Zürich: „Cardillac“, Paul Hindemith

Es ist schon erstaunlich: Da wählen mitten in der angesagten Zeit der „neuen Sachlichkeit“ der 1920er Jahre ein Komponist (Paul Hindemith) und ein Autor (Ferdinand Lion) ein Sujet für eine neue Oper aus (Cardillac), das aus der tiefsten Schauerromantik stammt (E.T.A. Hoffmanns DAS FRÄULEIN VON SCUDERI). Doch die 18 prägnanten, knapp und stringent gehaltenen Szenen, die Ferdinand Lion entwarf, enthalten keinen Bezug mehr zur Romantik, sind nicht im Wagnerschen Sinne durchkomponiert und durch Leitmotive verknüpft. Nein, die Musik Hindemiths ist rein instrumental gehalten, selbst der Duktus der Stimmführung scheint instrumental zu sein. Die einzelnen Szenen sind durch strenge Formgebungen der absoluten Musik klar abgegrenzt: Fuge, Passacaglia, Duettino (für zwei Flöten in der Pantomime) und Formen der barocken Oper mit Arie, Duett, Quartett. Dazu gesellt sich ein oratorienhaft eingesetzter Chor in einer tragenden, ja mitreißenden Rolle. Die Architektonik Händels trifft also auf die Theatralik Verdis (beide Komponisten erlebten in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts auch eine Art „Renaissance“). Trotz der scheinbaren musikalischen Bezugslosigkeit zwischen den einzelnen Szenen und der knallharten (aber subtilen) Instrumentation Hindemiths mit klarem Schwergewicht auf den vorwiegend solistisch eingesetzten Bläsern und der vorherrschenden Polyphonie des Gesamtklangs erzielt die Musik eine schon fast beängstigende, mitreißende und spannungsgeladene Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann.

© Monika Rittershaus

Diese Wirkung ist vor allem Fabio Luisi, dem ehemaligen GMD der Oper Zürich zu verdanken, der für diese Neuproduktion ans Haus zurückkehrte. Die reichhaltigen Klangfarben und Klangmischungen, die packende rhythmische Gestaltung und die wunderbar ausgespielten poetischen Momente der Partitur (ja die gibt es!), die Maestro Luisi zusammen mit dem fabelhaft spielenden Orchester der Oper Zürich aus dem Graben aufsteigen lässt, sind von packender Intensität und überwältigender Kraft. Luisi scheut das dramatische Aufbegehren nicht, achtet jedoch stets auf eine geradezu magische Transparenz des Musizierens. In das formidable, wuchtige, aber nie lärmige Erlebnis sind die Stimmen der schlichtweg überragenden Besetzung der sieben Gesangspartien sowie der mit ungeheurer vokaler Dramatik singende Chor der Oper Zürich (einstudiert von Klaas-Jan de Groot) voll energiegeladener Dynamik eingebunden. Der Bassbariton Gábor Bretz verleiht der Titelrolle des Goldschmieds Cardillac ein vielschichtiges Profil. Dank der warmstimmigen, souverän gesungenen und darstellerisch so intensiven Interpretation von Gábor Bretz kommt man kaum darum herum, mit diesem Künstler, der unfassbar schöne Kunstwerke schafft und diese dann nicht loslassen kann, Mitleid zu empfinden, selbst wenn er mordet, wenn er seine psychischen Probleme (Narzissmus, inzestuöses und verachtendes Verhältnis zur Tochter) im Alkohol ertränken muss. Cardillac ist denn auch die einzige Figur, die einen Namen trägt. Alle anderen sind „nur“ Typen. Diese werden trotz der Knappheit der Szenen von den Autoren der Oper und vor allem dank der reichhaltigen, einfühlsamen Personenregie von Kornél Mundruczó aber doch zu plastischen Charakteren geformt. So „Die Tochter“, dargestellt und gesungen von Anett Fritsch. Eine junge, modische Frau, beinahe ein bisschen „nerdhaft“, ihrem Vater zärtlich zugetan, die in ihrer Arie Mein Geliebter kommt mit reich verziertem, fast an barockem Gesang erinnernder schwebender Virtuosität fasziniert und die beiden Duette mit diesem Geliebten (Der Offizier) und ihrem Vater mit fantastischer vokaler Präsenz bestreitet. Der Offizier wird von Michael Laurenz (ebenfalls ein Rückkehrer ans Zürcher Haus) mit fabelhafter Durchschlagskraft gesungen. Sein herrlich fester, bruchlos geführter, gleißend strahlender Tenor ist ideal besetzt für die Rolle dieses Besitzes ergreifenden, leicht schleimig wirkenden Unsympathen. Etwas lyrischer wirkt der zweite Tenor des Stücks, Der Kavalier, der im ersten Akt auftritt: Sebastian Kohlhepp singt die Arie Waagschalen dieser Welt mit heller, einnehmender Stimme – man hätte gerne mehr von ihm gehört, doch wird er während des Stelldicheins mit „Die Dame“ im gläsernen Aufzug des Einkaufszentrums, in welchem Mundruczó die Handlung spielen lässt, ermordet. Wie in einem Slashermovie rinnt sein Blut effektvoll die gläserne Wand herab. Die wohl „romantischste“ Arie der Oper gehört dieser Dame: Die Mezzosopranistin Dorottya Láng singt das Lied Die Zeit vergeht, Rose zerfiel mit fabelhaft schöner, warmer Stimme und spielt ihre begehrende Rolle mit aufreizender Sinnlichkeit. Alle Solisten sind Rollendebütanten, so auch Stanislav Vorobyov, der den verängstigten Goldhändler mit weicher Stimmführung und sattem Bass gestaltet, und Brent Michael Smith als Führer der Prévôte, der dem wegen der unerklärlichen Morde aufgebrachten Volk im ersten Akt die Einführung eines neuen Gerichtshofs, der „Brennenden Kammer“, mit Autorität verkündet.

