Wuppertal, Konzert: „Die Walküre“, Richard Wagner (Zweite Besprechung)

An Ehrgeiz und Risikofreude mangelt es der Wuppertaler Oper derzeit beileibe nicht. Nach der erfolgreichen Premiere einer szenisch und musikalisch gleichermaßen herausfordernden Bühnenproduktion von Antonio Vivaldis Oper „Griselda“ setzte man zwei Tage später die konzertante Präsentation von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ mit einer imponierenden „Walküre“ fort.

Selbstverständlich kann ein Haus wie Wuppertal weder eine barocke Oper mit derart virtuosen Frauen- und ungewöhnlich hoch gestimmten Countertenor-Partien noch Wagners monumentale Tetralogie mit eigenen Kräften besetzen. Erst recht, wenn man nur ein Ensemble mit neun Sängerinnen und Sängern zur Verfügung hat. Das hat allerdings im letzten Jahr immerhin eine musikalisch sehr achtbare Produktion von Rossinis „Barbiere di Siviglia“ auf die Beine stellen können. Dabei glänzte mit dem Bariton Sono Yu in der Titelrolle sogar ein blutjunges und hoch talentiertes Mitglied des Opernstudios NRW. Eigentlich ein Signal, stärker in eine intensivere Ensemblearbeit zu investieren.

Denn spezielle Produktionen wie „Griselda“ oder der „Ring“, die Wuppertal nahezu ausschließlich mit Gästen stemmen kann, sind teuer. Allein die Gagen für eine einmalige Aufführung des „Rings“ verschlingen sechsstellige Summen. Dass sich der junge Generalmusikdirektor Patrick Hahn seinen Traum erfüllen konnte, die Nibelungen-Saga wenigstens konzertant präsentieren zu können, war letztlich dem Zuschuss von Sponsoren zu verdanken, so dass das Budget des Theaters nicht zu stark belastet wurde.

An eine szenische Realisierung war unter den derzeitigen Bedingungen nicht zu denken. Und man entschied sich in der Historischen Stadthalle für eine clevere Lösung. Das Ambiente des schmucken Saals wirkt allein schon wie ein opulentes Bühnenbild und die Sängercrew agierte so geschickt, dass die Handlung in Umrissen verständlich wurde. Und die Lichtregie wurde so raffiniert genutzt, dass das in kräftigem Rot ausgeleuchtete Podium beim Feuerzauber mehr hergab als das Funzellicht in der letzten Bayreuther Produktion des Werks.

Dennoch hielt sich die szenische Ummantelung so weit zurück, dass man sich voll auf die Musik und dank der Übertitelung auf den Text konzentrieren konnte. Das Wuppertaler Orchester trat in großer Besetzung an und blieb mit vier Harfen nicht allzu weit von der exorbitant riesigen, allein aus Platzgründen eigentlich nur im Bayreuther Festspielhaus zu realisierenden Originalbesetzung entfernt.

An klanglichem Volumen und dynamischer Sprengkraft ließen es Hahn und das Orchester also nicht mangeln. Allerdings lässt es Wagner nur an relativ wenigen Stellen aus vollen Rohren dröhnen. Vielmehr nutzte er die Größe des Orchesters, um möglichst viele, besonders differenzierte Klangmischungen bis hin zu kammermusikalisch feinen Delikatessen umsetzen zu können. Und diese Anforderungen konnte Patrick Hahn nur bedingt einlösen.

Es ist sicher belebend und effektvoll, mit welcher Verve und mit welchem Vorwärtsdrang er zu Werke ging und mit welchem hörbaren Vergnügen er in den klanglichen Wogen schwelgte. Allerdings ließ er sich dazu verleiten, die dynamischen Möglichkeiten bis an die Grenzen der akustischen Verträglichkeit auszukosten. Dabei bedarf selbst ein Reißer wie der Walkürenritt einer klanglichen Kontrolle und braucht längst nicht so plakativ aufgedonnert zu werden wie in Wuppertal. Und die feinen, auch gut ausgeführten instrumentalen Soli der vielen kammermusikalischen Fassetten der Partitur konnten sich nicht immer gegen einen zu dicken Orchesterklang behaupten.

Eine ausgewogene Balance ist man nicht zuletzt den Sängern mit ihren kräftezehrenden Partien geschuldet. Nicht nur aus Rücksicht auf deren Kondition, sondern auch auf die Textverständlichkeit. Ein Problem, das sich mit der heute üblichen Übertitelungstechnik zwar mindern lässt, doch eine deutliche Artikulation gehört nach wie vor zur Voraussetzung einer runden Gesangskultur. Dass es damit allgemein nicht immer zum Besten bestellt ist, liegt nicht zuletzt daran, dass sich Dirigenten im Laufe der letzten Jahrzehnte immer stärker auf das Orchester konzentrieren und mehr Wert auf einen vollen, dynamisch satten Klang legen als auf die Unterstützung der Sänger.

Man kann der Wuppertaler Gäste-Crew ohne Einschränkungen bescheinigen, dass sie sich mit ihren großen Stimmen ohne nennenswerte Ermüdungserscheinungen oder übermäßigem Forcieren gegen Hahns Dirigat durchsetzen konnte. Gleichwohl hätte manche Passage bei dezenterer Begleitung noch entspannter gesungen werden.

Michael Kupfer-Radecky, Wagner-erprobt wie die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen, verkörpert einen Bariton mit mächtiger Stimme und vielen Zwischentönen, vor allem im ausgedehnten und stilistisch filigranen Monolog des Zweiten Aktes. Bewundernswert bewältigt Stéphanie Müther die Gewaltpartie der Brünnhilde. Vom schmetternd leuchtenden Hojotoho bis zu den emotional eindringlichen und fein abgestuften lyrischen Passagenbleibt sie der Rolle nichts schuldig.

Jugendliche Strahlkraft verströmt das Wälsungenpaar von Sarah Wegener als Sieglinde und Maximilian Schmitt als deren Zwillingsbruder Siegmund. Jennifer Johnston überzeugt als Fricka vor allem in den zurückhaltenden Teilen des bösen Disputs mit ihrem untreuen und moralisch eigenwilligen Gatten Wotan, verfällt in den aggressiveren Abschnitten leider in einen, wie heute üblich, hysterischen Tonfall. Und als Referenz vor dem eng mit Wuppertal verbundenen, mittlerweile 78-jährigen Bassisten Kurt Rydl durfte der, wenn auch nicht mehr mit der mächtigen Stimme seiner Glanzzeit, den Hunding singen. Das Walküren-Oktett überzeugte insgesamt, auch wenn sich die Stimmen zu keinem perfekt homogenen Ensemble verschmelzen wollten. Das Publikum geriet vor Begeisterung geradezu aus dem Häuschen für einen eindrucksvollen und effektvollen Kraftakt des Wuppertaler Hauses. Mit dem „Siegfried“ geht der „Ring“ am 22. Februar in die dritte und vorletzte Runde.

Pedro Obiera 21. Januar 2026

Bilder siehe Erstbesprechung


Die Walküre-konzertant
Richard Wagner

Historische Stadthalle Wuppertal

18. Januar 2026

Dirigent: Patrick Hahn
Sinfonieorchester Wuppertal

Erste Besprechung