Nürnberg: „Noise Signal Silence“, Richard Siegal

Sagen wir es positiv: Was Richard Siegal, der neue Nürnberger Compagniechef, mit seiner ersten Produktion realisiert hat, ist Tanz, kein Tanztheater. Dass er in enorm große Fußstapfen tritt, nachdem Goyo Montero 17 kurze Jahre lang die Herzen der Nürnberger für das moderne Tanztheater Monteroscher Prägung bewegt hat, versteht sich von selbst – unmöglich, die Ästhetik Richard Siegals, wie er sie in seiner Einstandsinszenierung auf die Bühne gebracht hat, ohne die bewussten und unbewussten Erinnerungen an Monteros Choreographien zu reflektieren. Der Autor dieser Zeilen gibt gern zu, dass er befangen ist – und kommt zum Ergebnis, dass Noise Signal Silence für Tanz-, nicht für Tanztheater-Freundinnen und -Freunde konzipiert wurde. Denn, um es frei nach Hölderlin zu sagen: Ich sehe Tänzer, aber keine Menschen.

© Pedro Malinowski

Wer das Programmheft liest oder sich die Einführung der Ballettdramaturgin Maren Zimmermann anhört, könnte leicht verwirrt werden. Behauptet wird ein Zusammenhang der Choreographien Richard Siegals mit John Cages Idee einer Stille, die per se nicht möglich ist – liest man im zweiten Teil des Abends, dem 2013 am Bayerischen Staatsballett uraufgeführten Unitxt, das Wort Silence in riesenhaften Lettern (so wie man zuvor die Worte Noise und Signal las), wummert einem, während die Männer und Frauen wie testosterongesteuerte Wesen maskulin körperschwingend über die Bühne stromern, eine computergenerierte Musik in die Gehörgänge, die bei gesundheitlich gefährdeten Personen leicht Herzrhythmusstörungen auslösen könnte. Und wird man darauf verwiesen, dass es in Unitxt um die Frage geht, inwiefern das Digitale eher Heil oder eher Segen ist, bekommt man eine zweifellos brillante Tanzshow serviert, die auch, zugespitzt ausgedrückt, den Untergang von Karthago oder das Leben der Ameisen zeigen könnte. Tendiert Oval, gleichfalls aufgebaut auf einem synthetischen Sound von Alva Nota alias Carsten Nicolai, im dauernden Graulicht vonMatthias Singer, noch zu Gymnastischem (dieses Wort konnte man in der Pause auffangen), so schickt der neue Nürnberger Choreograph seine Truppe im zweiten Teil in einen vom Bewegungsmodus einer Modeschau (die Tänzer tragen Modedesign) inspirierten Showtanz, der, wie auch Teil 3 – Lilac, eine für Nürnberg kreierte, mit Improvisationen arbeitende Choreographie – keine Geschichte erzählt, sondern zum Computergehämmer Stellungen, Gesten, Schritte, Hebungen, Wechsel und Begegnungen zeigt: doch keine, die zumindest mich bewegen würden.

© Pedro Malinowski

Man verstehe mich nicht falsch: Die Truppe tanzt wirklich gut. Sie beherrscht ihr Hand- und Fußwerk aus dem Effeff. Sie „kann“, auf den Punkt, die Schritte und Rhythmen, sie exzelliert in Paar- und Individualtanz, in Pas de deux und quatres, in uniformen Gruppenbildungen und Variationen. Wenn weibliche Tänzer zu den harten drums von Unitxt ihre Spitzenschuhe aufs Parkett knallen, macht das Zusehen sogar ausgesprochenen Spaß. Die Compagnie bringt ein Publikum zum Tosen, in dem sich nur die Hände kaum rühren, die sich von einem Nürnberger Tanzabend mehr erwarten als Tanz: dort, wo das Theater erst anfangen und aus der äußeren Bewegung eine innere werden sollte. Siegal wolle, sagt Zimmermann, mit seinen Choreographien die „Spannung zwischen Kollektiv und Konformität“ ausloten. Der Satz bleibt eine Behauptung – die Intensität, mit der Montero sein Kernthema, die Spannung zwischen Kollektiv und Individuum in immer neuen, stets neue Mittel erfindenden Choreographien gezeigt hat, bleibt vorderhand unerreicht.

© Pedro Malinowski

Kommt hinzu eine Einschichtigkeit des Lichts und der Bühne (ich weiß: eine nackte Bühne reicht als Theaterraum vollkommen aus), die in Oval von einem seine Position permanent verändernden, großen juwelenglitzernden Kreisband noch schön akzentuiert wird. Der Rest ist, bei vielen verschiedenen Schritten, denkbar undifferenziert. Seltsam, da doch die neue Compagnie nun, da Siegal 2016 das Ballet of Difference gegründet hat, einen neuen Namen trägt: Staatstheater Nürnberg – Ballet of Difference. Am Ende des zweiten Teils sehen wir die Tänzer nur noch als sehr ähnliche Silhouetten. Das Bild ist in Goethe’schem Sinn bedeutend: denn weniger Differenz ist kaum möglich.

Der Rest ist Tanz auf jenem hohen Niveau, das die Ballett-Aficionados seit vielen Jahren in Nürnberg gewöhnt sind.

Frank Piontek, 12. Januar 2026


Noise Signal Silence
Choreografien von Richard Siegal

Staatstheater Nürnberg

Besuchte Vorstellung: 11. Januar 2026
Premiere: 15. November 2025