Coburg: „Eine Nacht in Venedig“, Johann Strauss (Sohn)

Venedig glänzt – die Schneekugel muss nur geschüttelt werden. Man kann auch auf einem Dachboden voller Erinnerungsstücke sitzen und sich in eine Vergangenheit hineinträumen, die man nie erlebt hat.

Eine Nacht in Venedig, ein sogenanntes „Traumstück“ von Johann Strauss Sohn – „Traumstück“ deshalb, weil es so viele traumhaft schöne Melodien enthält –, birgt in zweierlei Weise den Charme der Imagination: Weil die Musik des Wiener Genies geradezu nostalgisch in die Gegenwart klingt (nein, es gibt keine lustige Musik von Johann Strauss Sohn) – und weil Venedig immer noch, für die, die es nie sehen werden und selbst für die, die oft da waren, eine Projektionsfläche für vielerlei Träume, Sehnsüchte, Bilder ist. Dass Federico Fellini, der Großmeister des halbfantastischen italienischen Kinos, einen Film in einem komplett in Cinecittà gebauten Venedig spielen ließ und Casanova zu seinem ausdrücklich traurigen und gar nicht so sehr gemochten Antihelden ernannte, ist kaum ein Zufall. Hier also beginnt die Geschichte, die uns die Coburger Inszenierung der Nacht in Venedig erzählt, mit der das Strauss-Jahr 2025 in der oberfränkischen Strauss-Stadt, deren Bürger der Erzwiener bekanntlich einmal war, am Silvestertag lustig und am Ende sehr bewegend schloss. Denn man spielt im Ersatzbau des Landestheaters, das (angeblich!) erst in zehn Jahren – wer’s glaubt… – wieder eröffnet werden soll, eine Fassung, die dem Werk, das für allerlei Kitsch-Inszenierungen, einem typischen 50er-Jahre-Film und sonstige Flachsinnigkeiten gut ist, eine Meta-Ebene aufsetzt, die im Programmheft erläutert wird, das offensichtlich für Akademiker (Abschluss Philosophie und Literaturwissenschaft, Spezialgebiet: Michel Foucault), aber nicht für die Coburger Zuschauerschaft konzipiert worden ist. Schwamm drüber. Denn wie man es schafft, dem literarisch zweifellos zweit- bis drittrangigen Textbuch aus der Feder Camillo Walzels und Richard Genées einen Sinn abzugewinnen, hat einiges für sich (die Musik rettet, siehe meine Rezension zur Hofer Bajadere, eh alles). Nicht, dass man nicht über einige Geschmacksfreiheiten diskutieren könnte; grelle Bonbonfarben als optische Leitmotive, die den zweiten Teil dominieren, zielen eher auf das billige Touristenvenedig, das man an den schrecklichen Verkaufsbuden an der Riva degli Schiavoni konsumieren kann.

© Konrad Fersterer

Doch der Reihe nach: Der Regisseur Joan Anton Rechi hat zusammen mit dem Dramaturgen André Sievers den Dachboden als Ort der Innenschau mit der (mythischen) Stadt Venedig als Ort eines „übergreifenden kulturellen Gedächtnisses“ gekoppelt. In ihm, entworfen von Gabriel Insignares und ausgestattet von Sandra Münchow, sitzt ein älterer Mann, genauer: ein Schauspieler, der seine besten Tage hinter sich zu haben scheint. Auf deutsch: „Venedig… Ach, Venedig! Die Stadt, in der ich jung war… in der ich Casanova war.“ Wer, wie der Autor dieser Zeilen, x-mal wochenweise in Venedig in einem Palazzo lebte, dort mehrmals Theater spielte, in Wagners Sterbepalazzo und an anderen Orten Vorträge hielt und in einem barocken Opernhaus ein Stück über Casanova geschrieben und uraufgeführt, erst kürzlich sämtliche Fellini-Filme in der Reihenfolge ihrer Entstehung gesehen und größte Teile von Casanovas Memoiren gelesen hat, weiß, was gemeint ist: Eine Auseinandersetzung mit einem Mythos, dessen Wirklichkeitsgehalt eher zum Traum als zur Wissenschaft tendiert, aber in der Konzentration auf die Poesie wahrer als die Wahrheit ist, wie Verdi das Prinzip seiner Oper auf den Punkt brachte und Arthur Schnitzler, Autor einer Casanova-Novelle, es laut Zitat im Programmheft folgendermaßen ausdrückte: „Und so gibt es in der Erinnerung eine höhere Wahrheit, wie sie uns in den wirklich erlebten Augenblicken nicht gegönnt sein konnte.“ Die Inszenierung beglaubigt das Ineinander von Erinnerung, Traum und fellinesker Fantasie, indem die Szene auf einem Dachboden der Träume spielt.

