Coburg: „La Bohème“, Giacomo Puccini

Sie sind so etwas wie ein Traumpaar der Oper: Mimi und Rodolfo. Wohl und Wehe einer Bohème-Aufführung hängen weniger von irgendwelchen Regiekonzepten oder Ausstattungsorgien, nicht von der Wandfarbe, sondern von den Sängerinnen und Sängern der Hauptrollen ab – wobei auch die Interpretinnen und Interpreten der Musetta und der drei Bohème-Freunde, genau betrachtet, keine mehr oder weniger wichtigen Hauptneben- oder Nebenrollen singen und spielen, sondern feste Bestandteile einer Ensemble-Oper sind, in der es auf jede Stimme ankommt. Wenn dann noch eine Szene zu sehen ist, die das Auge nicht beleidigt (gewiss: Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters), kann sich der Besucher glücklich schätzen. Die Tränen im Auge, im ersten wie im letzten Akt und vielleicht sogar dazwischen, sind dann so sicher wie Mimis letztes Wort und Rodolfos Schmerzenslaute.

© Taeseok Oh

So geschehen in Coburg, wo man mit La bohème (!) auch beim jugendlichen Publikum, das am 13. Januar 2026 fleißig in das Haus kommt, einen großen Erfolg errang. Die „liebenswürdige Tragik“, wie Oscar Bie in seinem phänomenal subjektiven Opernbuch das Werk einst charakterisierte, wird schon deshalb verwirklicht, weil mit Lucia Tumminelli eine großartige Mimi auf der Bühne steht. Sie ist großartig, weil sie den großen Ton, der selbst für eine TBC-Kranke in der kuriosen Gattung namens Oper möglich ist, besitzt, dabei nicht schrillt und über einen sonoren Ton und Klang verfügt, der der Figur in jedem Sinne Tiefe verleiht. Außerdem kann sie das alles spielen: Lebenslust und Todesahnung, Freude und Verzweiflung, mit einem Wort: Man glaubt ihr die Figur, die ohne Falsch ist; die Liebe passiert ihr einfach und ist nicht Mittel zum Zweck, im Winter neben einem warmen Körper aufzuwachen.

Rodolfo heißt in Coburg Jaeil Kim: ein Tenor mit starkem wie empfindsamem Ton, der eine „von Jugend und Liebe zart entflammte“ Szene (Richard Specht) genauso stimmlich realisiert wie die zwischenzeitliche und finale Verzweiflung. Nein, man muss nach den „Arien“, die ja keine sind, nicht unbedingt klatschen, aber wenn es das Coburger Publikum tut, hat es seine Richtigkeit, denn so viel Begeisterung muss sein: für die Primadonna wie den Primohuomo. Neben ihnen stehen die drei amici, denen zuzuschauen und -zuhören eine einzige Freude ist: Christopher Tonkin ist ein kraftvoller wie sensibler Marcello, Daniel Carison ein agiler Schaunard, Colline der gute Bassist Bartosz Araskiewicz, der nicht allein mit seiner Ariette an den geliebten Mantel das Publikum bezwingt und davon überzeugt, dass es keine kleinen Rollen, sondern allein gute oder weniger gute Spieler / Sänger gibt. Musetta ist Hlengiwe Precious Mkhwanazi, dominant, aber nicht präpotent, stark, aber nicht dröhnend, spielerisch sympathisch, nie übertrieben, aber immer menschlich überzeugend, wo es gilt, einen eigenständigen Charakter zu zeichnen, der auf einen ebenso eigenständigen Partner trifft – doch wird der Geschlechterkampf mit Marcello nicht zum Schaukampf zweiter Opernsänger. Die „Nebenrollen“ der älteren Herren, also Benoit und Alcindoro, übernimmt Roman Manet: rollendeckend, wie man so sagt, also auf milde Weise satirisch – keine Karikaturen, sondern Menschen. Bleibt Dirk Mestmacher, also der Spielzeugverkäufer Parpignol. Nicht zu vergessen der gut einstudierte Chor und der entzückende Kinderchor (auch mit sehr kleinen Kindern) des Landestheaters, der im zweiten Bild eine Menge zu tun hat. Dass alles zusammenbleibt, liegt am Dirigenten, der am Abend das Vergnügen eines Vordirigats auf sich genommen hat – keine Kleinigkeit bei einem rhythmisch so komplexen Werk wie der Bohème. Das Philharmonische Orchester Landestheater Coburg steht wieder hinter der Bühne, es wird geleitet von Mario Hartmuth, dem 1. Kapellmeister und stellvertretenden GMD am Niedersächsischen Staatstheater Hannover – und es wird gut, also mit äußerster Sicherheit, durch die Partitur gelotst.