© Monika Rittershaus

Wie gesagt, dass die Oper CARDILLAC dermaßen einfuhr, erregte und begeisterte, war sowohl den musikalischen Meisterleistungen aus dem Graben und von der Bühne geschuldet und der fantastisch gelungenen, mit nie nachlassender Spannung inszenierten szenischen Umsetzung durch das Team rund um den ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó (dessen Film AT THE SEA übrigens bei der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb startet), der phänomenalen Ausstattung (von Monika Korpa entworfen) des Einkaufstempels (könnte in jeder Shoppingdestination für die Schönen und Reichen dieser Welt stehen) und der dramaturgisch vorbildlich klaren Lichtgestaltung durch Elfried Roller. Man kommt den Figuren unglaublich nahe in dieser hässlichen, goldfarbenen Shopping Mall. Der gläserne Aufzug funktioniert perfekt, ist ein Eye Catcher. Im zweiten Akt befindet man sich in der Werkstatt von Cardillac, dem Luxury Jeweler C, und blickt hinaus durch den Laden in die Mall. In der Werkstatt wird man dann auch konfrontiert mit den psychischen Abgründen Cardillacs: Seinem Alkoholkonsum, seiner Gleichgültigkeit gegenüber seiner Tochter, die eine sehr komplexe Beziehung zum Vater hat. Für sie ist er „… wie Gott, als er die Welt erschuf“. Aber ein Gott, der „nur sein Gold streichelt, aber nicht seine Tochter“, wie sie bekennt. Grandios gelungen ist der Auftritt des Königs (Stanislav Hnat in einer stummen Rolle): Der König ist hier eine obertuntige „Shopping-Queen“, begleitet von unglaublich arroganten, smarten Bodyguards. Was der eine der Bodyguards auf der Toilette der Werkstatt mit seinem Handy treibt und dabei erwischt wird, überlässt der Regisseur der schmutzigen Fantasie des Rezensenten. Großartig auch die Führung des Chors, teils als amorphe Masse, teils sehr individuell gezeichnet. Eindrücklich der Effekt mit den leuchtenden Masken des Chors während des wie ein Concertato daherkommenden Quartetts (Offizier, Goldhändler, Cardillac und Tochter) im dritten Akt. Am Ende stürzen Cardillac und das Volk sturzbetrunken aus der INFINITY BAR & LOUNGE, er bekennt sich zu den Morden, das Volk, das den Goldschmied eben noch jubelnd gefeiert hat, wendet sich als Lynchmob gegen ihn, plündert den Laden, ersticht ihn und wirft ihn in den Brunnen der Mall, das Geschmeide hinterher. Doch Offizier und Tochter wittern gleich ein Geschäft und verkaufen die Schmuckstücke ans Volk. Cardillac wird von den beiden aufgerichtet, mit Maske und Goldrüstung versehen und steht dann wie eine Oscarstatue vor der bunt ausgeleuchteten Brunnenplastik, die ihm wie bunte Flügel verleiht. 

© Monika Rittershaus

Fazit: Die Aufführung ist ein grandioser Triumph des Musiktheaters, wurde vom Premierenpublikum heftig applaudiert. Diesen Thriller Hindemiths sollte man nicht verpassen – und vor allem keine Angst vor der Musik haben, denn diese ist in ihrer stringenten Kompaktheit von atemberaubender Kraft! Sie löst den Anspruch des Komponisten Hindemith an Musik perfekt ein: „Wie auch eine Musik klanglich und strukturell beschaffen sein mag, sie bleibt ein bedeutungsloses Geräusch, wenn sie nicht einen aufnehmenden Geist berührt. … der aufnehmende Geist muss in einem gewissen Sinne tätig werden, wenn eine Umwandlung von einem akustischen Eindruck in eine wahre musikalische Erfahrung erreicht werden soll.“ (Paul Hindemith, Komponist in seiner Welt, Weiten und Grenzen, 1959) Ich für mich habe gestern Abend diese Erfahrung gemacht – und werde mir dieses wichtige Werk des Musiktheaters gerne wieder ansehen und hoffentlich nicht erneut 50 Jahre auf eine Gelegenheit dazu warten müssen

Kaspar Sanneman 19. Februar 2026


Cardillac
Paul Hindemith
Oper Zürich

15. Februar 2025

Regie. Kornél Mundruczó 
Dirigat: Fabio Luisi
Orchester der Oper Zürich