutschsprachigen Ländern kennt man das Théâtre du Capitole in Toulouse vor allem als französische Wagner-Hochburg, als unter der langen Intendanz von Nicolas Joël (1990-2009) hier ein „Ring“ aufgeführt wurde. Der Nachfolger von Joël (als dieser an die Pariser Oper wechselte), Frédéric Chambert, fügte dem deutschen Repertoire noch einige weniger bekannte Opern zu, wie 2014 die „Daphne“ von Richard Strauss, und will nun ältere Traditionen in Toulouse wiederaufnehmen. Denn 1836 wurde hier schon „L’italiana in Algeri“ gespielt, ein „Jugendwerk“ des damals gerade 21-jährigen Rossini, 1813 in weniger als einem Monat komponiert für das Teatro San Benedetto in Venedig und natürlich auch für die große Sängerin Marietta Marcolini, die schon einige Hauptrollen Rossinis gesungen hatte.

Das Capitole konnte nun die Sängerin Marianna Pizzolato verpflichten, die die anspruchsvolle Rolle der Isabella (der „Italienerin in Algier“) schon an vielen großen Opernhäusern gesungen hat, zuletzt noch diesen Frühling in Florenz, zusammen mit Pietro Spagnoli, der schon dreißig Jahre Rossini singt. Die beiden sind also als Isabella und Mustafà (der Bey von Algier) perfekt auf einander eingespielt und wurden wunderbar begleitet durch Antonio Fogliani, den sie schon vom Rossini-Festival in Pesaro kannten und der seit 2011 auch der musikalische Leiter des Rossini-Festivals in Bad Wildbad ist. Fogliani, der in Toulouse debütierte, dirigierte einen auffallend „klassischen“ Rossini. Er meinte in einem interessanten Interview für das Programmheft, dass „die Italienerin in Algier“ eine „Tochter von Haydn und Mozart“ ist. So erkannte man in der üblichen „Rossini-Agitation“ auch einige klassische Phrasen von Haydns „L’incontro improvviso“ (1775) und den Bassa-Chor mit „türkischer Banda“ aus Mozarts „Entführung aus dem Serail“ (1782). Das Orchestre national du Capitole spielte eine wirklich interessante Ouvertüre. Doch im Laufe des Abends wurden die Bläser offensichtlich müde, verloren einige Läufe an Präzision und gingen einige interessante Tempo-Angaben des Dirigenten verloren. Der Männerchor des Capitole (Leitung: Alfonso Caiani) fing auch sehr gut an und verlor ebenfalls an Präzision. Das kann jedoch auch an dem „Herumgehopse“ auf der Bühne gelegen haben.

Denn auch in Toulouse engagiert man inzwischen für die Musik wirkliche Experten und für die Inszenierung Opern-Fremde Künstler, von denen man sich eine „neue Sichtweise“ auf altbekannte Werke erhofft. In dieser Hinsicht wurden wir nicht enttäuscht und sahen Vieles, was wir noch nie in einer „L’italiana in Algeri“ und überhaupt auf einer Opernbühne gesehen haben. Laura Scozzi ist in Frankreich vor allem bekannt als langjährige Choreographin des Regisseurs Laurent Pelly, für den sie viele lustige Tanzeinlagen ausgedacht hat. 2008 debütierte sie in Nürnberg als Opernregisseurin und hat dort schon fünf Opern inszeniert. Scozzi verlegte die Handlung von Algerien nach Italien und gab dem Bey die sexuellen Vorlieben des Ex-Premiers Berlusconi, der – wie Mustafà – seiner angetrauten Gattin(en) etwas überdrüssig ist und von einer spritzigen Ausländerin träumt. Deswegen will Mustafà seine Frau Elvira mit seinem italienischen Sklaven Lindoro verheiraten. Doch dieser ist in die schöne Isabella verliebt, mit der in der Schlussszene aus dem Harem des Beys entflieht.

Der Opernabend fängt an mit Ausdruckstanz: Elodie Ménadier und Olivier Sferlazza kopulieren, schlagen sich und bringen sich auf verschiedene Arten um: mit Beilen, Schlachtermessern, Plastiksäcken etc. Sie präsentieren uns bei jedem Bühnenwechsel „Szenen einer Ehe“ und es fließt literweise Theaterblut. Die aufwendige und leider nicht geräuschlose Drehbühne von Natacha Le Guen de Kerneizon führt uns jedes Mal wieder ins Schlafzimmer des Beys, wo Mustafà akrobatischen und fantasievollen Sex hat mit sechs „Playgirls“, die man anscheinend im Pariser Crazy Horse ausgeliehen hat. Doch für diese „Bunga-Bunga“ müssen die Schönheiten sich mit allen möglichen Sado-Maso-Utensilien abmühen, die wir nicht weiter beschreiben wollen, da sie – nach unserer Meinung – nichts in diesem Stück und überhaupt auf einer Opernbühne zu suchen haben. Sehr befremdend auch der „tabledance“ von Manon Cassini, einer professionellen „stripteaseuse“, die bei Rossini genau so fehl am Platze scheint wie vor kurzem ein professioneller Pornoschauspieler in Wagners „Venusberg-Szene“ (auf einer anderen Opernbühne).

Die Vulgarität des Ganzen wurde noch unterstrichen durch die wenig eleganten Kostüme von Tal Shacham. Als Isabella in Lederdress auf der Bühne erschien, gab es den größten – sicher ungewollten – Lacheffekt des Abends. Denn Marianna Pizzolato sah in diesem Outfit einfach lächerlich aus und tat uns allen leid. Trotz Ledermaske und hinderlichem Gefuchtel mit ihrer Peitsche sang sie lupenreine Koloraturen, fand in jeder Reprise neue Farben und Verzierungen und zeigte sich als Rossini-Interpretin von internationalem Format. Leider sang Pietro Spagnoli als Bey nur ein einziges Duo mit ihr, denn die anderen Sänger – die alle in Toulouse debütierten – konnten den beiden nicht das Wasser reichen.

Als männliche Hauptrolle, Lindoro, hatte man den jungen Russen Maxim Mironov engagiert, einen „Senkrechtstarter“ mit offensichtlich einflussreicher Agentur, der seit dem Wettbewerb „Neue Stimmen“ überall engagiert wird. Doch was wir hier hörten war – für unsere Ohren – total ungenügend (in diesem Cast und für eine so große Bühne).

Auch der Rest der Besetzung überzeugte wenig – lag es an ihrem Debüt in Toulouse (die Akustik ist eher Sängerfreundlich) oder an der Inszenierung? Nur der Bariton Aimery Lefèvre, quasi im Ensemble in Toulouse, konnte als Handlanger Haly (und Mädchenbeschaffer des Beys) überzeugen. Im Januar 2017 wird diese Produktion im Staatstheater Nürnberg wieder aufgenommen (mit einer anderen Besetzung) und im November 2016 gibt es schon den nächsten Rossini in Toulouse: „Il Turco in Italia“ – wir sind gespannt!

Fotos (c) Théâtre du Capitole / Patrice Nin

Waldemar Kamer 29.5.16

Besonderer Dank an Merker-Online (Paris)

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de