
Hans Werner Henze bezeichnete „Malina“, den einzigen vollendeten Roman der ihm eng verbundenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann als „Gustav Mahlers Elfte Symphonie.“ Die Bachmanns Gedichten und Prosawerken stets mitschwingende Musikalität scheint Komponisten geradezu einzuladen, sich mit ihren Dichtungen zu beschäftigen. Wobei ein Roman natürlich noch schwierigere Herausforderungen an eine Vertonung stellt als eine Dramen-Vorlage.
Es zeugt also von Mut, wenn das Theater Aachen zusammen mit den Schwetzinger Festspielen den Roman in einer Opernfassung auf die Bühne bringt. Vor einer bei den Schwetzinger Festspielen, jetzt auch in Aachen. Unabhängig von manchen Problemen und Fragezeichen, die die Gemeinschaftskomposition von Karola Obermüller & Peter Gilbert auslösen mag, ist die Leistung des Aachener Theaters angesichts des hohen musikalischen und szenischen Niveaus der Produktion kaum zu überschätzen. Zumal das Theater zum ersten Mal in der Amtszeit der Intendantin Elena Tzavara eine zeitgenössische Oper auf der Höhe der Zeit präsentiert. Und das mit einem äußerst anspruchsvollen Sujet.
Ingeborg Bachmanns Liebe zur Musik ist bekannt. Sie war Fan der Callas, schrieb Libretti für zwei Opern von Hans Werner Henze und in ihren Roman fügt sie zwei Notenbeispiele aus Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“ ein. Nicht zuletzt weist ihre Sprache, vor allem die ihrer Gedichte, ein gewisses melodisches Kolorit auf. Womit ihrem Roman „Malina“ allerdings noch lange kein Tauglichkeitszeugnis als Basis für ein spannendes Musiktheater ausgestellt werden muss.

Und das aus zwei Gründen. Auf der einen Seite sind bei der Einrichtung von Romanstoffen für Bühnenproduktionen etliche dramaturgische Hürden zu bewältigen, andererseits fällt auf, dass ausgerechnet Dichter, deren Sprache von einer besonderen Musikalität geprägt ist, relativ selten auf der Opernbühne anzutreffen sind. Das gilt beispielsweise und insbesondere für Heinrich von Kleist und Anton Tschechow. Zu größerer Bekanntheit haben es von ihnen nur Hans Werner Henzes Kleist-Oper „Der Prinz von Homburg“, zu der Ingeborg Bachmann das Libretto schrieb, und Péter Eötvös‘ Tschechow-Oper „Tri Sestri“ (Drei Schwestern) gebracht. In beiden Fällen erweist sich die musikalische Erweiterung vor allem durch eine permanente orchestrale Klangkulisse jedoch als eher störend. Die Sprache Kleists und Tschechows entfaltet ihr klangliches und melodisches Aroma ohne akustische Hilfen wesentlich aromatischer.
Einwände, die auch Karola Obermeiers & Peter Gilberts Vertonung des „Malina“-Romans nicht unberührt lassen. Das relativ kleine Orchester kommentiert das Geschehen klanglich mächtig, oft hektisch und bisweilen geschwätzig. In völligem Gegensatz zur transparent und luzide klingenden Musik des im Roman zitierten Melodrams „Pierrot Lunaire“ von Arnold Schönberg, der den Texten von Albert Giraud in der Form eines halb gesprochenen, halb melodisch rezitierten Melodrams erheblich größere Entfaltungsmöglichkeiten lässt als Obermüller & Gilbert in ihrem Umgang mit der Vorlage Ingeborg Bachmanns.
Es ist kein Zufall, dass sich die stärksten Eindrücke einstellen, wenn der Text mehr gesprochen als gesungen wird und sich das Orchester so weit wie möglich zurückhält. Das scheint auch das Komponistengespann zu spüren, das selbst die mit einem Countertenor besetzte Titelrolle mit ihrem ätherisch androgyn klingenden Kolorit gesanglich recht sparsam zum Einsatz kommen lässt. Angesichts des prominenten Gast-Stars Valer Sabadus eigentlich ein wenig schade.
Die Hauptrolle hat ohnehin die Sopranistin Larisa Akbari aus dem Aachener Ensemble zu stemmen, die ihre anspruchsvolle Partie emotional und stimmlich vorbildlich ausführt und die Wechsel zwischen gesprochenem Text und artistischen Gesangspartien mühelos bewältigt. Sie verkörpert das „Ich“ einer Schriftstellerin, eine Projektion Ingeborg Bachmanns, die inmitten einer von Kriegs- und Männergewalt verseuchten Umgebung nach Identität und Geborgenheit sucht. Sie sucht Liebe, die sie nicht von ihrem Vater erfahren durfte, auch nicht von ihrem arroganten Lebenspartner, der keine Zeit für sie hat und auch nicht von ihren traumatischen Erfahrungen während der NS-Zeit.
Sie flüchtet in Fantasiegeschichten einer Prinzessin und einem fremden Prinzen und in Gespräche mit ihrem Mitbewohner Malina, von dem sie sich Verständnis erhofft, der im Verlauf des anderthalbstündigen Stück jedoch eine ebenso so starke männliche Macht entwickelt, dass ihr „Ich“ am Ende durch einen Mauerspalt verschwindet. Ihr letzter Satz: „Es war Mord.“

Ein tiefschürfendes Psychogramm mit autobiografischen Zügen Bachmanns, das natürlich wenig Platz für Aktionismus bietet. Umso verdienstvoller ist die szenische Umsetzung durch Franziska Angerer, die mit einer subtilen Personenführung Nähe und Distanz der Figuren eindringlich zum Ausdruck bringt. Gespielt wird auf einer von einem großen Spiegel beherrschten Spielfläche, deren Hintergrund Raum für effektvolle Lichteffekte sowie raffinierte Dia- und Video-Einblendungen lässt. Bei denen wird allerdings nicht immer deutlich, ob sie den Gehalt des Stücks vertiefen oder nicht eher von der Handlungsarmut der Oper ablenken sollen.
Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Aachens stellvertretendem Generalmusikdirektor Chanmin Chung, der das Aachener Sinfonieorchester zu einer sorgfältigen Umsetzung der komplexen Partitur anhält.
Wie gesagt: Ein exzellenter Beweis für die Innovationskräfte des Hauses, die in letzter Zeit zu wenig genutzt wurden. Besucherfluten dürfen für die anstehenden Aufführungen sicher nicht erwartet werden. Aber das Premieren-Publikum im gut besuchten Theater reagierte begeistert auf den Aufschrei einer „im tiefsten Inneren verletzten Seele“, um mit Gustav Mahler zu enden.
Pedro Obiera, 4. Mai 2026
Malina
Carola Obermüller und Peter Gilbert
Theater Aachen
Premiere 2. Mai 2026
Regie: Franziska Angerer
Dirigat: Chanmin Chung
Aachener Sinfonieorchester
Die nächsten Vorstellungen folgen am 8. Mai sowie am 6. und 25. Juni