Unerwartete Hochdramatik
Eine Pointe? In New York liebt er als Tristan bekanntlich unglücklich seine Isolde. Wenig später in Wien jammert er als Nemorino um den Liebestrank ebenjener „Königin Isotta“, um mit seiner Adina glücklich zu werden.

Jeder Opernfreund, der sich ein wenig auskennt, kommt um die Frage nicht herum: Geht das? Kann man Wagners schwierigsten Helden und dann Donizettis leichtstimmigen Belcanto-Liebhaber gewissermaßen mit ein- und derselben Stimme singen? Nun, man kann. Aber eigentlich nicht wirklich.
Es war der amerikanische Tenor Michael Spyres, der nach seinem bemerkenswerten New Yorker Tristan und vor seinem Siegmund, den er in knapp drei Wochen im Rahmen des Wiener „Rings“ singen wird, Station bei Donizetti eingelegt hat. Bei Nemorino, dem gewissermaßen herzigsten tenoralen Helden auf Donizettis Schiene der „leichten“ Opern. Nur dass Spyres, der über seinem baritonalen Timbre eine echte, prachtvolle, leuchtende Tenorhöhe entfalten kann, über eine schwere Stimme verfügt, und die kann auch die beste Technik nicht so locker und leicht machen, wie es die Rolle erfordern würde.
Was geschieht? Der arme, in die reiche Adina verliebte Nemorino, der bei einem vazierenden Scharlatan einen Liebestrank wie aus „Tristan und Isolde“ kauft, wird bei ihm zum schweren Helden – auch optisch. (Natürlich war auch Pavarotti kein Leichtgewicht, aber er hatte neben der konkurrenzlosen Schönheit seiner Stimme die Leichtigkeit des Ansatzes, dazu noch den geborenen, verschmitzten, tänzelnden Charme des Schlitzohrs,) Dazu ist Spyres, wenn er auch brav alles ausführt, was die Regie vorgibt, kein genuin begabter Schauspieler. Resümee: Im Endeffekt – nein, gar kein Nemorino (abgesehen davon, dass er sich den finalen Spitzenton seiner großen Arie schenkte, was natürlich vernünftig ist, wenn man spürt, dass man ihn nicht gut hinbekommen würde…).
„Glücklicherweise“(was schon alles ein Glück ist) hatte er eine Partnerin, die insofern zu ihm passte, als sie in der Rolle der Adina mit denselben Problemen kämpfte. Pretty Yende ist weit über das Fach des leichten Soprans hinausgewachsen. Wenn dieses Paar irgendeine dramatische Donizetti-Königinnen-Oper gesungen hätte – vermutlich wäre man vor Entzücken über so viel geschmetterte Stimmkraft außer sich geraten. Im „Liebestrank“ war es ein Gewaltakt, eine unerwartete Hochdramatik, die überhaupt nicht zu dem Werk passte.
Und dann noch die Enttäuschung, dass derjenige, der wirklich hätte „loslegen“ können, sollen, müssen, es nicht tat. In der Papierform war Ambrogio Maestri als Doktor Dulcamara die dritte Spitzenbesetzung des Abends – aber er war offenbar nicht wirklich bei der Sache. Man hat diese Rolle oft schlechtweg lustiger und fröhlicher erlebt – schade, dass ein großer Sänger offenbar nicht bei Laune war.

Clemens Unterreiner hingegen tat alles, um mit den Stars an Stimmkraft mitzuhalten, außerdem gab er den Soldaten, der sich lächerlich macht, durchaus mit sympathischer Selbstironie. Ana Garotić nützte ihre Miniszene als Giannetta.
Laut und kräftig, wie es die Hauptdarsteller vorgaben, ließ Gianluca Capuano am Pult agieren, dabei steckt doch so viel Leichtigkeit und auch Poesie (von spritzigem Humor ganz zu schweigen) in dem Stück.
Ein Wort noch zum Schluß: Eine Inszenierung wie diese von Otto Schenk gibt es auf den Bühnen der Welt heute nicht mehr, das ist ein kostbares Museumsstück, das man eigentlich mit Sorgfalt hüten sollte. Es belästigt das Publikum nicht mit irgendwelchen Hirnwichser-Interpretationen, sondern erzählt eine ewige kleine Geschichte über Liebeswirren, die von Musik vergoldet wird. Mehr sollte man nicht verlangen. Stimmliche Hochdramatik braucht es hier nicht…
Renate Wagner 6. Mail 2026
Die Perlenfischer
Gaetano Donizetti
Wien, Staatsoper
282, Vorstellung dieser Inszenierung
5. Mai 2026
Regie: Otto Schenk
Dirigat: Gianluca Capuano
Wiener Philharmoniker