Karlsruhe: „Dialogues des Carmélites“, Francis Poulenc

Die jüngste Neuproduktion am Badischen Staatstheater Karlsruhe galt Francis Poulencs 1957 an der Mailänder Scala in italienischer Sprache aus der Taufe gehobener Oper Dialogues des Carmélites. Dieses Werk beruht auf einem historischen Ereignis. Am 17. Juli 1794, exakt zehn Tage vor dem Sturz Robespierres‘, erlitten sechzehn vom Pariser Revolutionstribunal wegen konterrevolutionärer Umtriebe zum Tode verurteilte Karmeliterinnen aus Compiègne auf dem Platz der Revolution einen gewaltsamen Tod unter der Guillotine. Poulenc knüpft mit seinem Werk an Gertrud von le Forts Novelle Die Letzte am Schafott an, in der die Geschichte der  fiktiven Blanche de la Force vor dem Hintergrund der realen Ereignisse um die Hinrichtung der Karmeliterinnen von Compiègne geschildert wird. Georges Bernanos‘ im Jahr 1949 herausgegebenen Dialoge der Karmeliterinnen nahm der Komponist als Grundlage für das von ihm selbst verfasste Libretto zu seiner Oper, die an der Staatsoper Karlsruhe jetzt einen enormen Erfolg für sich verbuchen konnte.

© Felix Grünschloss

Die Musik ist so gar nicht moderner, sondern eher romantischer Natur. Man möchte fast nicht glauben, dass sie erst Mitte der 1950er Jahre entstanden ist, so ausgesprochen schön ist sie. Es ist wohl nicht übertrieben, zu behaupten, dass Poulenc mit seiner hier vollführten Bezugnahme auf die alten Werte der Romantik, die von den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren so radikal abgebrochen wurden, ein klassisches Vorbild für heutige Komponisten gesetzt hat, die ebenfalls teilweise schrägen Klängen, Atonalität und Zwölftontechnik eine klare Absage erteilt hatten und viel lieber Opern von erlesener Harmonie und Schönheit komponierten. Das ist bei den Dialogues des Carmélites ganz klar der Fall. Poulenc lehnte die an Wagner gemahnende Bezeichnung Leitmotiv strikt ab. Dennoch gibt es einige Motive, die in Anlehnung an den Bayreuther Meister einem Gefühlszustand oder einer Situation zuzuordnen sind, beispielsweise das Familien-, Angst- oder Todesmarsch-Thema (vgl. Programmheft S. 26). Diese durchziehen die ganze Oper und sorgen dabei für einen immensen Spannungsaufbau. Die Titulierung als Leitmotive wäre also durchaus berechtigt. Diese wurden von Dirigent Johannes Willig bestens  herausgestellt. Er animierte die hervorragend disponierte und seine Anweisungen konzentriert umsetzende Badische Staatskapelle zu einem spannungsgeladenen, farbenreichen und differenzierten Spiel, wobei er die Einflüsse von Debussy und der Grande Opéra trefflich betonte.

Überzeugend war die Inszenierung von Andrea Schwalbach in dem Bühnenbild von Anne Neuser und den Kostümen von Brigitta Leonhardt. Geschickt hat das Regieteam die dramatische Handlung in die Entstehungszeit des Werkes, die Mitte der 1950er Jahre verlegt. Da sprechen die gelungenen Kostüme eine deutliche Sprache.

© Felix Grünschloss

Die Französische Revolution ist irgendein anderer Krieg, der um diese Zeit tobte, aber gleichwohl das Ende der Karmeliterinnen bedeutete. Zentrales Element dieser Inszenierung ist ein Gerichtssaal. Eindringlich geht die Regisseurin der Frage nach, wie aus einem ursprünglichen Ort des Rechts unter der Diktatur der Jakobiner ein Ort des Unrechts und des Schreckens werden konnte, wo Verbrecher auf der Richterbank sitzen. Das war ein überzeugender Ansatzpunkt und in der Folge einprägsam umgesetzt. Den Karmeliterinnen ist eine Art hausartiges Metallgestänge zugeordnet. Hier sind die Nonnen nie ganz unter sich, sondern ständig den Blicken der fast durchgängig anwesenden Gerichtspersonen ausgesetzt. Einer Intimsphäre der Frauen erteilt Frau Schwalbach eine klare Absage. Sogar die alte Priorin Madame de Croissy stirbt gleichsam in der Öffentlichkeit. Dem Arzt fällt es gar nicht ein, ihr auf irgendeine Art zu helfen. Tatenlos sieht er ihrem grausamen Sterben zu. Schließlich wird die alte Priorin von einer Nonne mit einem Kissen erstickt. Diese Tat ist indes nicht als Mord zu werten, sondern als Sterbehilfe, um der Todgeweihten weitere qualvolle Leiden zu ersparen. Das war ein eindrucksvolles Bild. Mit Hilfe der häufig eingesetzten Drehbühne kann der Gerichtsaal in die verschiedensten Stellungen gebracht werden und ständig zwischen seinem Innen- und Außenbereich hin und her gewechselt werden. Das Ganze steht unter einem der Mottos der Französischen Revolution, nämlich Egalité,  was in Deutsch Freiheit bedeutet. Dieses Wort wird immer wieder auf die Wände des Gerichtssaales projiziert. Angesichts der Tatsache, dass es hier keine Gleichheit gibt, wirkt es wie blanker Hohn.

