Die opulent ausgestatteten „Divertissementchen“ der Cäcilia Wolkenburg gehören zu den traditionsreichsten und bodenständigsten Eigenmarken und Erfolgsgeschichten der Kölner Lokalkultur. Jährlich zur Karnevalszeit steht die Kölner Oper im Zeichen der 30 stets seit langem ausverkauften Aufführungen. 110 Gesangssolisten, Choristen und Balletttänzer bevölkern die Bühne, unterstützt von den stattlich besetzten Bergischen Symphonikern und der Combo „Westwood Slickers“. 400 Kostüme müssen angefertigt oder angepasst werden, nicht minder aufwändig sind die Dekorationen. Während man Regie, Orchester und die musikalische Leitung Profis überlässt, proben die dem Kölner Männer-Gesang-Verein verbundenen Sänger und Tänzer seit dem Herbst intensiv in ihrer Freizeit an dem dreistündigen Spektakel.

Was die Ausrichtung der Stücke angeht, scheint es an lokalen kölschen Stoffen nicht zu mangeln. Selbst „De Kölsche Fledermaus“ im letzten Jahr ist mit der Stadt enger verbunden als man angesichts von Johann Strauss‘ spezifisch Wiener Meisteroperette vermuten mag. Und zwar über den gebürtigen Kölner Schöpfer der „Opera Bouffes“ Jacques Offenbach, der Johann Strauss bei einem Treffen ermutigte, Operetten zu schreiben. Was Strauss dann auch tat. Nicht zuletzt mit der „Fledermaus“, einem ursprünglich französischen Stoff und manchem Einfluss Offenbachs.
Noch enger mit der Lokalgeschichte ist der 150. Geburtstag des ehemaligen Oberbürgermeisters Konrad Adenauer verbunden. „E Levve för Kölle“ nennt sich das aktuelle „Divertissementchen“. Wie liebe-, humor- und effektvoll die Cäcilia Wolkenburg Adenauers Leben und Wirken in dessen Kölner Amtszeit auf die Bühne des Staatenhauses bringt, ist in der ausführlichen Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer (23. Januar) nachzulesen. Die Verdienste Adenauers um die Stadt werden in dem Stück zu Recht hoch gelobt. Dass Adenauer 1926 nach der skandalumwitterten Uraufführung von Béla Bartóks Ballett „Der wunderbare Mandarin“ aus moralischen Gründen alle weiteren Aufführungen verboten hat, wird natürlich nicht erwähnt. Verständlich und nachvollziehbar.

Interessant ist die Entwicklung der seit 151 Jahren beliebten und aus dem Kölner Brauchtum nicht wegzudenkenden Veranstaltungen. Hervorgegangen ist die „Cäcilia Wolkenburg“ aus dem 1842 gegründeten „Kölner Männer-Gesang-Verein“. Der Anlass zu dessen Gründung hatte nicht das geringste mit dem Karneval zu tun. Man versammelte sich, um Benefizkonzerte für die Fertigstellung des Kölner Doms zu organisieren. Und zwar mit so großem Erfolg, dass er sich mit quasi professionellem Anspruch zu einem der besten Chöre des Rheinlands entwickelte, für den u.a. Johannes Brahms, Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Liszt und Richard Strauss Werke komponierten und Auszeichnungen aus den Händen von Kaiser Wilhelm II. und Queen Victoria erhielt. Wenn Offenbach seine Heimatstadt besuchte, trat er mehrfach mit dem Gesang-Verein auf. So auch 1848 zur 600-Jahrfeier der Grundsteinlegung des Kölner Doms im großen Saal des Casinos.
Einen zusätzlichen Popularitätsschub gelang dem Chor mit der Gründung der Bühnenspielgemeinschaft „Cäcilia Wolkenburg“, die seit 1874 alljährlich in der Karnevalszeit die bekannten „Divertissementchen“ aufführt: Revue-artige, Musical-ähnliche Singspiele mit ironisch deftig aufgepeppten Themen zu aktuellen Ereignissen oder Jubiläen großer Ereignisse. In der Mischung von gefühlvollen und fetzigen Solo-Liedern, Chören und Balletteinlagen sind sie Offenbachs Stücken nicht unähnlich. Aber in urkölschem Ambiente mit lupenreinem Kölsch, der Besetzung aller Rollen einschließlich des Balletts mit Männern und karnevalsreifen Ohrwürmern.

Der 13-jährige Offenbach war als Cellist übrigens bei einer Aufführung eines Singspiels beteiligt, das sein Cello-Lehrer Bernhard Breuer verfasst hat, dem wir einige der frühesten Karnevalslieder verdanken. Mit der Karnevalsoperette „Die Kölner in Paris“ hat Breuer eine frühe Vorlage für die späteren Divertissementchen der Wolkenburg geschaffen.
Die ersten Produktionen bestanden noch aus meist drei kleineren, thematisch mehr oder weniger miteinander verbundenen Stücken. Bald schon eroberten abendfüllende Stücke um Themen wie „Jan un Griet“, „Loreley“ oder „Die kölsche Galathee“ die Herzen der Kölner.
Auf farbenfrohe Dekorationen und Kostüme hat man schon damals großen Wert gelegt. So richtig aufgedreht hat man mit aufwändigen Opernparodien und Musicals in kölschem Gewand dann nach dem 2. Weltkrieg. Die ehrenamtlichen Sänger sind trotz des zeit- und kräftezehrenden Proben- und Aufführungs-Marathons nicht nur mit Begeisterung und Herzblut bei der Sache, sondern erreichen mit der Einstudierung durch professionelle Musiker und Theaterleute ein beachtliches Niveau. „Es sind halt viele sehr talentierte Leute dabei“, lobt Librettist und Regisseur Lajos Wenzel. Wenzel, derzeit Intendant des Theaters Trier, aber in Köln aufgewachsen, ist seit 16 Jahren mit viel Freude dabei.

Im letzten Jahr übernahm Simon Wendring das Amt des leitenden „Baas“ der Wolkenburg, der in diesem Jahr als urkomischer Assistenz-Engel Jona für Lacher sorgt. Sein Vorgänger, der ehemalige Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch, war diesmal nicht nur am Skript beteiligt, sondern verlieh dem im Himmel auf sein Leben zurückblickenden Adenauer markanten Züge.
Wer beim Kartenverkauf leer ausgegangen ist, kann das „Divertissementchen“ am Karnevalssamstag, dem 14. Februar um 10.45 Uhr im WDR-Fernsehen in einer Kurzfassung von 90 Minuten genießen. Das Chormusical ist dann noch zwölf Monate lang in der ARD Mediathek verfügbar.

Die Planungs- und Ausführungspannen rund um die Sanierung des Opernhauses am Offenbachplatz sind das Thema des nächsten Projekts 2027. In der Hoffnung, dass „Wat e Thiater“ im hoffentlich endlich renovierten Opernhaus am Offenbachplatz gezeigt werden kann. Der Vorverkauf beginnt am 12. Oktober 2026.
Pedro Obiera, 28. Januar 2026
E Levve för Kölle
Spielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg
Staatenhaus Köln
Besuchte Vorstellung: 25. Januar 2026
Inszenierung: Lajos Wenzel
Dirigat: Philip van Buren
Bergische Sinfoniker und Westwood Slickers