Köln: „Die Walküre“, Richard Wagner (dritte Besprechung)

Mit einer rundum gelungenen Walküre ist der neue Kölner Ring des Nibelungen fortgesetzt worden. Für die Inszenierung zeichneten Paul-Georg Dittrich (Regie), Pia Dederichs und Lena Schmid (Bühnenbild) sowie Mona Ulrich (Kostüme) verantwortlich. Diese Produktion hält für alle Geschmäcker etwas bereit und weist sowohl moderne als auch konventionelle Elemente auf. Jedem der drei Aufzüge sind Videos vorangestellt. Das ist nicht mehr neu, ergibt hier aber durchaus Sinn.

Zu Beginn erblickt man auf einer Leinwand ein sich fortbewegendes Licht – Siegmund auf der Flucht. Das erste Treffen der gleichermaßen blonden und stoppelhaarigen Wälsungen-Geschwister findet in einem durch und durch traditionellen Rahmen statt: Auf der rechten Seite der Bühne befindet sich ein Wald mit Pflanzen sowie einem Wassertümpel. Links ist Hundings Hütte mit der Esche, und im Hintergrund ragt ein riesiger Mond auf, den man im Laufe des Abends noch öfters sieht. Auf beiden Seiten der Bühne sind weitere Leinwände angebracht, auf denen Filme aus Überwachungskameras ablaufen. Zuerst könnte man auf den Gedanken kommen, dass es Hunding ist, der Sieglinde derart streng überwacht. Später stellt sich aber heraus, dass es sich bei dem orange gekleideten Wotan um den Strippenzieher handelt, der hier alles und jeden unter die Lupe nimmt. Sein System ist ein faschistoider Überwachungsstaat, der, wie sich aus dem zu Beginn des zweiten Aufzuges eingeblendeten Videos ergibt, in einer postapokalyptischen Zeit spielt, in der der Stellvertreterkrieg seine zerstörerischen Spuren hinterlassen hat.

© Matthias Jung

Da nimmt sich Wotans feiner, im Stil der 1950er Jahre gehaltener Salon im zweiten Aufzug doch viel angenehmer aus, auch wenn er insgesamt kalt und nüchtern wirkt. Bevor noch die Musik einsetzt, hat Fricka in praktischer Anwendung eines Tschechow‘ schen Elementes einen Auftritt an einer Stelle, an der Wagner einen solchen für sie gar nicht vorgesehen hat. Sie nimmt einen negativen Schwangerschaftstest in Augenschein. Anschließend fährt sie sich mit einem Ultraschallgerät über den Unterleib. Und wieder ist das Ergebnis dasselbe: Nicht schwanger. Die Enttäuschung der Göttin der Ehe über ihre Unfruchtbarkeit ist groß. Bei Dittrich resultiert wohl daraus ihre gegenüber Wotan aufgestellte Forderung, Siegmund zu töten.

Wenn sie ihm keinen Sohn schenken kann, soll er auch sonst keinen haben. Wenigstens hat er Töchter, die er ganz in seinen Plan, freie Menschen hervorzubringen,  eingebunden hat. Der dritte Aufzug ist dem Regisseur dann auch am eindringlichsten gelungen. Dieser spielt sich in einer Entbindungsklinik ab. Die Walküren bringen hier keine gefallenen Helden nach Walhall, vielmehr üben sie sich im Kinderkriegen. Ein Teil der Wotans-Töchter gebiert Kinder, die übrigen Walküren fungieren als Hebammen. Sie werden von ihrem Vater gleichsam zu einer stets einsatzbereiten Gebärmaschinerie degradiert, die von ständig fortlaufender Software kontrolliert wird. Bereits geborene, mit DNA-Logos samt roten Kreuzen versehene Kinder wippen träge auf Schaukelpferden hin und her. Äußerlich sind sie ganz und gar Siegmund und Sieglinde nachempfunden. Man merkt die Verwandtschaft zwischen ihnen. Auch Brünnhilde gleicht ihren menschlichen Geschwistern. Als Wotan sie auffordert, Siegmund zu töten, schneidet sie sich deprimiert ihre langen Haare ab. Kurzhaarig ist die Ähnlichkeit zu den Wälsungen jetzt vollkommen. Am deutlichsten erweist sich dieser Fakt in der Todesverkündigung, in der Brünnhilde Siegmund ihren reflektierenden Schild vor das Gesicht hält. Da wird offensichtlich, wie sich die Walküre und der Held gleichen. Wenn Brünnhilde Siegmund am Ende der Szene stürmisch umarmt, ist das ein sehr emotionaler Augenblick. Am Ende des zweiten Aufzuges drückt Wotan Hunding seinen Speer in die Hand, damit dieser damit Siegmund den Todesstoß versetzen kann. Anschließend zwingt der Göttervater den Duellsieger, sich die Kehle durchzuschneiden. Auch hierbei handelt es sich um recht eindringliche Bilder.

