Berlin, Konzert: „Brahms: Ein deutsches Requiem“, Staatskapelle unter Christian Thielemann

„Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“

Mit dem Deutschen Requiem gelingt Johannes Brahms (1833-1897) ein einzigartiges Werk, das den Komponisten schlagartig zu einem der berühmten, international anerkannten Komponisten seines Jahrhunderts macht. Der allgemein gefürchtete Wiener Kritiker Eduard Hanslick urteilt nach der Uraufführung: „Seit Bachs h-Moll-Messe und Beethovens Missa solemnis ist nichts geschrieben worden, was auf diesem Gebiet sich neben Brahms‘ deutsches Requiem zu stellen mag.“ Bis heute ist das Werk eines der meist bewunderten und am häufigsten aufgeführten Chorwerke der Musikliteratur.

Brahms, im lutherisch geprägten Hamburg groß geworden, ist ein Freigeist, ein Humanist, der täglich in der Bibel liest. „Brahms war kein Kirchgänger, und doch war er eine tiefreligiöse Natur“, schreibt die Frau des Verlegers Simrock. Ihn interessiert nicht die gemeinhin übliche Liturgie der katholischen Totenmesse, er wählt Texte aus dem Alten und Neuen Testament der von Luther ins Deutsche übersetzten Bibel: „Was den Text betrifft, so will ich bekennen, dass ich recht gerne das Deutsche fortließe und einfach den Menschen setzte.“ Weiter sagt er: „Ich habe meine Trauermusik vollendet als Seligpreisung der Leidtragenden“. Damit stellt er sich bewusst gegen die Vertonungen des lateinischen Messtextes seiner Vorgänger mit der bedrohlichen Wucht des Dies irae, mit den Fürbitten zur Erlösung der Toten – bei ihm steht der lebende Mensch, der Trauernde im Mittelpunkt. Für ihn geht es um eine persönliche Auseinandersetzung mit Tod und Glauben fern jeder dogmatischen Vorgabe. Gerade die Verbindung der sprachlichen Kraft der Luther-Texte mit den Möglichkeiten eines romantischen Orchesters und den stilistischen Mitteln seiner Zeit macht das Deutsche Requiem einzigartig. Brahms komponiert ein monumentales Chorwerk, eine menschliche Totenmesse, deren Fokus auf Trost und Hoffnung liegt.

© Stephan Rabold

Im Jahr 1853 beginnt die enge Freundschaft mit Clara und Robert Schumann. Robert Schumann veröffentlicht in der von ihm herausgegebenen Neuen Zeitschrift für Musik einen begeisterten Artikel unter der Überschrift Neue Bahnen: „Und er ist gekommen, ein junges Blut, … er heißt Johannes Brahms. …Das ist ein Berufener.“ Schumann ist nicht nur Freund und Förderer, mit ihm bespricht Brahms neue Projekte, bekommt Einblick in dessen umfangreiche Sammlung von Musik der Renaissance und des Barock. Diese intensive Berührung mit den Kompositionen der vorausgegangenen Jahrhunderte spürt man in fast allen Teilen des Requiems, so das Prinzip von Rede und Antwort zwischen Chor und Orchester, die Idee der Doppelchörigkeit, die Vielfalt polyphoner Gestaltungsmittel, der Anklang an alte Kirchenlieder. Übrigens, auch in einem Skizzenbuch Schumanns finden sich Hinweise auf ein von ihm geplantes deutsches Requiem.

Bereits 1861 beginnt Brahms mit der Auswahl der Texte für die ersten vier Teile und komponiert die Abschnitte I und II. Die Idee, ein deutsches Requiem zu schreiben, scheint Brahms schon längere Zeit bewegt zu haben. Das qualvolle Schicksal Robert Schumanns, der schließlich im Jahr 1856 Suizid begeht, und der Tod der geliebten Mutter Christiane 1865 werden Anlass, die Arbeit wieder aufzunehmen. Schon im folgenden Jahr notiert Clara Schumann, der Brahms zeitlebens eng verbunden bleibt, in ihrem Tagebuch: „Johannes hat mir einige prachtvolle Sätze aus einem deutschen Requiem vorgespielt, es ist voll zarter und wieder kühner Gedanken.“ Die ersten drei von insgesamt sechs Teilen, mehr wollte man dem Publikum nicht zumuten, werden am 1. Dezember 1867 in einem Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde Wien erstaufgeführt. Obwohl Joseph Joachim dem Eindruck widerspricht, scheint diese Aufführung ein Misserfolg gewesen zu sein. Nicht zuletzt hatten im Fortissimo dröhnende Pauken am Ende des dritten Teils alles zunichte gemacht. Dazu muss man wissen: Brahms hatte bis dahin meist nur für das Klavier komponiert, ihm fehlten die Kenntnisse und die Erfahrung bezüglich des Umgangs mit einem großen Orchester. Unter Mithilfe seines ehemaligen Klavier- und Kompositionslehrers Eduard Marxen (ihm widmet Brahms sein Klavierkonzert Nr. 2) und seines Freundes Joseph Joachim überarbeitet und korrigiert er die Partitur noch einmal gründlich. Am 10. April 1868 erfolgt dann unter Leitung des Komponisten in der Bremer Hauptkirche St. Petri die Uraufführung des Requiems. Kurios sind allerdings die Auflagen der Bremer Kirchenoberen für die Aufführung des Werks. Da der Name Jesus Christus im Text keine Erwähnung findet, werden nach dem vierten Teil jeweils eine Arie aus der Matthäus -Passion von Bach und aus dem Messias von Händel, sowie drei von Joseph Joachim vorgetragene Stücke von Bach, Tartini und Schumann eingefügt. Mehr als zweitausend Zuhörer kommen nach Bremen und feiern die Uraufführung des Deutschen Requiems enthusiastisch. Brahms, der immer sein schärfster Kritiker ist, komponiert noch im Mai des Jahres einen Satz hinzu, den wohl persönlichsten, seiner verstorbenen Mutter gedenkend: „Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen.“ (heute die Nr. 5). In seiner jetzt endgültigen siebenteiligen Fassung wird das Werk am 18. Februar 1869 im Leipziger Gewandhaus unter Carl Reinecke erstmals aufgeführt. Publikum und Kritik sind begeistert – Johannes Brahms wird mit diesem Werk zu einem der berühmtesten Komponisten seiner Zeit.

© Stephan Rabold

„Ich habe nun Trost gefunden“ (Johannes Brahms).

Die Teile I „Selig sind, die da Leid tragen“ und VII „Selig sind die Toten“ bilden den musikalisch-textlichen Rahmen des Stücks. Beide Teile stehen in F-Dur. Der thematische Verlauf der sieben Teile steht für eine fein ausgeklügelte Architektur. Bis auf den fünften Teil weisen alle Abschnitte Bezüge zur frühen Vokalmusik auf. Die Musik ist eine eindringliche Mischung von dramatisch aufrüttelnden, teils exzessiven gewaltigen Chorfugen in den Teilen III und VI und kontemplativen Momenten, kühn ist die Orchestrierung (Teil I ohne Violinen, mehrere Harfen, Orgel), von besonderer Wirkung der enharmonische Wechsel von Des-Dur nach Cis-Dur im sechsten Teil vor dem Bariton – Solo „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis“. Anstelle eines Dies irae endet dieser Teil mit den Worten aus dem Brief des Paulus an die Korinther „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ Es offenbart eine überkonfessionelle Religionssicht, kein Erlöser steht im Vordergrund, sondern die tröstliche Botschaft der Seligpreisung der Leidtragenden.

Clara Schumann schreibt nach Erhalt des Klavierauszugs: „Aber sagen muss ich Dir noch, dass ich ganz erfüllt bin von Deinem Requiem, es ist ein gewaltiges Stück, ergreift den ganzen Menschen in einer Weise wie wenig anderes. Der tiefe Ernst, vereint mit allem Zauber der Poesie, wirkt wunderbar erschütternd und besänftigend.“

Brahms‘ Requiem ist ein Meisterwerk, das durch seine wohlüberlegte Textauswahl, durch seine komplexe musikalische Struktur und seine emotionale Tiefe den Hörer packt. Es ist ein zeitloses Werk der Menschlichkeit.

Eine Aufführung des Werks bedeutet für alle Mitwirkenden eine große Herausforderung. An erster Stelle steht das richtige Tempo. Brahms selbst tilgte seine Metronom-Angaben aus dem Manuskript. Ein ruhiger, natürlicher Fluss der Musik ohne Wehleidigkeit und falsches Pathos entscheidet über die Dauer der Aufführung. Noch die beglückende Aufführung vom Februar 2024 in Dresden unter Christian Thielemann in Erinnerung, irritierte mich heute eine gewisse Unruhe in den ersten Teilen. Erst mit Wie lieblich sind deine Wohnungen fand die Interpretation die nötige Ausgeglichenheit und Anmut, wunderbar, wie Thielemann im Folgenden durch liebevolle Differenzierung der Orchestergruppen Raum schafft für den Chor – eindrucksvoll die gewaltigen Steigerungen Denn alles Fleisch, es ist wie Gras oder Tod, wo ist dein Stachel. Die Staatskapelle musizierte aufmerksam, sorgsam in Artikulation und Deklamation und zuverlässig auf hohem Niveau (großartige Pauken, klangschöne Soli von Cello und Oboe). Aber: im Vordergrund steht der Chor! Für die Sänger gilt die Forderung: Text! Text! Text! Einem Hörer, der nicht mit den Worten Luthers vertraut ist, dürfte ein Großteil des Textes und das von Brahms so genial komponierte Rede- und Gegenrede-Prinzip mit dem Orchester unverständlich geblieben sein. Dagegen erwies sich die Besetzung der Sopran-Partie mit Nicola Hillebrand als Glücksfall. Mühelos und glänzend in der Höhe, anmutig und fein differenziert, wurde Ihr habt nun Traurigkeit ein berührender Höhepunkt des Abends. Dem Bariton Samuel Hasselhorn, auch er ist im Opern- wie im Liedfach ausgezeichnet, hätte ich mehr Kern in der Stimme und mehr Kraft für die Verkündigung der Auferstehung gewünscht.

Deni Juris, Nicola Hillebrand, Christian Thielemann, Samuel Hasselhorn
© Stephan Rabold

Trotz mancher Einwände – es war ein großer, beeindruckender Abend. Das Publikum in der ausverkauften Staatsoper reagierte begeistert mit langanhaltendem Applaus.

Bernd Runge, 26. Januar 2026


Johannes Brahms: Ein Deutsches Requiem op. 45

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

26. Januar 2026

Nikola Hillebrand, Sopran
Samuel Hasselhorn, Bariton
Staatsopernchor, Einstudierung: Dani Juris
Musikalische Leitung: Christian Thielemann