Berlin, Konzert: „Musik aus fernen Rundfunktagen. Kompositionen von Schostakowitsch, Dostal, Fischer, Künneke“, Staatskapelle unter Christian Thielemann

Nach musikalischen Testsendungen im Jahr 1919 der Versuchsfunkstelle Eberswalde, nach der Übertragung eines Weihnachtskonzerts der Mitarbeiter der Reichspost 1920 wird am 8. Juni 1921 mit Madame Butterfly die erste Oper aus der Berliner Staatsoper über den Lichtbogensender auf dem Funkerberg in Königs Wusterhausen ausgestrahlt. Die erste Unterhaltungssendung durch die Radio – Stunde AG am 29. Oktober 1923 aus dem Vox – Haus am Potsdamer Platz in Berlin gilt als Geburtsstunde des Rundfunks in Deutschland. Jetzt beginnt eine rasante Entwicklung. Auch Privatpersonen dürfen das neue Medium nutzen. Die Ära des Stummfilms geht zu Ende und die Schallplatten-und Übertragungstechnik ganz neue Wege: die Tonqualität von Sprache und Musik wird immer besser. Mit dem Rundfunk entsteht ein Massenmedium. Vom Januar bis zum August des Jahres 1932 zählt man bereits 33.000 Sendestunden, der größte Anteil, nämlich 28.000, entfällt auf den Kunstbereich. Um die Bedürfnisse und den Geschmack einer wachsenden Zahl von Hörern nach künstlerischer Unterhaltung zu befriedigen, werden jetzt neben bereits bekannten Musikstücken, Sinfonien, Opern und Operetten viele neue Kompositionen benötigt: sie müssen so beschaffen sein, dass sie den damaligen studiotechnischen Voraussetzungen genügen. Die neu gegründeten Rundfunkorchester sind verpflichtet, die ganze Bandbreite des geforderten Repertoires zu spielen. Dabei wird das heutige Konzert zeigen, wie reich an Ideen, emotional, musikalisch und spieltechnisch anspruchsvoll die nahezu vergessene, oft abschätzig betrachtete, populäre, unterhaltende Musik, die leichte Muse der frühen Rundfunktage ist.

© Stephan Rabold

Die Suite für Varieté-Orchester von Dmitri Schostakowitsch (1906 – 1975) steht am Anfang des Programms, unter dem Motto des Konzerts eigentlich ein kleiner Etikettenschwindel, ist sie doch, im Wesentlichen durch eine Zusammenstellung eigener Filmmusiken erst in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre entstanden. Zur Filmmusik hat Schostakowitsch seit seiner Jugend eine enge Beziehung. Zunächst als Klavierbegleiter von Stummfilmen, hat sie ihm später als Komponist vor allem in Zeiten geholfen, in denen er bei Stalin in Ungnade gefallen ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Man muss wissen, dass der Komponist in der Stalin-Zeit ständig in der Angst vor Repressalien und Verhaftung lebt – ein für den Ernstfall gepackter Koffer liegt ständig unter seinem Bett. Offizielle Vorwürfe wegen Volksfremdheit und Formalismus, wechseln mit hohen staatlichen Auszeichnungen, ein Leben, das ihn in die innere Emigration treibt. Misstrauisch von der Parteiführung beobachtet, ist vieles, was auf den ersten Blick in seinen Kompositionen witzig erscheint, bitterer Sarkasmus und Kritik am System. Erst mit dem Tauwetter nach Stalins Tod 1953, tritt die Angst in den Hintergrund.

Noch als vermeintliche Jazz–Suite Nr. 2 vom London Symphony Orchestra unter Mstislaw Rostropowitsch am 1. Dezember 1988 in London aufgeführt, stellt sich später heraus, dass das Notenmaterial der eigentlichen Zweiten Jazz–Suite, 1938 komponiert, im Chaos des Krieges verloren ging. Erst 1999 wird ein Klavierauszug wiederentdeckt und von Gerard McBurney neu instrumentiert. Nun, stilistisch passt die jetzt so benannte Musik für Varieté–Orchester sehr gut zu den Suiten, die Schostakowitsch 1934 und 1938 schreibt. Zu der Zeit wird er Mitglied der Sowjetischen Jazzkommission. Ziel dieser von den Kulturoberen eingesetzten Kommission ist, die sowjetische populäre Musik von dekadenten, westlichen Einflüssen zu befreien.