© Matthias Jung

Wenn man für moderne Sichtweisen aufgeschlossen ist, erscheint Dittrichs Ansatzpunkt konsequent und spannend. Er fasst das Ganze als psychologisches Kammerspiel auf. Wotan ist bei ihm eine durch und durch negativ gezeichnete Figur. Er instrumentalisiert sowohl seine göttlichen als auch seine menschlichen Nachkommen einzig zu dem Zweck, einen neuen Menschen zu züchten. Die sonst so hehre Wissenschaft wird von ihm pervertiert und gehörig ad absurdum geführt. Die im dritten Aufzug vorgeführten Kinder muten wie Klone an. Es ist zu erwarten, dass auch Siegfried eines Tages so wie seine Eltern aussehen wird, blond und stoppelhaarig. Im Augenblick wird er zu Beginn des dritten Aufzuges nur als Bild eines Embryos im Mutterleib auf eine Leinwand projiziert. Die anderen Kinder geben sich in dem fragwürdigen Labor ihres Vaters gepflegter Langeweile hin. Der Lebensborn der Nazis lässt grüßen. Die Parallele liegt auf der Hand. Allzu konkreten Bildern diesbezüglich versagt sich Dittrich allerdings, was kein Fehler ist. Wotans Menschenzucht mutet für sich schon reichlich widerwärtig an. Am Ende des dritten Aufzuges schließt er Brünnhilde in eine Raumkapsel ein, in der die ehemalige Walküre sich viel Zeit nimmt, um einzuschlafen. Der Feuerzuber wird mit Hilfe von flimmernden Computerdisplays erzeugt. Insgesamt haben wir es hier mit einer gut durchdachten, ansprechenden Produktion zu tun, die anzusehen lohnt.

Nun zur musikalischen Seite. Leider ist die Akustik des Staatenhauses, das der Oper Köln im Augenblick als Ausweichspielstätte dient, herzlich schlecht. Und die Instrumentalisten waren ziemlich hoch, direkt vor der Bühne platziert, sodass es die Sänger manchmal schwer hatten, über das Orchester zu kommen. Demgemäß fühlte sich Dirigent Marc Albrecht veranlasst, dem trefflich disponierten Gürzenich-Orchester Köln ständig aufs Neue Zügel anzulegen. Der daraus resultierende, manchmal etwas zu leise Klang wirkte demgemäß ausgesprochen kammermusikalisch. Andererseits war er von enormem Wohlklang geprägt. Die großen wuchtigen Ausbrüche vermisste man zwar bei dieser Aufführung, nichtsdestotrotz vermochte der Dirigent durch fein gesponnene, ebenmäßig dahinfließende und ausdrucksstarke Passagen und schönen Lyrismen in moderaten Tempi nachhaltig für sich einzunehmen.

© Matthias Jung

Auf insgesamt hohem  Niveau bewegten sich die sängerischen Leistungen. Hier ist an erster Stelle Jordan Shanahan zu nennen, der mit saft- und kraftvollem, bestens italienisch fokussiertem und intensivem Heldenbariton einen ausgezeichneten Wotan sang. Darstellerisch war er ebenfalls sehr eindringlich. Einen in jeder Lage gut sitzenden, von großer Leucht- und Durchsetzungskraft und immensem Farbenreichtum geprägten hochdramatischen Sopran brachte Trine Moller in die Partie der Brünnhilde ein, die sie auch überzeugend spielte. Demgegenüber fiel Astrid Kessler, die stimmlich manchmal an ihre Grenzen stieß, in der Rolle der Sieglinde ab. Insbesondere ihr zuweilen an den Tag gelegtes Tremolo war alles andere als gefällig. Mit hellem, kräftigem Heldentenor, ebenmäßiger Linienführung und lange ausgehaltenen Wälse-Rufen gab Daniel Johansson dem Siegmund ein ansprechendes Profil. Als Fricka gefiel die über einen imposanten Mezzosopran verfügende Bettina Ranch. Der Hunding von Tijl Faveyts zeichnete sich durch einen sonoren Bass und eine profunde Tiefe aus. Im Großen und Ganzen gut gefiel das aus Emily Hindrichs (Helmwige), Kristi Anna Isene (Gerhilde), Claudia Rohrbach (Ortlinde), Regina Richter (Waltraute), Alicia Grünwald (Siegrune), Johanna Thomsen (Rossweisse), Tina Drole (Grimgerde) und Adriana Bastidas-Gamboa (Schwertleite) bestehende Ensemble der kleinen Walküren.

Fazit: Eine gelungene Aufführung, die die lange Fahrt nach Köln durchaus gelohnt hat.

Ludwig Steinbach, 5. Mai 2026


Die Walküre
Richard Wagner

Oper Köln

Premiere: 29. März 2026
Besuchte Aufführung: 3. Mai 2026

Inszenierung: Paul-Georg Dittrich
Musikalische Leitung: Marc Albrecht
Gürzenich-Orchester Köln

Erste Besprechung

Zweite Besprechung