Pionteks Bayreuth: „Rigoletto ‚vs.’ Tannhäuser“, Klavierklasse Sontraud Speidel

Rigoletto gegen Tannhäuser – wer siegt? Beide! Denn Liszt hat alle zwei bearbeitet.

Das Programm, das die Musikhochschule Karlsruhe – Klasse Prof. Sontraud Speidel – in Steingraebers Kammermusiksaal geschickt hat, aber beginnt nicht mit einem der Großmeister der Mitte und des späten, sondern des frühen 19. Jahrhunderts. Ein (Wiener) Klassiker, also Beethoven, ist immer ein guter Einstieg, die Klaviersonaten enttäuschen ja nie, auch wenn diesmal „nur“ der Kopfsatz von op. 2/3 zu hören ist. Am Steingraeber sitzen ausnehmend junge, ja sehr junge Leute, Eren Parmakerli gehört zu ihnen und bringt den locker gewirkten Satz in den fast ausverkauften Saal. Ist diese so leicht daherkommende Sonate leicht? Was ist schon „leicht“ bei Beethoven? Joachim Kaiser hat in seinem Opus magnum Beethovens 32 Klaviersonaten und ihre Interpreten die rechten Worte für das Jugendstück gefunden, indem er die Gleichzeitig von Haydnschem wie Mozartschem Einfluss und Beethovenscher Originalität feststellte. Zunächst hört man tatsächlich Haydn, dann Beethoven (gezeichnet als Jüngling mit der Löwenpranke), dann wenig Mozart – doch im zweiten Durchgang wird die zärtliche Notenfolge plötzlich zu einem annähernd reinem Mozart. Auch die Kadenz kommt nicht wild-brillant, sondern klassizistisch daher, was an der technischen Verfügung des jungen Musikers liegen mag. Auf jeden Fall hat Eren Parmakerli schon mal gezeigt, was in ihm drinsteckt und angelegt ist. Mit Ahmed Adnan Sayguns erstem Sketch aus den Ten Sketches on Aksak Rhythms, einem etüdenhaften Opus von 1976, zeigt er auch, dass ihm die „Schule der Geläufigkeit“ nicht fremd ist.

Dramaturgie ist nicht alles, aber viel. Drei „romantische“ Stücke bilden das Zentrum des ersten Teils, bevor mit Bach so etwas wie Ruhe einkehrt und mit Liszts Rigoletto-Paraphrase gesteigert wird. Katharina Jung, wie Luise Bold blutjung und trotz des Namens familiär aus Ostasien stammend, spielt die drei Romantiker, aber sie ist keine Romantikerin. Mendelssohns berühmtes Lied ohne Worte op. 19/1 erklingt non cantabile, als gäbe es keinen Legatobogen über dem Klaviergesang, aber mit dieser Interpretation steht sie in der internationalen Musikwelt nicht allein. Es bleibt eben schwer, Mendelssohn zugleich klar und gefühlvoll zu spielen; auch Michail Glinkas Lied Die Lerche (für Klavier, was der Programmzettel verschweigt, transkribiert von Mili Balakirew) hat bei Katharina Jung einen kristallklaren Anschlag und Klang. Es scheint, als läge der technisch versierten jungen Frau noch ganz das unverstellt Brillante, wie es in Chopins Etüde op. 10/5 gefordert ist und stürmischen Beifall einfordert. Dass sich Brillanz und Poesie nicht ausschließen, zeigt Luise Bold, die Liszts „Rigoletto“-Konzertparaphrase S 434, also die Variationen über drei Opernthemen, eben so spielt; auch Bachs Präludium und Fuge BWV 866 aus dem Wohltemperierten Klavier kommt als gutgeölte Maschine, doch auch mit kleinen Akzenten daher: ein Bach ohne scheinromantische Aufplusterung, doch lebendig genug, um auch en detail zu entzücken.

Teil II des Programms bietet dann „nur“ noch drei Werke und zwei Pianisten, aber die haben es – interpretatorisch und manuell – in sich. Florian Kleinertz darf den ersten Satz von Schumann Fantasie op. 17 spielen, er klingt, nach einem ungewöhnlich tastenden Beginn (die Vortragsbezeichnung lautet Durchaus fantastisch und leidenschaftlich vorzutragen), überlegt zergrübelt. bevor Rachmaninows kurzes Ètude Tableaux op. 39/6 die Fähigkeit des Pianisten zu rasanten Sechzehntzelgewittern demonstriert. Schließlich der letzte Liszt, also die Konzertparaphrase über die Ouvertüre zu Tannhäuser S 442. Volodymir Chumachenko spielt sie mit völliger Sicherheit, auch die von Liszt der Transkription hinzugefügten Läufe, aber man hört, welche Kraft und Konzentration dazu gehören, solch ein Riesenwerk unter die Finger und in das musikalische Gedächtnis hineinzubekommen. Wer hat also im Zweikampf gesiegt – Wagner oder Verdi? Beide! Es hat schon seinen Sinn, dass man das „vs.“ im Titel in Gänsefüßchen gesetzt hat…

Also großer, langer Schlussapplaus für die fünf jungen, nein: sehr jungen Musikerinnen und Musiker.

Frank Piontek, 20. Februar 2026


Beethoven: Sonate op. 2/3: 1. Satz
Ahmed Adnan Saygun: Ten Sketches on Aksak Rhythms op. 58/1
Mendelssohn Bartoldy: Lied ohne Worte op. 19/1
Michail Glinka / Mili Balakirew: Die Lerche
Bach: Präludium und Fuge BWV 866 aus dem WTK I
Liszt: „Rigoletto“-Konzertparaphrase
Schumann: Fantasie op. 17, 1. Satz
Rachmaninoff: Étude Tableaux op. 39/6
Liszt: Ouvertüre zu Tannhäuser. Konzertparaphrase für Klavier
Chopin: Etüde op. 10/5

Steingraebers Kammermusiksaal, Bayreuth

19. Februar 2026

Klavierklasse Sontraud Speidel