© Felix Grünschloss

Ein äußerst negatives Licht wirft Andrea Schwalbach auf Blanches Familie. Ihr Vater und ihr Bruder werden seitens der Regie sehr unsympathisch dargestellt. Blanches Vater leidet unter einer Art Trauma und projiziert seine Verlustängste auf seine Tochter. Bei ihm ist Blanche nicht mehr sicher. Es ist nur zu verständlich, dass sie Angst bekommt und ihr Zuhause verlässt. Andererseits ist sie nicht Opfer ihrer Angst. Letztere wird für sie gleichsam zu einem Rettungsanker, den sie ergreift, um aus ihrer gefährlichen Situation auszubrechen. Rettung bietet ihr allein der Orden des Karmel. Erst im Kloster fühlt sie sich wirklich sicher und kann fernab eines sie unterjochenden Patriarchats ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln. Diese Änderung im Wesen Blanches wird von der Regisseurin einfühlsam aufgezeigt. Aus dem Kind des Anfangs wird zunehmend eine starke Frau, die am Ende sogar bereitwillig in den Tod geht. Auch der Schluss ist von Frau Schwalbach eindringlich umgesetzt. Immer wenn im Orchester der Akzent des Fallbeils ertönt, bricht eine der Karmeliterinnen tot zusammen. Blanche ist als letztes an der Reihe. Hier haben wir es mit einer gut durchdachten, spannenden und von einer ausgefeilten Personenregie geprägten Inszenierung zu tun, die dem Badischen Staatstheater Karlsruhe alle Ehre macht. Insbesondere die zwischenmenschlichen Beziehungen sind seitens der Regie vorzüglich herausgearbeitet.

Auf insgesamt hohem Niveau bewegten sich die gesanglichen Leistungen. Tara Erraught hat die Entwicklung der Blanche darstellerisch gut aufgezeigt und entsprach auch stimmlich mit gut fokussiertem, nuancen- und farbenreichem Sopran ihrer Rolle voll und ganz. Lyrische Innigkeit stand ihr in gleichem Maße zur Verfügung  wie dramatische Ausbrüche. In der Ausdeutung der Partie zeigte sie sich ebenfalls recht versiert.

Melanie Lang lebte die Todesqualen der Madame de Croissy äußerst packend aus. Mit ihrem intensiven, emotionalen Gesang war sie ebenfalls ein echter Gewinn für die Aufführung. Ein sowohl schauspielerisch als auch vokal eindringliches Rollenportrait der Mére Marie kreierte die für die erkrankte Dorothea Spilger eingesprungene Carmen Seibel vom Staatstheater Saarbrücken. Mit großer Lebenslust und Frische stattete Anastasiya Taratorkina die Soeur Constance aus, die sich auch angenehm und vorbildlich fundiert sang. Voll und rund intonierte Ann-Beth Solvang die Madame Lidoine. Einen gefälligen Eindruck hinterließ Christina Niessen als Mère Jeanne. Katharina Bierweiler gab solide die Soeur Mathilde. Einen vorbildlich fokussierten, ebenmäßig dahinfliessenden und ausdrucksstarken Tenor brachte Klaus Schneider für den Beichtvater des Karmel mit. Der Marquis de la Force von Armin Kolarczyk zeichnete sich durch erstklassiges, sonores Bariton – Material aus. Demgegenüber fiel Brett Spragues wenig tiefgründig klingender Chevalier de la Force etwas ab. Zufrieden sein konnte man mit Christian Noel Bauer in den drei Rollen von Thierry, Dr. Javelinot und Kerkermeister. Der Erste Offizier und der Zweite Kommissar waren mit dem ebenfalls von Staatstheater Saarbrücken kommenden zweiten Einspringer des Nachmittags Yangcheng Chen besetzt, der in seinen kleinen Partien recht sonor klang. Doru Cepreaga war ein ordentlicher Erster Kommissar. Den klangvoll singenden Badischen Staatsopernchor hatte Marius Zachmann einstudiert.

Fazit: Eine Aufführung, die die Fahrt nach Karlsruhe gelohnt hat! Diese famose Produktion stellt sicher einen Höhepunkt des Spielplans des Badischen Staatstheaters dar.

Ludwig Steinbach, 16. Februar 2026


Dialogues des Carmélites
Francis Poulenc

Badisches Staatstheater Karlsruhe

Premiere: 24. Januar 2026
Besuchte Aufführung: 15. Februar 2026

Inszenierung: Andrea Schwalbach
Musikalische Leitung: Johannes Willig
Badische Staatskapelle