© Konrad Fersterer

Damit ist es dem operettenhaften Venedig, das 1883 in Berlin zur Uraufführung kam, vielleicht näher als der Versuch, irgendein ein Venedig auf die Bühne zu stellen, das es mit der Realität der Stadt „irgendwie“ aufnehmen will; wer so etwas anschauen will, kann ja irgendwann wieder nach Mörbisch fahren oder sich ein Gemälde von Canaletto anschauen, das in der Inszenierung wie ein Zitate, quasi als Platzhalter, rückwärts projiziert wird. In Coburg aber geraten erst einmal die Lampen in eine tanzende Bewegung, wird die venezianische Schneekugel geschüttelt und aus dem Träumer der Herzog von Urbino. Der ist ein Schürzenjäger ersten Ranges, als solcher zunächst eine Wiederkehr des schicken, weißanzugigen Guido aus La dolce vita, dann, im zweiten Teil, im Rokokokostüm und mit edler Perücke, eine Wiedergänger des alten Casanova aus Fellinis Casanova. Da Gustavo López Manzitti ihn spielt und singt, passt die Interpretation, denn Manzittis Tenor, so stark und ausdrucksvoll er auch ist, besitzt nicht mehr den jugendlichen Glanz eines jungen Latin Lovers; man kann, ihn hörend, die Melancholie des Abschieds bereits ahnen. Eine Bella figura macht er auf jeden Fall, doch bei seiner Suche nach der „Einen“ bleibt er schließlich komödiantisch auf der Strecke. Kein Wunder, denn mit der Annina der Jenifer Lary hat er es mit einer Gegnerin zu tun, die gestisch und vokal nur entzückt. Sie ist die Erste unter den Damen, die im Gewirr des erotisch wie grotesk aufgeladenen „Venedig“ die Oberhand behält (Venedig ist viel eher eine groteske als eine morbide Stadt. Das Morbide gehört eher zum Mythos wie das Groteske im realen und literarischen Venedig pure Realität ist, aber das nur nebenbei). Ihr Schwipslied kommt nicht über Gebühr besoffen daher, und das ist gut so.

© Konrad Fersterer

Während die Männer allesamt Trottel zu sein scheinen, sind die Frauen meist die Klügeren und Durchsetzungsfähigeren. Daniel Carlsons Pappacoda zeichnet sich durch eine voluminöse Stimme und den Hang zum Slapstick aus, der sich nicht aufs Stottern bei wiederkehrenden „S“-Lauten beschränkt, auch in der Unterhose erfüllt der Mann die Gesetze einer derben Komödie. Kommt hinzu, dass die stimmlich diskrete Ciboletta der Hlengiwe Precious Mkhwanazi permanent lollylutschend ihren Galan zu ohrfeigen pflegt. Caramello ist Dirk Mestmacher, als singender Gondoliere wird er, das ist reizend, von drei stummen Berufskollegen begleitet, von denen eine sich im stummen Karaoke übt, was schlicht und einfach witzig ist und dem Sentiment des eh nicht ganz ernst gemeinten, aber melodisch hinreißenden Liebesgesangs nichts von seinem Sentiment nimmt. Ansonsten tanzen die vier jungen Gondoliere als ein Quartett zweier heterosexueller Paare charmant über die Bühne. Des Herzogs Begehren heißt Barbara, Emily Lorini passt sich gut ins Ensemble ein. Der Obertrottel unter dem Senatoren ist Delaqua, er wird von Bartosz Araszkiewicz rollendeckend trottelhaft gebracht. Enrico Piselli ist der junge Amant, Jonas Hämmerle darf, niemand fragt warum, über den Boden rollen und sich minutenlang mit einem Pappkarton über dem Kopf über die Bühne tasten. Auch das ist sehr lustig, wenn auch nicht ausgesprochen fellinesk. Passend zur Absurdität einzelner – nicht aller – Szenen agiert der Page des Herzogs, der stets gleich zweimal auftritt und seine Botschaften stets zweimal verkündet; die beiden Damen Luise Hecht und Gabriele Bauer-Rosenthal machen das, zumal im Octavianskostüm, ganz allerliebst.

