CD: „Invocation“, Elsa Dreisig

Sie ist eine der gefeiertsten Sängerinnen unserer Tage. Elsa Dreisig kam als Tochter der dänischen Opernsängerin Inge Dreisig und des französischen Sängers, Dirigenten und Regisseurs Gilles Ramade in 1991Paris zur Welt. Sie besuchte die Chorschule der Opéra Royal de Wallonie und der Opéra National de Lyon. Gesang studierte sie bei Valérie Guillorit am Conservatoire national supérieur de musique in Paris und an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig bei Regina Werner-Dietrich. An der Leipziger Oper erfolgte 2013 ihr Bühnendebüt in Lortzings Wildschütz.Bereits 2015 wechselte sie zur Berliner Staatsoper Unter den Linden, zunächst ans Opernstudio und ab 2017 ins feste Ensemble. Schon bald sang sie dort in Mozarts Zauberflöte sowohl die Papagena als auch die Pamina.

2015 erhielt sie beim Internationalen Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ den ersten Preis und belegte beim Internationalen Königin-Sonja-Musikwettbewerb hinter Lise Davidsen den zweiten Platz. 2016 gewann sie beim von Plácido Domingo ins Leben gerufenen Gesangswettbewerb „Operalia“ in Guadalajara in Mexiko den ersten Preis] und wurde in Rahmen der Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt zur „Nachwuchskünstlerin des Jahres gewählt. Außerdem wurde sie bei den Victoires de la Musique Classique als „sängerische Entdeckung ausgezeichnet. Was zweifellos den Tatsachen entsprach.

Im Sommer 2017 engagierte sie Sir Simon Rattle für den Sopranpart in Haydns Schöpfung mit den Berliner Philharmonikern, die das Werk in verschiedenen Städten, wie Salzburg, Luzern, Paris und natürlich Berlin aufführten. Ein Jahr später trat sie in der Berliner Staatsoper als Violetta in Verdis La traviata auf und feierte große Erfolge. 2018 sang sie in Paris die Lauretta in Gianni Schicchi, die Zerlina in Mozarts Don Giovanni und die Elvira in Bellinis I Puritani.

Beim Festival d’Aix-en-Provence debütierte sie 2017 als Micaëla in Bizets Carmen. 2018 sang sie am Opernhaus Zürich die Musetta in Puccinis La Bohème und an der Pariser Oper die Lauretta in dessen Gianni Schicchi. 2019 war sie wieder als Zerlina in Don Giovanni und als Elvira in Bellinis I Puritani erneut an der Pariser Oper zu erleben. Ende 2019 debütierte sie am Royal Opera House in London als Pamina in Mozarts Zauberflöte. Im August 2020 gab sie bei den Salzburger Festspielen ihr szenisches Debüt in der von Christof Loy inszenierten Così fan tutte Mozarts als Fiordiligi. Zuvor war sie bereits 2017 und 2018 in Salzburg in Orchesterkonzerten zu erleben. Weitere Mozart-Partien in ihrem Repertoire sind die Elettra in Idomeneo, re di Creta und der Sifare in Mitridate, re di Ponto. Was für eine Karriere In wenigen Jahren!

Die Stationen ihrer Erfolge setzten sich an der Staatsoper Hamburg , am Grand Théâtre de Genève und an der An der Wiener Staatsoper fort. Inzwischen gehört Elsa Dreisig zu den erfolgreichsten, bestgehandelten Sängerinnen ihrer Generation, im Konzert wie in der Oper. Sie hat mit allen großen Dirigenten unserer Zeit gearbeitet und mit den bedeutendsten Orchestern. Ihr Repertoire ist schon jetzt beachtlich, die Liste ihrer Auszeichnungen und Ehrungen (Preise) kann sich sehen lassen. Nun hat die fünfunddreißigjährige Sängerin mit dem Silbersopran ihr drittes Solo-Rezital vorgelegt.

„Invocation“ lautet der Titel der Erato-Veröffentlichung, für die die Sängerin mit Orchester und Chor des Teatro Carlo Felice di Genova und dem Dirigenten Massimo Zanetti zusammengearbeitet hat. Invokationen sind Anrufungen höherer Mächte. Zwanzig unterschiedliche „Anrufungen“ sind auf der CD enthalten, vom schüchternen Flehen bis zum inbrünstigen Gebet: „Diese Anrufungen vereinen zwei Dimensionen“, so äußert sich Elsa Dreisig über dieses Projekt. „Auf der einen Seite gibt es Intimität und Verletzlichkeit … auf der anderen Seite die Bitte an eine übernatürliche Macht.“

Ob Dvoráks Rusalka oder Verdis Desdemona in Otello: Das Repertoire ist reich an Arien, in denen sich Opernheldinnen an eine höhere Macht wenden. Die Sopranistin Elsa Dreisig, von der Zeitschrift „Gramophone“ zu Recht als „eine der eloquentesten und mitreißendsten Sängerinnen ihrer Generation“ gefeiert, hat beispielhafte musikalische „Anrufungen“ aus Opern und anderen musikalischen Kontexten für ihr neues Solo-Album zusammengetragen.

Die großen dramatischen Klassiker der italienischen Oper dürfen natürlich nicht fehlen, etwa das „Vissi d’arte“ aus Puccinis Tosca und „O mio babbino caro“ aus Gianni Schicchi, aber auch das „Casta Diva“ aus Bellinis Norma. Aus dem deutschen Repertoire wählte Elsa Dreisig Elisabeths Gebet aus Wagners Tannhäuser aus. Aber auch volkstümlich schlichte Töne schlägt sie ein, etwa mit Solveigs Lied aus Edvard Griegs Peer Gynt oder mit der „Letzten Rose“ aus der Oper Martha von Friedrich von Flotow. Neben weithin unbekannten Schätzen von Rossini, Gounod und Bizet ist Elsa Dreisig auch im Werk der Amerikanerin Amy Beach auf interessante Entdeckungen gestoßen. Mit weltweit erstmals eingespielten Ausschnitten aus ihrer Oper Anna di Resburgo würdigt sie zudem das Andenken an die Komponistin Carolina Uccelli (1810-1858). Auch mit einer Hommage an ihre Herkunft ist sie zu hören, mit einer Arie aus der Oper Drot og Marsk des dänischen Komponisten Peter Heise.

Das Erstaunlich: Elsa Dreisig bewältigt die unterschiedlichen, teils recht anspruchsvollen Anforderungen der von ihr zusammengestellten Arien und Lieder gleichermaßen souverän. Mit feinem, kultiviert geführtem, hellem, aber warmem Sopran singt sie betörend klar und natürlich, in allen Lagen wortverständlich und klug gestaltend. Ihre Intonation ist lupenrein. Sowohl im Lyrischen wie Dramatischen weiß sie bei unterschiedlichsten stilistischen Anforderungen zu überzeugen. Ihre Stimme ist mädchenhaft anrührend, „schön“. Man darf ohne Übertreibung sagen: Elsa Dreisig besitzt eine der schönsten Stimmen der Gegenwart. Warum das CD-Cover mit dem ungepflegt Haarstyling und dem somnambulen Antlitz eine Sängerin bewirbt, die eigentlich bildhübsch ist, bleibt unverständlich. Sei’s drum. Was zählt ist ihre Gesangskunst und nicht die Werbemasche der Plattenfirma.

Dieter David Scholz, 15. Februar 2026


Invocation. Elsa Dreisig

Orchester und Chor der Oper Carlo Felise von Genua
Ltg. Massimo Zanetti

Warner/Erato 5026854093710