Hof: „Die Bajadere“, Emerich Kálmán (zweite Besprechung)

Ich werde den Satz nie vergessen: „Kálmán war ein Genie“. Gesagt hat ihn vor rund 25 Jahren Bónis Ferenc, einer der größten Kenner der ungarischen Musikszene, Gott hab ihn selig, am Rande eines der Salzburger Symposien für (Musik-)Theater. Wir unterhielten uns über die Csárdásfürstin, die ein halbes Jahr zuvor in einer umtosten Premiere an der Semperoper das auf Amüsement gepolte Silvesterpublikum verschreckt hatte, weil der Regisseur Peter Konwitschny es wagte, das Weltkriegsstück ernst zu nehmen. Ich konnte Bónis nur zustimmen: Kálmán war ein Genie.

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Aber war Emerich Kálmán immer ein Genie? War er es auch im Fall der Bajadere, eines notorisch selten gespielten Stücks? Gilt auch hier der Satz „Es hat gute Gründe, wieso dieses Stück nicht mehr oder nicht oft gespielt wird“, der leider auf viele Opern- und Operetten-Ausgrabungen angewandt werden kann? Jein, oder anders: Selbst in einer Aufführung eines kleines Hauses (und das Theater Hof ist ein kleines Haus) und mit einer vergleichsweise zurückhaltenden Regie, vermag das Stück auch 104 Jahre nach seiner Wiener Uraufführung zu wirken, der viele internationale, aber relativ wenige deutsche Produktionen folgten. Mit einem Wort: Die Musik rettet (wieder einmal) alles, doch der nahe liegende Verdacht, dass den Librettisten, dem Gespann Julius Brammer und Alfred Grünwald, die nach der Bajadere neben den Perlen der Cleopatra für Oscar Straus noch vier weitere Libretti für Kálmán schrieben, unter ihnen Gräfin Mariza – dass also den Librettisten nicht mehr eingefallen sei als „der übliche Operettenschmarrn“, wie die populäre Formel lautet, muss in allerschärfster Form zurückgewiesen werden.

Auch Die Bajadere trägt, wie das musikalisch verwandte Land des Lächelns, fremdländisches Gepräge, ohne den Wiener Operettenkomponisten zu verleugnen. Es blieb Kálmáns Lieblingswerk, und man versteht wieso: Die exotisierende Instrumentation in Verbund mit ebensolchen Melodien ist auch heute noch berückend – so berückend wie die Titelheldin, die Diva Odette Darirmonde, die wie alle ihre Vorgängerinnen mit ihren Partnern spielt. Die Operette nimmt sich nicht mehr ernst, oder besser: Sie ironisiert sich. Der um Liebe buhlende, steinreiche Adlige aus fernen Landen interessiert sich, mehr als für seinen Thron, für seine Liebe zur Sängerin, die nicht zufällig als Bajadere auftritt, und die Künstlerin überzeugt mit Hilfe eines Claqueurchefs den Mann endlich davon, dass sie die einzig Richtige für ihn zu sein scheint. Es ist ein pures Verstellungsspiel, das die Gegenwelten von Theater und Leben einander annähert. Dafür sorgen auch die Modetänze der frühen Zwanziger, der Slowfox und der Shimmy. Kálmáns Operette erweist sich wieder als modernes Amalgam aus raffinierten Klängen und aktuellen Tänzen, die – allen Kritikern zum Trotz – nicht aus der Retorte, also der Operettenfabrik kommt. Modern ist nämlich auch die fast freudianische Sachlichkeit, mit der die Librettisten die Konflikte ausstatten: Es ist schwer zu sagen, wo das erotische Spiel aufhört und die unverfälschte Zuneigung beginnt. Vermutlich ist beides im Theatermilieu untrennbar verkettet – aber dies wäre vielleicht schon eine Überinterpretation, die Kálmáns Bemühen um die Klärung amouröser Verhältnisse im Medium eines bewusst brillant sein wollenden Unterhaltungsmediums verkennen würde. Trotzdem: Kein anderes Werk Emmerich Kálmáns wäre für moderne, psychoanalytisch orientierte Inszenierungen so geeignet wie jenes, das mit den Topoi des Orients und des Okzidents spielt. In Hof deutet man sie auf durchaus eigene Weise.

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Natürlich zündet nach über einem Jahrhundert nicht mehr jede Pointe, kann nicht mehr jede zwischen Konvention und Moderne changierende Idee in ihrer Besonderheit wahrgenommen werden. Schaut man sich allerdings, wie der Regisseur Oliver Pauli, die Bühnen- und Kostümgestalterin Esther Bätschmann und die Dramaturgin Alena Pardatscher, die Operette genauer an, kommt man schon schnell darauf, dass in der Bajadere nicht alles mit jenen rechten Dingen zugeht, über die die (Operetten-)Wirklichkeit noch wenige Jahre zuvor verfügte. Dazwischen aber lag ein erster Weltkrieg, der auch die Geschlechterrollen neu definiert hatte. Im Grunde handelt es sich bei der Geschichte um die Geschichte mehrerer Emanzipationen: Der einst aus Indien gekommene, schon längst in Paris sozialisierte Prinz Radjami, der sich in die Show-Diseuse Odette verliebt, scheitert fast an der selbstbewussten Frau, an deren Stolz sich die (scheinbare) Hypnosekraft des orientalischen Tenors als fauler Zauber erweist – mit dem Ergebnis, dass der Bonvivant über sein Scheitern zur Erkenntnis kommt, dass „wahre Liebe“ anders errungen wird. Dem Happy End steht dann natürlich nichts mehr im Weg, doch anders als im Original wird die Frau nun nicht mehr in eine Ehe im fernen Land eingebunden, sondern mit ihrem zuletzt zum Bühnenprinzen mutierenden Mann in Paris bleiben: mit allen Zukunftsaussichten, die eine realistische Beziehung zwischen Bett und Bühne so bietet.

Das zweite Paar ist das komische, und auch dieses entwirft eine moderne Variante geglückten Paarseins. Marietta ist zwar verheiratet und „betrügt nie ihren Mann“, muss sich dafür jedoch auch immer scheiden lassen, um ihren Mann nicht betrügen zu müssen. So changiert sie nicht nur zwischen zwei bestimmten Männern, sondern wird sich nach dem dritten Akt vermutlich in eine erotisch lustige Menage à trois mit ihrem Verflossenen, der ihr Jetziger ist, und ihrem Jetzigen, der einmal ihr Verflossener war, begeben.

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Beiden Paarkonstellationen ist eines gemein, der Operetten-Kenner Volker Klotz hat es auf den Punkt gebracht: „Jeder, der hier mitmacht, verstellt sich, um etwas für sich herauszuschlagen.“ Was der einen die Rache oder die „wahre Liebe“ ist, ist der anderen ein Zobel (oder besser gleich zwei oder drei…). „Ob sie es merken oder nicht, ob sie noch so leidenschaftlich aus sich herausgehen: Jeder wechselt nur von einer eigensüchtigen Rolle in die nächste.“ Was die Chose adelt, ist der Humor des zweiten Paares, respektive Trios – und Kálmáns elegante wie witzige Musik. Mit der Bajadere schuf er eine Partitur, deren Originalität gar nicht überschätzt werden kann. Klingen hier noch, etwa in der sehnsüchtigen Glanznummer des ersten Paares – „Man küsst auch in Benares“ – Walzerrhythmen an, tanzt man aber auch Boston, Foxtrott und Shimmy. In Hof machen das Inga Lisa Lehr, Markus Gruber und Thilo Andersson – und sie machen es phänomenal. Es ist ja bereits keine Kleinigkeit, Operette „nur“ zu singen. Wie die drei als Dreamteam über die Bühne wirbeln, wie Inga Lisa Lehr sich einmal zusammen mit drei Herren vom Ballett in einen Pas de quatre begibt, ist Operette at its best – ebenso wie der deutlich hörbare Orgasmus, den die Dame fast bekommt, während ihr zukünftiger Gatte seine hochdramatische und natürlich erlogene Geschichte von der Tigerjagd erzählt. Doch bevor‘s zum Höhepunkt kommt, erleidet die Geschichte wie die Dame einen Interruptus…

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Dem Prinzen wird dagegen eine vornehme Statur verliehen, die ihn nicht zu einem Operettenradscha erniedrigt und zu seinem sensitiven Tenor passt: Minseok Kim spielt und singt einen Gentleman, der sich ohne Seidenturban, doch immerhin noch mit indischer Schärpe am schicken Smoking ins Cabaret verirrt zu haben scheint; Kálmán gab seiner Sphäre ein paar exotisierende Klänge mit, die von Odette aufgefangen werden. Annina Olivia Battaglias Sopran ist wendig genug, um schon die einleitende Kadenz ihres Bühnen-Auftritts reizvoll zu machen; dass man sie, die weite Teile des Abends dominieren, und Kim nicht immer ganz hört, liegt nicht am Orchester, den Hofer Symphonikern, das unter der Leitung von Peter Falk das Gewicht zwischen den Singstimmen und den Instrumenten stets beachtet, sondern am Bühnenbau. Die Idee ist gut, aber die Architektur problematisch, weil oft ein großer runder Durchblick unter einem immer offenen Bühnenhimmel die Akustik zum Nachteil der vokalen Dynamik bestimmt. In dieser Hinsicht ist das Bühnenbild nicht besonders gut, auch wenn man weiß, was gemeint ist und sich der Raum optisch durch eine schöne Klarheit auszeichnet, der zwischen der Metapher des Lebens als Theaterspiel und dem realen Theaterraum vermittelt. Hier treten sowohl die Akteure als auch die Lebensspieler auf, auch die von Barbara Buser choreografierten und im Bollywood-Stil tanzenden drei Damen, während die Bajadere sich mit einem raffinierten Trickkostüm innerhalb von wenigen Sekunden mehrfarbig entblättert. Schön auch die Idee des Hochzeitskleids: Da zieht sie ein Tuch vom Bühnenhimmel, das sie punktgenau verhüllt. Ihren größten Auftritt aber hat sie als Venus in Weiß, als schicke Revuefrau der frühen 20er Jahre: in weißem Smoking, im Licht stehend, während die Bewegungen um sie und den Prinzen herum in einer Zeitlupe verlaufen, die die ganze Aufmerksamkeit auf die zauberische Erscheinung legt. Theodor W. Adorno, der, wie Karl Kraus, die zu Unrecht als „silbern“ bezeichnete Operette als pure Ware denunziert hat, hätte nicht zu Unrecht von einer „Phantasmagorie“ geredet. Ähnlich phantasmagorisch ist der Sternenhimmel, der das Sternduett Mariettas und ihres Galans mit dem sprechenden Namen „Napoleon St. Cloche“ verzaubert, indem er den Hofer Zuschauerraum stellar illuminiert.

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Da kommt dann selbst beim komischen Paar die Magie zu einem Höhepunkt. Dass die Handlung auch mit den mild modernisierten Dialogen bei mir nicht das rechte Interesse fand (außer dort, wo die echt emanzipatorische Idee eines sogenannten flotten Dreiers zwischen einem renovierten Ex-Mann, seiner Ex-Frau und dem momentanen, doch nun seinerseits in die Breite gegangenen Ehemann und der Verbindungsfrau mit dem Fimmel für zwei, drei Zobel gut amüsiert), mag an der defizitären Akustik liegen, die jedoch gleichzeitig beweist, dass man in Hof, anders als in vielen anderen Häusern, nicht heimlich mikrofoniert. Die Hofer machen sozusagen noch ein echtes hand- und kehlengemachtes Theater: mit guten bis sehr guten Solisten und einem guten Opernchor. Was die mild modernisierten Dialoge betrifft, ist vom Starlight-Express die Rede wie vom „früheren Prince“, einem Chorstatisten, der im Finale nun doch nicht auf die Bühne kommt, weil der echte Prinz auf Geheiß des Theaterdirektors mit der falschen Bajadere auf der Theaterbühne steht, um das gemeinsame Glück zu besiegeln. Vorher besingt, es ist durchaus hintersinnig, der Prinz seine Liebe wie ein Sänger eines Liederabends: am begleitenden Klavier stehend. Ist das also nun alles echt oder falsch?

Die Frage stellt sich nicht, weil die Operette, bei allen Erinnerungen an die Gegenwart, eine andere Wirklichkeit als die Wirklichkeit besitzt. Und Kálmáns Musik bleibt einfach die Musik eines Genies, der die Phantasmagorie nur angemessen ist und, im Sentiment wie im zeitlos erfreuenden Modetanz, so charmant gebracht werden muss wie in Hof.

Frank Piontek, 1. Januar 2026


Die Bajadere
Operette von Emerich Kálmán

Theater Hof

Besuchte Vorstellung: 28. Dezember 2025
Premiere: 19. Dezember 2025

Inszenierung von Oliver Pauli
Dirigat: Michael Falk
Hofer Symphoniker