Der Chor des Landestheaters, einstudiert von Alice Lapsan Zorzit und Ben Köster, singt zwar nicht so, dass man jedes Wort des, wie gesagt, zweit- bis drittrangigen Texts verstehen würde, aber er agiert, choreographiert von Martine Reyn, im halb realen, halb fantastischen Spiel auf dem Dachboden der Erinnerungen gut mit, beginnend beim mehrmaligen demonstrativen Nachvorn- und sofortigen Nachhintenschauen, verbunden mit einem kurzen ausrufenden Laut, beim ersten Auftritt, endend im Bacchanale des dritten Akts samt karnevalesker „Polonäse“ (dass im Programmheft auf Michail Bachtins Karnevals-Theorie verwiesen wird, versteht sich von selbst. Nichts gegen Michail Bachtin!). Meine Lieblingsszene: die Geburtstagsserenade für Delaqua, eine einzige, immer wieder im Dreivierteltakt rhythmisch vorschreitende Masse von Gratulanten, die mit ihrem „O Delacqua – qua – qua – qua – qua“ samt immer wieder angehender Geburtstagskerzentorte den armen Senator fast in den Wahnsinn treiben. Als Modetanz kommt der Macarena hinzu – und (bärtige) Herren als Damen fungieren ja nicht nur im venezianischen Carneval geschlechterübergreifend gut.

© Konrad Fersterer

Das sind so Ideen einer tänzerisch inspirierten Inszenierung, die sich durch pausenlose, die Musik begleitende, akzentuierende, interpretierende Aktionen auszeichnet. Apropos Musik: Das Philharmonische Orchester Landestheater Coburg spielt, denkbar gut aufgelegt und eingestimmt, instrumental versiert und klanglich differenziert, unter der Leitung von David Preil auch in Coburg nicht die Originalfassung, sondern, wie üblich, die kürzende und gleichzeitig erweiternde Bearbeitung, die Erich Wolfgang Korngold vor einem Jahrhundert erstellt hat, weil er und der Neutexter Ernst Marischka, aus der Sippe der Marischka-Theater-und-Film-Familie, der Meinung waren, dass Strauss’ Werk bearbeitet werden müsse, um wirken zu können. Wir wissen heute, dass dem nicht so ist, aber es ist ja ganz schön, „Ich träume von Dir, o bella Venezia“ zu hören, auch wenn der symphonische Sound zumal dieser Nummer die Entstehungszeit nicht ganz verleugnen kann. Dafür fehlt das Senatorenterzett, aber der Schluss entschuldigt alles. Der Herzog, also der alte Casanova, tanzt da noch einmal, „Ach, wie so herrlich zu schau’n“ singend, mit den Frauen der Nacht, die er nicht bekommen hat: ein zärtlicher Abschied, auch ein Abschied vom (Liebes-)Leben, wie ihn Fellini in Casanovas letztem, schönen wie traurigen Tanz mit der Mädchenpuppe inszeniert hat. So schweben sie alle ab und verlassen stumm die Bühne: die Frauen und die Männer, der Chor und die Solisten.

© Konrad Fersterer

Ist das nun verlogen, weil der Herzog nur ein (falsch verstandener) Casanova ist? Die Frage muss verneint werden, denn im Abschiedslied des Herzogs offenbart sich plötzlich, über all seinem Donjuanismus hinweg, eine unstillbare Sehnsucht nach der „Einen“. Man muss nur den Text lesen, der eine tiefe Operettenweisheit enthält: „Reich belohnt ist unser Lieben, wenn nur eine treu geblieben.“ Dann erklingt, gesungen vom unsichtbar hinter den Latten des Dachbodens postierten Chor, der letzte Gesang, „Alles maskiert“, eine Aufforderung zum Carneval, die nur als Erinnerung gedeutet werden kann. Der Rest aber ist die Einsamkeit des Schauspielers, der noch einmal die Schneekugel schüttelt – und tot zusammenbricht. Wie nennt man so etwas? Bewegend, womit auch manch Klamauk der Vorderakte vergessen ist und die Bonbonästhetik plötzlich als das erscheint, was sie ist: als entlarvendes Abbild eines durchaus realen, also (alb)traumhaften Venedig.

Mit einem Wort: Nicht allein Die Fledermaus, auch Eine Nacht in Venedig ist ein durchaus nicht banales und musikalisch sowieso erstklassiges Silvester-Stück. Das Coburger Publikum hat’s genau so gesehen. Langer Beifall also für einen amüsanten wie zwischenzeitlich und endlich bewegenden Abend.

Frank Piontek, 2. Januar 2026


Eine Nacht in Venedig
Komische Oper von Johann Strauss Sohn

Landestheater Coburg im Globe

Besuchte Vorstellung: 31. Dezember 2025
Premiere: 20. September 2025

Inszenierung: Joan Anton Rechi
Dirigat: David Preil
Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg