„Mildernde Umstände“ für Lady Macbeth
Das Schicksal, das seiner Opernheldin Katerina Ismailowa zugedacht war und von dem diese sich nur durch den Sprung in einen reißenden Fluss befreien konnte, drohte auch ihrem Schöpfer Dimitri Schostakowitsch, nicht wegen eines Doppelmordes bzw. Dreifachmordes, sondern weil Josef Wissarionowitsch Stalin eine Moskauer Aufführung der Lady Macbeth aus Mzensk wütend verlassen, ein Artikel in der Prawda daraufhin das Werk, das trotz seines Riesenerfolgs sofort von den Bühnen verschwand, in Grund und Boden kritisiert hatte. In den Dreißigern und Vierzigern durchlebte die Sowjetunion eine Epoche der sinn- und grundlosen Verfolgungen ganzer Berufsgruppen, seien es Wissenschaftler oder Offiziere, auch der Künstler, die nach Stalin „Ingenieure der menschlichen Seele“, also Manipulierer und Agitatoren zu sein hatten.

Die Vorlage zur Oper ist Nikolai Leskows gleichnamige Novelle, die aber tatsächlich eine der shakespeareschen ähnliche Lady, die aus reiner Gewinnsucht handelt, in den Mittelpunkt stellt, während die Lady bei Schostakowitsch mordet, weil sie sich um ihr eigenes Leben und eher bescheidenes Glück betrogen sieht. Der Komponist hatte für die Aufführungen in seiner Heimat bereits inhaltlich wie musikalisch manches „entschärft“, sogar noch nach Stalins Tod hatte er eine sanfte Version verfasst, die mit dem Titel Katerina Ismailowa bis in die 80er auf den Bühnen zu finden war. Inzwischen längst und endgültig durchgesetzt hat sich Lady Macbeth aus Mzensk und zwar in der vom Freund Schostakowitschs, Mstislaw Rostropowitsch, aufgefundenen und in den Westen gebrachten Urfassung. So wie von des Komponisten Die Nase ist auch die von diesem dirigierte und von seiner Gattin Galina Wischnewskaja und von Nikolai Gedda gesungene Aufnahme die wohl denkbar authentischste.
Eine Art „russischen Expressionismus“ wollen viele Musikwissenschaftler in der Musik der Oper hören, mit Anklängen an Mussorgski wie an Mahler und unter vielseitiger Verwendung unterschiedlichster Stile, so für Katerina den lyrischen Monolog und eine Art volksliedhafter Melancholie, eine banale Polka für Sergej, Operettenklänge für den Erotomanen von Schwiegervater und Posaunenglissandi für die Beischlafszene, die wohl den prüden Stalin aus seiner Loge vertrieben hatte. Die „russische Seele“ aber erklingt im Lied des Sträflings gegen Ende der Oper. Auch vor grellen Effekten, so in der Szene des Popen, schreckte der Komponist nicht zurück, gab die Polizei nach gogolscher Manier musikalisch der Lächerlichkeit preis.

Im Stammhaus in der Behrenstraße hatte Barrie Kosky bereits des Komponisten Die Nase inszeniert, und wenn auch der junge Korngold mit noch mehr Recht über nur dem Alter nach frühreife Werke staunen lässt, ist auch für den 24jährigen Schostakowitsch bemerkenswert, von welcher Meisterschaft die russische Lady zeugt. Der Regisseur sieht in ihr eine Schwester der Katja Kabanova, Der Abschied der Gatten voneinander ist tatsächlich fast identisch. Im Gleichklang mit der Lady Shakespeares hätte Kosky sich auch von der russischen eine Schlafwandlerszene gewünscht, wie er in einem Interview vor der Premiere ausführte. Wie Balsam erscheint so manchem von Regieauswüchsen geplagten Opernfreund seine Feststellung: „Ich war nie ein Regisseur, der Propaganda auf die Bühne gebracht hat.“ Stattdessen setzt Kosky auf „Verfremdung“, ordnet das Stück dem „poetischen Realismus“ zu, ein poetischer Naturalismus, falls es einen solchen überhaupt geben kann, wäre da wohl eher zutreffend.
Ganz und gar unpoetisch ist erst einmal die Bühne, eine graue Betonwand mit einem weißen, aber recht verschmutzten Mittelteil, Leuchtröhren senken und heben sich im zweiten Teil über das Geschehen, es gibt hin und wieder wenige, keiner Epoche oder Landschaft zuzuordnende Sitzgelegenheiten und Tische und, wenn es gebraucht wird, und das ist oft, ein Doppelbett mit bunten Kissen(Bühne Rufus Didwiszus). Zeit- und ortlos sind die Kostüme, Russisches manifestiert sich nur in der Brauthaube Katerinas (Kostüme Victoria Bahr).Die Regie folgt der im Libretto vorgegebenen Handlung, nur dass sie oft etwas noch drastischer, noch grausamer, noch ekelerregender daherkommt, als von Buch und Musik geplant, etwa wenn sich der Schäbige am Leichnam des Sinowi vergeht, der Pope ziemlich alle denkbaren Laster in sich vereint, und so erwartet man es geradezu, dass nicht nur das arme Fröschlein, sondern auch sein Herrchen sein Leben auf der Polizeistation lassen müssen. Schnell wird klar, warum der Alte Zwangsarbeiter zur Blindheit verdammt ist: Sonst könnte er nicht davon singen, dass „beide ertrunken“ sind, denn Kosky lässt erst Katerina die Nebenbuhlerin erdrosseln und dann sich selbst erschießen. Dazu laufen die Zwangsarbeiter sinn- und ziellos und immer wieder über die Bühne. Hatte man also bis fast zum Schluss bereitwillig und mit Anteilnahme das Geschehen auf der Szene verfolgt, regte sich im zweiten Teil zunehmend innerlicher Widerstand gegen die optische Umsetzung des völlig romantikfreien Geschehens.

Wunderbar drastisch, sehnsuchtstrunken, krass, höhnisch tubadröhnend und in schönstem Einklang mit den offensichtlichen Intentionen des Komponisten führte James Gaffigan, der gerade seinen Vertrag bis 2030 verlängert hat, das Orchester durch den Abend. Seinem Ruf gerecht wurde einmal mehr der Chor der Komischen Oper in der Einstudierung von David Cavelius.
Eine Idealbesetzung für die Titelpartie ist Ambur Braid mit attraktiver Optik, in vielen Farben schillerndem, warmem und farbigem Sopran und hingebungsvollem Spiel. Sean Panikkar zwingt für den Sergej seine an sich lyrische Stimme in charaktertenorscharfe Dimensionen. Eher baritonal als bedrohlich bassböse hört sich die Stimme von Dimitry Ulyanov an, der den grimmigen Boris und dessen bereits schimmlig angelaufenen Geist gibt. Elmar Gilbertsson ist ein angemessener Sinowi, Mirka Wagner erträgt tapfer die Ausschreitungen der männlichen Belegschaft des Kaufmanns und singt situationsunangemessen schön, Susan Zarabi bedient gleichermaßen die vokalen wie darstellerischen Anforderungen, die die Sonjetka stellt. Stephen Bronk, an der Deutschen Oper oft in Kleinstpartien eingesetzt, kann als Zwangsarbeiter mit seiner todtraurigen Melodie rühren, scheußlicher als Caspar Krieger als Schäbiger zu sein geht einfach nicht, und auch Pope und Polizeichef sind mit Dimitry Ivashchenko und Marcell Bakonij rollendeckend besetzt.

Die Komische Oper wartet wieder mit einem interessanten, die Ensemblearbeit feiernden und abwechselnd fesselnden und stellenweise Kopfschütteln provozierenden Abend auf.
Ingrid Wanja, 1. Februar 2026
Lady Macbeth von Mzensk
Dmitri Schostakowitsch
Komische Oper Berlin
Premiere am 31. Januar 2026
Regie: Barrie Kosky
Musikalische Leitung: James Gaffigan
Orchester der Komischen Oper Berlin