Im Repertoire der Deutschen Oper am Rhein gibt es einige Produktionen, die für großartige Opernabende stehen, die aber leider nur sehr selten zu sehen sind. Eine dieser Produktionen ist Giacomo Puccinis Turandot in der Inszenierung von Huan-Hsiung Li. In Kooperation mit dem National Kaohsiung Center for the Arts (Weiwuying) in Taiwan entstanden, feierte die Oper am 5. Dezember 2015 Premiere im Theater Duisburg. In der Spielzeit 2016/17 war die Inszenierung dann erstmals in Düsseldorf zu sehen. Auch mehr als zehn Jahre nach der Premiere und fast hundert Jahre nach der Uraufführung von Turandot im April 1926 im Teatro alla Scala in Mailand weiß diese Produktion noch zu überzeugen. Offenbar sehen das viele Zuschauer ähnlich, denn ein komplett ausverkauftes Duisburger Theater bei einer Wiederaufnahme ist alles andere als üblich.

Huan-Hsiung Li sieht die Oper als ein Märchen, das er in Form eines Traums erzählt, der in die alte Yuan-Dynastie zurückdriftet. Dies hat den Vorteil, dass die Schwächen des Librettos etwas abgefedert werden, denn die Beweggründe der Figuren und Wendungen in der Handlung der Oper sind durchaus alles andere als glaubwürdig. Beim Verlassen des Theaters sagte ein sehr junger Opernbesucher zu seinen Eltern: „Wieso will der Mann diese Frau eigentlich heiraten, obwohl sie so viele Menschen umbringen lässt? Das ist ja vollkommen unrealistisch.“ Hier hat das Kind die Schwäche des Stücks treffend erkannt. Huan-Hsiung Li fügt der Geschichte daher eine junge Frau der Gegenwart hinzu (Tänzerin: Yasha Wang), die offenbar in einer Stadt wie Hongkong lebt, in der das Verhältnis zu Peking angespannt ist. Das aufstrebende China projiziert Li auf die Prinzessin Turandot: Auf eine Weise durchaus fasziniertend, anderseits aber auch brutal und grausam. Die Regie geht zwar nicht in allen Bereichen auf – so sind beispielsweise die zu Beginn und am Ende der Oper eingespielten Videos durchaus verzichtbar –, dennoch entfaltet die Inszenierung ihren sehr eigenen Reiz. Durch die Traumbilder der jungen Frau kann man auf jeden Fall den Mangel an Details in der Handlung gut erklären und als Zuschauer auch einige Logiklücken einfacher hinnehmen.

Das Bühnenbild von Jo-Shan Liang zeigt eine große, scherenschnittartige Silhouette der Verbotenen Stadt, die von Volker Weinhart immer wieder neu ins passende Licht gerückt wird. Die Bandbreite reicht hierbei von blutrot bei der Hinrichtung der Kandidaten, die nicht in der Lage waren, Turandots Rätsel zu lösen, bis zum stimmungsvollen Sonnenaufgang. Trotz des Einheitsbühnenbildes sorgt das ansehnliche Lichtdesign für eine passende Abwechslung. Hinzu kommen einige „Papierrollen”, die aus dem Schnürboden abgesenkt werden können. Auf diese werden immer wieder passende Landschaftsbilder und chinesisch anmutende Kalligrafien projiziert (Video & Media Design: Jun-Jieh Wang). Bei den Kostümen von Hsuan-Wu Lai überwiegen prachtvolle historische Gewänder, in die sich aber auch immer wieder Elemente der Gegenwart geschickt einschleichen.

Das Highlight des Abends sind jedoch zweifellos die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Antonino Fogliani, die Giacomo Puccinis hochemotionale Musik meisterhaft zum Klingen bringen. Besonders in den Momenten mit dem stark besetzten Opern-, Extra- und Kinderchor der Deutschen Oper am Rhein erzeugt die opulente Orchestrierung immer wieder Gänsehautmomente. Auch die Besetzung der Turandot mit Oksana Kramareva, Spinto-Sopranistin der Ukrainischen Nationaloper in Kiew, ist ein musikalischer Glücksfall für die Oper am Rhein. Bei ihrer großen Auftrittsarie im zweiten Akt entfaltet sie nicht nur optisch eine große Bühnenpräsenz; auch jeder einzelne Ton von In questa reggia erklingt hell und klar mit ungeheurer Klangkraft. Merklich mehr Mühe, gegen das Orchester anzukommen, hatte leider Davide Battiniello als zweiter Gastsolist des Abends. Der Italiener verfügt zwar über einen schönen Tenor, der allerdings stellenweise etwas unterging. Beim vom Publikum erwarteten Nessun dorma konnte aber auch er glänzen. Die weiteren Rollen sind treffend aus dem eigenen Ensemble besetzt. Besonders hervorzuheben ist hierbei Lavinia Dames in der Rolle der Liù, die am Ende mit den größten Beifall des Abends erhielt. Sami Luttinen stattet Timur mit seinem starken Bass aus, wie bereits im Jahr 2015, wo er bereits bei dieser Produktion auf der Bühne stand. Ebenfalls schon 2015 dabei war Florian Simson in der Rolle des Pang. In der besuchten Vorstellung stand er zusammen mit Jake Muffett (Ping) und Riccardo Romeo (Pong) auf der Bühne, die in ihrem Zusammenspiel das Publikum gut zu unterhalten wussten. Sergej Khomov als Kaiser Altoum, Richard Šveda als Mandarin und Henry Ross als Prinz von Persien runden die Besetzung treffend ab. Am Ende gab es lang anhaltenden Applaus vom Publikum, das diesen Opernabend in weiten Teilen einfach nur genossen hat.
Markus Lamers, 16. Februar 2026
Turandot
Oper in drei Akten von Giacomo Puccini
Deutsche Oper am Rhein – Theater Duisburg
Wiederaufnahme: 15. Februar 2026
Premiere: 5. Dezember 2015
Inszenierung: Huan-Hsiung Li
Musikalische Leitung: Antonino Fogliani
Duisburger Philharmoniker
Weitere Aufführungen: 20. März, 2. April und 12. April