Interview: „Harish Shankar“, Flensburger GMD

Nomade am Dirigentenpult – Die klangvolle Reise von Harish Shankar

Wer Harish Shankar in seiner Wohnung in der Flensburger Altstadt besucht, begegnet keinem distanzierten Generalmusikdirektor, sondern einem Gastgeber, der die Welt in seinem Teeglas mit an den Tisch bringt. Schon seine Frage, wie es mir gehe, klingt nicht wie eine Höflichkeitsfloskel. Sein aufmerksames Zuhören lässt die förmliche Distanz, die sein altehrwürdiger Titel vermuten ließe, sofort schmelzen – ich fühlte mich ermutigt, persönliche Gedanken zu teilen, und seine Aufmerksamkeit löste in mir eine spürbare Entspannung aus. Wir sind schnell beim „Du“.

© Henrik Matzen

Der Dampf, der vom Tee aufsteigt, erfüllt den Raum wie eine leise Einladung: hier darf man innehalten, zuhören, wahrnehmen. Harish ist ein Sammler von Orten und Klängen. Geboren in Malaysia, aufgewachsen zwischen den Palmen seiner Heimat und den weiten Landschaften Neuseelands, führt seine Lebensreise wie eine verschlungene Partitur durch die Kontinente. Ob ein prägendes Studienjahr in Deutschland, eine erste feste Stelle in den Höhen von Peru oder ein Masterstudium im geschichtsträchtigen Weimar – Shankar hat überall Eindrücke aufgesogen. Über Stationen als „Junior Fellow of Conducting“ in Großbritannien, als Hausdirigent des Malaysian Philharmonie Orchestra und Positionen als Chordirektor oder Erster Kapellmeister an verschiedenen deutschen Opernhäusern hat ihn sein Weg nun in den hohen Norden geführt. Seit August 2024 hält er am Schleswig-Holsteinischen Landestheater den Taktstock in der Hand. Ein Nomade, der angekommen ist, ohne seine Wanderlust zu verlieren.

Tempelklänge und Schicksalsschläge: Die Geburtsstunde einer Berufung

Musik begleitete ihn von früh an. Wenn Harish von seiner Kindheit erzählt, hört man förmlich den Klang der Instrumente im Tempel. In einer streng religiösen Familie, in der dieser spirituelle Ort das Leben bestimmte, gehörten Gesang, Tanz und kleine Aufführungen zu jedem Gottesdienst. Musik durchdrang die Atmosphäre, sie war kein isoliertes Ereignis. Auch zuhause musizierte die Familie leidenschaftlich, ausschließlich innerhalb der indischen Tradition, obwohl kein Mitglied professionell ausgebildet war.

Shankar verfolgte früh zwei Wege gleichzeitig: Unterricht im indischen Gesang und Klavierunterricht, angeregt durch einen Schulfreund. Nach drei Jahren brach er den Gesangsunterricht ab – eine Entscheidung, die er heute bedauert. Die indische Musik prägte ihn jedoch weiterhin. Vor allem die karnatische Tradition Südindiens blieb ihm vertraut: „Sie ist mir im Ohr, im Körper, im musikalischen Gedächtnis präsent“, gesteht er, „auch wenn ich in der Theorie unsicher bin und Ragas nur selten eindeutig benennen kann.“

In Malaysia erlebte er Musik ohne strikte Trennung zwischen E- und U-Musik. Klavierspiel bedeutete dort nicht nur Beethoven, sondern auch Jazz, Pop oder Musical. Sein Kinderchor brachte jährlich ein Musical auf die Bühne, was seine Liebe zum Musiktheater festigte.

Ein Schlüsselmoment ereignete sich bei der Aufführung von Carmina Burana mit rund 300 Mitwirkenden. Als das erste ‚O Fortuna‘ wie ein donnernder Schicksalsschlag den Raum erschütterte, löste die pure Klanggewalt ein Beben in ihm aus. Unter dem Dirigat des charismatischen Roland Peelman wurde aus diesem Schauer die Gewissheit: Harish musste Musiker werden – und schließlich selbst ans Pult. Das intensive Zusammenspiel im Jugendorchester ergänzte das zuvor eher solistische Klavierspiel. Rückblickend vereinten sich in dieser Phase mehrere Impulse: die Kraft der Komposition, das gemeinsame Musizieren und die Begegnung mit dem Dirigenten.

Heimat im Gepäck: Die Freiheit der ständigen Bewegung

Auf die Frage, wo er sich zu Hause fühle, antwortet Shankar: „Überall und nirgendwo. Ich bin Nomade und werde es immer bleiben.“

Seine Kindheit war von ständiger Mobilität geprägt. Die Eltern reisten aus Neugier und Lust, nicht aus beruflicher Notwendigkeit. Der Vater arbeitete als Buchhalter, die Mutter als Englischlehrerin – Berufe, die überall ausgeübt werden konnten. Für ihn war die Mobilität kein Einschnitt, sondern ein Gewinn: „Ich liebte es, früh so viel von der Welt zu sehen.“

Wichtiger als einzelne Orte waren die ständigen Reisen. Häufige Ortswechsel ließen Harish ganz selbstverständlich mit neuen Ländern und Kulturen umgehen. Diese Offenheit prägte nicht nur seine Kindheit, sondern auch seine berufliche Flexibilität. Als Dirigent ist Beweglichkeit eine Grundvoraussetzungen des Berufs: „Ich kann mich auf neue Situationen einstellen, ohne mich ständig neu erfinden zu müssen.“

Geduldsfäden und Geschmacksexplosionen

Shankar kocht leidenschaftlich, doch er pflegt noch ein weiteres, überraschendes Hobby: „Stricken! Man könnte mich als Profi-Oma bezeichnen.“ Im Gegensatz zum Kochen, das ihn in einen Flow versetzt, wirkt Stricken meditativer. Dieselbe Bewegung tausendfach auszuführen, beruhigt und schafft etwas Bleibendes. „Gerade als Musiker, dessen Kunst im Moment vergeht, ist dieses Resultat besonders wertvoll.“ Während seine Hände am Pult des Landestheaters komplexe Partituren bändigen, formen sie in der Freizeit aus loser Wolle feste Maschen. Hier die flüchtige Note, dort das beständige Gewebe.

Beim Kochen treibt ihn ein missionarischer Impuls an. Malaysia sieht er als „blinden Fleck“ im internationalen Tourismus – teurer als Thailand, nicht so sauber wie Singapur, weniger exotisch als Indonesien. Gerade darin erkennt er die Besonderheit. Der Slogan „Malaysia Truly Asia“ treffe zu, sagt er, weil das Land „irgendwie ganz Asien“ in sich vereine und kulturell außergewöhnlich reich sei. Diese Vielfalt spiegelt sich vor allem in der Küche wider, die er als herausragend empfindet – ein Genuss, den er am liebsten „von den höchsten Gipfeln“ verkünden würde.

Volle Säle und neue Konzertformate

Für Shankar ist es ein Herzensanliegen, mehr Publikum zu gewinnen. Er arbeitet an Projekten, die neue Zugänge zur klassischen Musik eröffnen und die Grenzen zwischen E- und U-Musik aufheben.

Ein zentrales Projekt ist die Großproduktion des Liverpool Oratorio von Paul McCartney am 16. Juni 2026 in der Holstenhalle Neumünster, bei der rund 500 Chorsängerinnen und -sänger mitwirken werden. Ausgangspunkt war eine kleine Anfrage eines Männerchors, die sich schnell zu einem landesweiten Chorprojekt entwickelte. Für Shankar zählt weniger der Name des Prominenten Komponisten als die Wirkung des gemeinsamen Singens: „Ich möchte dem Publikum ein Ereignis ermöglichen, von dem man jahrelang zehrt.“

Weitere Kooperationen umfassen ein Weihnachtskonzert mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival im Dezember 2026 und eine Zusammenarbeit mit folkBALTICA im Mai 2027, um neue Publikumsschichten zu erreichen. Sein Leitgedanke lautet: Kooperation statt Konkurrenz. Gemeinsam entsteht etwas, „das mehr ist als die Summe der Einzelteile.“

Zudem plant er eine Konzertreihe in Flensburger Kirchen anlässlich des 500. Jubiläums der ersten reformatorischen Predigt, um abermals neue Zugänge, insbesondere auch für den sinfonischen Zyklus seines Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchesters, zu eröffnen.

Gegen das Diktat der Eile

Shankar beobachtet, dass Netflix, Smartphones und kurze Formate in Social Media Reels die Aufmerksamkeit verändern: „Die Fähigkeit zur Langsamkeit geht verloren. Das betrifft nicht nur klassische Orchester, sondern die gesamte Kulturlandschaft.“ Pop-Songs wie die von Taylor Swift, die er im übrigen großartig findet. funktionieren, weil sie in drei Minuten konsumierbar sind; eine Sinfonie verlangt eine völlig andere Konzentration.

Er fragt: „Wollen wir hinnehmen, dass Kinder diese Fähigkeit verlieren, oder wollen wir bewusst dagegenhalten?“ Musik schenkt etwas, „was Worte nicht leisten. Sie hält uns einen Spiegel vor und ermöglicht emotionale Tiefe, wo Worte nicht mehr weiterkommen.“ Swiftie zu sein und Schostakowitsch zu lieben schließt sich also keinesfalls aus.

© Henrik Matzen

Rückenwind für unkonventionelle Töne

Shankar gestaltet künstlerische Programme mit großer Begeisterung. Doch ist die Aufgabe komplex – viele Parameter sind dabei zu beachten. Gerade diese Komplexität schreckt ihn nicht – im Gegenteil, er freut sich besonders über die ihm anvertraute künstlerische Planung. Darauf hat er sich von Anfang an in seiner Rolle als Generalmusikdirektor gefreut. Ein zentraler Faktor ist die Rückendeckung der Generalintendantin Dr. Ute Lemm, die ihm außergewöhnlich viel Spielraum gibt. Dieses Vertrauen empfindet er als besonders wertvoll, gerade angesichts der Programme, die er bewusst unkonventionell und jenseits etablierter Kategorien entwickelt. Seine Arbeit entspringt, wie er sagt, „der Feder eines Menschen, der die Grenze zwischen E- und U-Musik für nichtig erklärt hat“. Programme wie Guldas Cellokonzert wären sonst kaum denkbar.

Heilung durch Erkenntnis: Der Dirigent als Mensch unter Menschen

Krisen spricht er offen an, wobei die persönlichen nicht Bestandteil dieser journalistischen Arbeit sein sollen. Auch beruflich lief nicht immer alles glatt, doch schwierige Zeiten erwiesen sich als lehrreich. Dabei reflektiert er Machtstrukturen in Orchestern: „Ein Orchester kann sehr unmenschlich sein.“ Er erkannte, dass ein Orchester aus Individuen besteht – mit ganz eigenen Sorgen, Abhängigkeiten und Ängsten. „Es gibt doch nicht das Orchester als Einheit.“ Diese Einsicht trug wesentlich zu seiner persönlichen Heilung bei.

Sinnsuche statt Karriereleiter

Auf die Frage nach persönlichen Karrierezielen reagiert er distanziert zum klassischen Zielbegriff: „Das klingt sehr zielgerichtet – und das bin ich nicht.“ Konkrete Karrierepläne habe er nicht. Er wache nicht mit dem Wunsch auf, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker zu werden, würde aber bei einem entsprechenden Anruf „sicher darüber nachdenken.“

Stattdessen treibt ihn ein inneres Gefühl von Verantwortung: „Ich spüre einen Auftrag“, den Wunsch, einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen und mit seiner Arbeit etwas mitzugestalten. Für ihn zählt weniger äußerer Erfolg als die Sinnhaftigkeit seines Tuns. „Ich möchte jederzeit das Gefühl haben, dass das, was ich tue, Bedeutung hat.“

Sein Selbstbild lässt Raum für Entwicklungen jenseits klarer Karrierepfade. Eine berufliche Zukunft in der Gastronomie oder in der Politik erscheint ihm nicht abwegig. Gleichzeitig kann er sich vorstellen, auch im hohen Alter noch zu dirigieren: „Wenn ich auch noch mit 70 dirigiere, kann ich mir vorstellen, dass ich trotzdem glücklich bin.“

Keine Kunst ohne das große Geheimnis

Shankar bezeichnet sich als gläubig: „Ich komme aus einer sehr gläubigen hinduistischen Familie, und obwohl ich den Glauben als Kind abgelegt hatte, spielt er heute eine große Rolle.“ Für ihn ist klar: „Man kann kein Künstler sein, ohne irgendwann das große Geheimnis zu berühren.“ Musik verlangt einen Bezug zu einem tieferen Mysterium; ohne diesen wirkt sie „fast schon wie Buchhaltung und ist keine Kunst mehr.“

Frischer Wind für alte Meister

Anlässlich der Produktion Ball im Savoy, die im Februar 2026 in Flensburg Premiere hatte, sagt Shankar über den Komponisten Paul Abraham: „genial“. Besonders beeindruckt ihn Abrahams Flexibilität. Sie lädt dazu ein, ein Werk immer wieder neu zu entdecken und bestehende Formen zu hinterfragen. Alte Stücke behandelt der Flensburger GMD nicht museal, sondern erfindet sie neu – ein zentraler Ansatz, der das Theater für ihn relevant macht.

Grenzlose Inspiration: Warum Flensburg der ideale Ort ist

Die Lage Flensburgs inspiriert Shankar. Erst hier, an der Grenze zu Dänemark, entdeckte er die Musik von Rued Langgaard. Er erlebt Flensburg als einen Ort, der anderen Kulturen und insbesondere dem skandinavisch-baltischen Raum „die Hand ausstreckt“. Diese Metapher spiegelt seine Tätigkeit wider: Er möchte nicht nur ein „Epizentrum von einem“ sein, sondern durch Vernetzung und das Überwinden von Grenzen wirken.

Dramaturgie und Dialog

Die dramaturgische Erzählung ist für Shankar die Essenz seiner Arbeit: „Genauso wie Gerichte besser oder schlechter zueinander passen, können Musikstücke komplementär oder widerborstig sein.“ Insbesondere der Dialog zwischen Alt und Neu eröffnet neue Perspektiven.

Sein Orchester schätzt er besonders für dessen Anpassungsfähigkeit: „Ich finde es schön, dass unser Orchester so flexibel ist und alle Mitglieder aufeinander hören – das ist keinesfalls selbstverständlich und zeichnet ein gutes Orchester aus.“

Harish ermutigt Orchestermitglieder, eigene Vorschläge einzubringen, und so hat sich in Anfang des Jahres ein kleines künstlerisches Gremium innerhalb des Orchesters zusammengefunden: „Mehr Köpfe, die gemeinsam planen, sind einfach besser.“ Zwar trägt er die letzte Verantwortung dafür, was am Ende auf das „musikalische Menü“ kommt, doch sein Führungsstil ist einer des Dialogs. Er schließt mit einem Gedanken der Sopranistin Jessye Norman: „Ein guter Dirigent weiß, wann man führt und wann man folgt. Ich lerne.“

Nach eineinhalb Stunden in der großzügigen Wohnküche des kosmopolitischen Dirigenten endet unser Gespräch. Während draußen die Flensburger Förde in der Wintersonne glitzert, kehrt Harish Shankar in seine Routine zurück: E-Mails beantworten, anschließend zur Probe für Ball im Savoy ins nahe gelegene Theater. Doch sein Kompass zeigt bereits wieder in die Ferne: Wenige Tage nach unserem Treffen wird er in London am Pult stehen. Ein Nomade, der die Welt bereist, um ihre Klänge nach Flensburg zu bringen.

Marc Rohde 19. Februar 2026