Eine Art Zirkusmusik ist die lebensfrohe Suite für Varieté – Orchester, üppig besetzt mit zusätzlich zwei Klavieren, Harfe, Celesta, vier Saxophonen, Akkordeon, Gitarre und reichlich Schlagwerk. Sie besteht aus acht Sätzen. Nach einer Notiz des Komponisten kann eine beliebige Zahl der Stücke in freier Reihenfolge gespielt werden. So weist das heutige Programm nur sechs Teile auf: Marsch (Giocosa. Alla marcia) – Tanz Nr. 1 (Presto) – Kleine Polka (Allegretto) – Lyrischer Walzer (Allegretto) – Walzer Nr. 2 (Allegretto poco moderato) – Finale (Allegro moderato). Der eröffnende Marsch und das mit dem Schlusszitat des Marschs endende Finale, fröhlich und mitreißend schwungvoll, gehören zum Film Die Abenteuer Korsinkins (0p. 59, 1940). Der wilde Tanz Nr. 1 mit den hervortretenden Klavieren fordert höchste Präzision und Virtuosität in allen Orchestergruppen. Das Stück ist Teil der Musik zum Film Die Stechfliege (op. 97, 1965).  Das Xylophon bestimmt den besonderen Charakter der Kleinen Polka. Dem liebenswürdigen Lyrischen Walzer, thematisch bestimmt von den zwei Alt-Saxophonen und später von Akkordeon und Klarinette, folgt der vom Alt -Saxophon vorgestellte, in Moll schwelgende Walzer Nr. 2 aus dem Film Die erste Staffel (op. 99a, 1956). Er wurde und ist auch heute ein internationaler Dauerbrenner im Konzert, in Filmen, im Sport, in der Werbung.  Die Suite – ein vielversprechender, effektvoller Beginn des Abends!

© Stephan Rabold

Es folgen Spanische Skizzen von Nico Dostal (1895 – 1981). Dostal, zunächst Student der Rechtswissenschaften, wendet sich bald der Musik zu: Er studiert Kirchenmusik, seine Große Messe in D – Dur wird 1913 uraufgeführt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs arbeitet er als Kapellmeister an verschiedenen Theatern Österreichs und entdeckt seine Liebe zur leichten Muse. Dostal geht 1924 nach Berlin, arbeitet für Musikverlage und wird ein gefragter Operettenarrangeur. Er selbst schreibt in der Folgezeit 24 Operetten – darunter den Welterfolg Clivia (1933), eine Vielzahl von Filmmusiken, Kirchenmusiken und eine Reihe von Orchestersuiten. Mit Ernst Fischer und Eduard Künneke auf der Gottbegnadetenliste des NS–Regimes und damit befreit von Kriegs- und Arbeitsdienst, komponiert Nico Dostal 1940 die viersätzigen Spanischen Skizzen. Im heutigen Konzert hören wir daraus: Habanera – Bolero – Furioca, eine farbenreiche Klangwelt voller Temperament und spanischer Atmosphäre. Ein vom Fagott vorgestelltes Thema über dem typischen Habanera–Rhythmus führt in ein gefühlsbetontes, leidenschaftliches zweites Thema der Streicher. Das Thema beginnt ruhig, steigert sich in ein kraftvolles Tutti und klingt mit Fagott und einer Schlussfloskel der Solo–Violine ruhig aus. Auch der Bolero schlägt einen musikalischen Bogen vom ruhigen Anfang der Klarinetten über ein auftrumpfendes Tutti zurück zum Thema der Klarinetten. Wirklich furios und wild beginnt der dritte Teil. Die Intensität nimmt zu, bis in Erwartung eines Schlussakkords noch einmal das leidenschaftliche Thema der Habanera zitiert wird und eine wirbelnde Stretta den kompositorischen Kreis schließt.

Ernst Fischer (1900 – 1981) werden heute nur noch wenige kennen. Er ist einer der wichtigsten Komponisten, die wesentlich und stilbildend das Genre der symphonisch geprägten, gehobenen Unterhaltungsmusik in Deutschland entwickeln. Sein Name ist eng mit der Geschichte des Rundfunks verbunden. Besonders die Sendungen seiner Werke in den dreißiger Jahren machen ihn als Radiokomponisten berühmt und bekannt.  Er sagt über seine Arbeit: „Ich habe sie immer verteufelt ernst genommen, die heitere Muse“. Auch nach dem Krieg bleibt er dem Nordwestdeutschen Rundfunk als freier Mitarbeiter verbunden. Am Hoch‘schen Konservatorium Frankfurt a.M. und am Berliner Stern‘schen Konservatorium umfassend ausgebildet, beginnt er seine musikalische Karriere als Begleiter von Stummfilmen an der Kinoorgel. Er komponiert Operetten, Filmmusiken, anspruchsvolle, unterhaltende Musik, Werke für Klavier, die er teilweise für Salonorchester arrangiert, Chansons und Schlager. Nach der auch international erfolgreichen Suite Südlich der Alpen schreibt Fischer 1937 Ferientage eine viersätzige Suite für Orchester: Beim Anblick der Berge. Andante sostenuto – Reisebekanntschaft. Allegretto – Am stillen Weiher. Andante tranquillo – Heimkehr und Rückblick. Allegro con brio – alltägliche, heitere, liebenswürdige und ins Ohr gehende Stimmungsbilder, klangprächtig und trotzdem durchsichtig instrumentiert, die sofort optisch – sinnliche Assoziationen wecken. Sehr witzig ist der zweite Satz, das Zwiegespräch mit der neuen Bekanntschaft.