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Das Fest und der Abschied, das Leben und der Tod: so einfach ist die Dramaturgie des ersten und zweiten Teils – eine Dramaturgie, die sich verschränkt, weil, das ist so Puccinis Tiefsinn, das klirrend-kalte Thema, das das dritte Bild eröffnet, eine Variante des fröhlichen Trompetenthemas des Café-Bildes ist. Verkettet werden die Szenen in Coburg durch eine Figur, die die Regisseurin Emily Hehl hinzugenommen, nicht erfunden hat: das Mädchen mit den Schwefelhölzern, bekannt aus Hans Christian Andersens erzkaltem Wintermärchen über eine eingefrorene Gesellschaft. Sie begleitet die Spieler vom ersten bis ins letzte Bild und ist im zweiten Teil einer Masse, die die Bühne bis zum Rande füllt. Vor dem fantastischen Café Momus wird ein Karneval inszeniert, in dem ein märchenhafter Riesenhase, eine Verdoppelung des kleinen Stofftierhasen in den Händen des Mädchens, mit einem Riesenzündholz tambourmajorgleich die Compagnie anführt – zuletzt hat er, das sind so nachdenkenswerte Details, ein Zündholz mit einem goldenen Kopf in der Hand; das Mädchen, das sich den Weihnachtsbasar zusammenzuträumen scheint, erlebt, wie Mimi, Rodolfo und all die Anderen (außer Alcindoro), ein paar Glücksminuten. Die Lichtblicke, das ist die Verbindung zwischen Andersen und Puccini (und Illica und Giacosa), erhellen, wie es im Programmheft heißt, „eine indifferent bleibende Umwelt nicht nachhaltig“, brechen sie aber für einen kurzen Augenblick auf.

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Dabei macht Emily Hehl zusammen mit dem Bühnenbildner Raphael René Jacobs und der Kostümfrau Emma Gaudiano kein Ausstattungstheater. Sie verortet die Handlung zwar durchaus eindeutig irgendwann um 1900, darauf verweisen schon die Drucke Toulouse-Lautrecscher Gemälde und Graphiken auf einzelnen Kostümen der Traumfestfeiernden eines zauberhaften fin de siècle. Doch genügt ansonsten eine schlichte Bühne mit einem 9 Quadratmeter kleinen, mit einer Eingangstür versehenen Podest, das im dritten Bild eine Schneefläche bedeckt, die, eingerollt, am Ende als Sterbelager Mimis dient. Aufgetreten wird durch die Eingänge des Zuschauerraums. Darüber schwebt ein Mond für die Beladenen, wie Eugene O’Neill gesagt hätte. Unter ihm findet die Oper statt, wie wir sie kennen – also gut und bühnenrealistisch packend. Kein Wunder bei so einem Traumpaar – oder anders: eine Art von Coburger Theaterwunder.

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Ps: Wieso die bekannte Oper La Bohème nach Coburger Lesart La bohème heißt, bleibt ein Rätsel, um es höflich auszudrücken. Denn alle (um es zu betonen: alle) authentischen Entstehungsdokumente und -Zeugnisse der Puccini-Oper legitimieren keinerlei Kleinschreibung des „B“; der mögliche Hinweis auf die literarische Vorlage, Henri Murgers Scènes de la vie de bohème, würde in die Irre führen, denn ein französischer Roman ist keine italienische Oper: weder sprachlich noch klanglich (was nicht heißt, dass Puccini mit seinem Genie nicht ein authentisches Paris-Bild geschaffen hätte, das wirklicher ist als die Wirklichkeit). Dafür schenkt der Theaterdramaturg André Sievers dem Coburger Theaterpublikum, das mehrheitlich keine Literaturwissenschaft, Soziologie und / oder Philosophie studiert hat (die örtliche Hochschule lehrt Bauen & Design, Technik, Naturwissenschaften und Informatik, Soziale Arbeit und Gesundheit und Wirtschaft), wieder einmal einen Einblick in den abgestandensten Fachjargon. Frage: Welcher Coburger Opernbesucher weiß, ohne nachzuschlagen, was „epistemologisch“ und eine „performative Figur ontologischer Vulnerabilität“ ist? Kann man nicht anders ausdrücken, was gemeint ist? Gibt es wirklich keine einfachen Übersetzungen für jene Worte und Formulierungen, die nur die wenigsten Programmheftleser zu verstehen vermögen? Natürlich gibt es die; man muss nur wollen. Letzte, ernst gemeinte Frage: Wieso macht man das?

Das fragt ein geisteswissenschaftlicher Akademiker mit höherem Abschluss, der seine Dissertation im Fachgebiet Ältere deutsche Literaturwissenschaft geschrieben und die Fächer Neue deutsche Literaturwissenschaft, Philosophie, Religionswissenschaft sowie, neben dem autodidaktischen Studium der Musikwissenschaft, ein wenig Publizistik studiert hat und der weiß, dass gute Publikationen niemals kompliziert, wenn auch komplex sind. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Die Coburger Programmhefte gehören leider nicht dazu.

Frank Piontek, 15. Januar 2026


La Bohème
Giacomo Puccini
Landestheater Coburg

Besuchte Aufführung: 13. Januar 2026
Premiere: 1. November 2025 im GLOBE

Inszenierung: Emily Hehl
Musikalische Leitung: Mario Hartmuth
Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg