Antonio Vivaldis Violinen-Konzert-Zyklus Die vier Jahreszeiten ist sogar Leuten im Ohr, die sich nicht für klassischer Musik interessieren. Seine Opern allerdings kennt allerdings kaum ein Opernfan, denn gespielt werden die Musiktheaterwerke des Venezianers kaum. In Nordrhein-Westfalen gab es seinen Orlando furioso immerhin schon mal 1996 in Wuppertal und 2009 in Bonn. Im Wuppertaler Opernhaus wird jetzt Vivaldis Griselda aus dem Jahr 1735 dem Vergessen entrissen.

Die Geschichte ist Giovannio Boccacios Dekameron entnommen: Der thessalische König Gualtiero ist mit Griselda verheiratet, die wegen ihre Herkunft als Schäferin vom Volk nicht anerkannt wird. Deshalb verstößt Gualtiero seine Frau und erwählt Constanza zu seiner Braut, die allerdings mit dem athenischen Prinzen Roberto verbandelt ist. Währenddessen bemüht sich der thessalische Fürst Ottone erfolglos um Griselda, die zu ihren Schäfern zurück aufs Land geht. Nach allerlei Verwirrungen erkennt Gualtiero die Treue und Duldsamkeit Griseldas und akzeptiert sie wieder als seine Frau. Zudem entpuppt sich Constanza als lang verschollene Tochter des Paares und wird mit Roberto glücklich.
Regisseurin Mathilda du Tillieul McNicol versucht die Geschichte in die Gegenwart zu übertragen: Gualtiero ist jetzt Tech-Unternehmer und hat die Tänzerin Griselda in einem Nachtclub kennen gelernt. Ottonne ist leitender Angestellter im Betrieb, Constanza eine Praktikantin und Roberto der Hausmeister. Dier Nacherzählung der modernisierten Handlung durch Dramaturgin Laura Knoll erregt bei der Einführung beim Publikum viel Heiterkeit.
Regisseurin Mathilda du Tillieul McNicol bringt die komplizierte und toxische Beziehungsgeschichte sehr lebendig und glaubhaft auf die Bühne. Dabei hilft das abwechslungsreiche Bühnenbild von Noeme Daboczi: Zwei Drehpodien ermöglichen schnelle Szenenwechsel zwischen Wohnküche, Schlafzimmer und Büroräumen. Man merkt aber bald, dass in dieser Oper wenig passiert, jede Person dazu aber diverse Arien singen darf. Eine echte Entwicklung der Figuren und ihrer Beziehungen findet kaum statt.
Kapellmeister Yorgos Ziavras bringt Vivaldis Partitur sehr lebendig und schwungvoll zu Gehör. In den Arien versucht er, die Metaphern des Textes auch musikalisch zum Klingen zu bringen. Für barocke Farben sorgen Elizaveta Solovey an der Theorbe und Bonnie Wagner am Cembalo. Mit der Originalität, Farbenreichtum und Emotionalität des gleichzeitig wirkenden Georg Friedrich Händel kann Vivaldi aber nicht mithalten.
Als Schauplatz des 2. Aktes hat sich die Regie einen Nachtclub ausgedacht, in dem aber relativ wenig los ist. Da wird nicht getanzt und getrunken. Die einzigen Gäste, die sich in dieses Etablissement verirren, sind die Beleg- und Verwandtschaft von Gualtiero. Das glückliche Ende verweigert die Regisseurin den Figuren: Das Constanza die Tochter des Königpaares ist, wird gar nicht enthüllt. Stattdessen bleibt die ausgenutzte Praktikantin frustriert alleine zurück.
Überraschend ist, dass sich die Wuppertaler Oper für die vier Vorstellungen, die diese Produktion gespielt wird, ein fünfköpfiges Ensemble aus Barockspezialisten eingekauft hat und lediglich eine Sängerin aus dem hauseigenen Opernstudio auf der Bühne steht: Sonja Rune singt eine selbstbewusste und energiegeladene Griselda. Sie verkörpert die Partie mit starker körperlicher Präsenz und vollem Mezzo. Michael Gibson gefällt als Gualtiero mit wendigem und klangvollem Tenor. Ihn würde man gerne auch gerne in den großen Tenorrollen Händels und Mozarts hören.

Rinnat Moriah ist eine koloraturfreudige Constanza. Beachtlich sind die beiden Countertenöre: Sehr glockig klingt die Stimme von Gerben van der Werf, der den gutmütigen Roberto singt. Der eher etwas intrigant angelegt Ottone von Lidor Ram Mesika gefällt in den lyrischen Passagen mit einer lieblichen Stimme. Die tiefe Töne seiner Partie singt er aber im Bariton, was in virtuosen Passagen zu einem Jodeleffekt führt.
Auch wenn der Aktualisierungsversuch der Regie nicht in allen Aspekten überzeugen kann, und Vivaldis Musik im Vergleich zu Händel etwas schwächer abschneidet, lohnt sich ein Besuch dieser Aufführung. So schnell wird man Griselda nämlich nicht wieder begegnen.
Rudolf Hermes 21. Januar 2026
Griselda
Antonio Vivaldi
Oper Wuppertal
Premiere: 16. Januar 2026
Regie: Mathilda du Tillieul McNicol
Musikalische Leitung: Yorgos Ziavras
Sinfonieorchester Wuppertal