© Stephan Rabold

Die Tänzerische Suite op. 26 für Orchester und Jazzband von Eduard Künneke (1885 – 1953) wird zum Höhepunkt des Abends. Eduard Künneke, nach zweijährigem Studium an der Berliner Musikhochschule Meisterschüler von Max Bruch an der Akademie der Künste, macht sich schnell als Pianist, Kapellmeister, Komponist von Schauspielmusiken und Arrangeur mit den Herausforderungen der musikalischen Praxis vertraut. Richard Strauss und Ernst von Schuch gehören zu seinen Unterstützern. Nach dem durchschlagenden Erfolg seines Singspiels Das Dorf ohne Glocke im Jahr 1919 wendet sich Künneke vornehmlich der Operette zu, Der Vetter aus Dingsda macht ihn weltweit berühmt. In den Jahren 1925 und 1926 hält er sich in den USA auf, komponiert drei Operetten für Theater in New York. Amerikanische Rhythmen und Formen des Jazz finden sich in der Tänzerischen Suite von 1929 wieder. Als Radiomusik geschrieben, wird die Suite am Vorabend der Berliner Funkausstellung gesendet.  Der erste von fünf Sätzen Ouvertüre. Tempo de Foxtrott eröffnet das Werk mit einem Beckenschlag und sorgt sofort für einen schwungvollen, tänzerischen Beginn. Ein Thema von Alt- und Tenorsaxophon übernehmen die Streicher und die Posaune, ein verträumtes Solo der Violine, vom Solocello umspielt, führt wieder in das rasant stampfende Tempo I. Der zweite Satz Blues. Andante wird von einem herrlichen, wehmütigen Blues–Thema der Solovioline bestimmt. Im temporeichen Intermezzo. Vivace wandert eine auf- und absteigende Linie der Violinen durch die Orchestergruppen, eine Kantilene der Celli wird von den Streichern übernommen. Leicht und in schnellem Scherzando-Tempo endet der Satz. Der folgende Valse Boston. Valse melancholique beginnt mit einem sehnsuchtsvollen Thema der 1. Violinen und Celli. Unterbrochen von einem Tutti bringen Saxophon und Posaune wieder die Stimmung des Anfangs zurück. Nach einem kurzen, rauschhaften Mittelteil siegt die Melancholie. Mit wildem Stampfen beginnt das Finale. Foxtrott.  Das Solo des Tenor – Saxophons wird vom Sopran–Saxophon übernommen und von den Violinen weiter ausgeführt. Einen besonderen Reiz bekommt der Satz durch die Wiederverwendung thematischen Materials aus den vorangegangenen Teilen. Nach dem Zitat des melancholischen Walzers nimmt die Musik wieder Fahrt auf. Das Zitat des Blues–Themas und eine Erinnerung an das Violinsolo im ersten Satz enden in einem glanzvollen Schluss. Eduard Künneke ist mit diesem Dialog zwischen Sinfonieorchester und einer Jazzband ein wahres Meisterwerk gelungen. Die kompositorischen Strömungen der Zeit aufnehmend, thematisch einfallsreich, satztechnisch und rhythmisch raffiniert, hervorragend instrumentiert, ist die Suite ein Musterbeispiel für die Gehobene Unterhaltungsmusik der sogenannten Golden Twenties. In der heutigen Zeit medialer Überflutung lohnt ein Blick zurück. Es gibt wertvolle Musik wieder zu entdecken. In den letzten Jahren unternimmt die Berliner Staatskapelle immer mal wieder Ausflüge in das Metier der leichten, unterhaltenden Muse. Die Musiker und Christian Thielemann scheinen daran echt Spaß zu haben. Die gute Laune auf dem Podium springt sofort auf das Auditorium über. Es ist wunderbar, wie Thielemann beispielsweise beim Bolero von Dostal das Tempo etwas zurücknimmt und dadurch den Orchesterklang zum Leuchten bringt, herrlich gelingen Rubato-Übergänge, dynamische Differenzierungen und Abstufungen – für mich ein Glanzpunkt die differenzierte Gestaltung des Schostakowitsch-Walzers 2 – ein Fest für die Ohren. Das abschließende, temperamentvolle Finale mit Künneke sorgt für begeisterten Applaus, der eine Zugabe fordert. Mit Blaue Orchideen von Wolfgang Friebe (1909 – 1989), einem zauberhaften, farbigen Charakterstück, beweist die Berliner Staatskapelle noch einmal ihre absolute Qualität.

Bernd Runge, 14. Februar 2026


Dmitri Schostakowitsch: Suite für Varieté – Orchester
Nico Dostal: Spanische Skizzen
Ernst Fischer: Ferientage
Eduard Künneke: Tänzerische Suite op. 26 für Orchester und Jazzband

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Staatskapelle Berlin
Dirigent: Christian Thielemann