Köln: „Le nozze di Figaro“, Wolfgang Amadeus Mozart

Zehn Jahre ist es her, dass Emmanuelle Bastet Mozarts Beaumarchais-Oper Le nozze di Figaro im Kölner Staatenhaus inszenierte und mit viel Feingefühl die filigranen psychologischen Fassetten der Figuren messerscharf profilierte, zugleich aber auch die politische Sprengkraft des Stoffs im unmittelbaren Vorfeld der Französischen Revolution aufleuchten ließ. Da gab der Lakai Figaro seinem mit Bo Skovhus extrem maskulin besetzten Grafen Paroli. Entsprechend der Cavatine zu Beginn der Oper, in der Figaro seinem Herrn drohend den Kampf ansagt. Man spürte: Die Herrschaft des Adels gerät ins Schlingern.

© Thilo Beu

Von der politischen Schärfe ist in der Kölner Neuinszenierung von Katharina Thoma nichts zu spüren. Die Regisseurin konzentriert sich ausschließlich auf die persönlichen Konflikte der komplexen, zeitweise chaotischen Beziehungsgeflechte und -krisen. Und die führen Mozart und sein Librettist Lorenzo da Ponte so differenziert aus, dass sie auch ohne überinterpretierte oder überdrehte Kapriolen für eine schlüssige Inszenierung ausreichen. Sieht man von ihrem eher burschikos harmlos angelegten Rollenprofil Figaros ab, gelingt das der Regisseurin auch im Wesentlichen.

Dass die menschlichen und zwischenmenschlichen Akzente des Stücks keinen zeitlichen Einschränkungen unterworfen sind, versteht sich von selbst. Liebe, Eifersucht, Geltungsdrang, Intrigen & Co. gehören seit der Entstehung der Gattung vor über 400 Jahren zur DNA der Oper schlechthin. Ob man Mozarts Figaro mit Rokoko-Perücken oder in einem modernen Hair-Style auftreten lässt, ist letztlich belanglos.

Katharina Thoma will aber sicher gehen und inszeniert das Stück als Reise vom Heute in die Vergangenheit. Beginnend im aktuellen Jahr 2026 im Schloss des Grafen Almaviva, das als Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird und in dem das Personal vom Museumsdirektor bis zu den Hilfskräften die Rollen der Opern-Staffage einnehmen. Natürlich in heutigen Kostümen und einem vom Zahn der Zeit angenagten Salon (Bühne: Johannes Leiacker; Kostüme: Irina Bartels). In den folgenden Akten wird die Handlung über das Jahr 1939 bis ins Entstehungsjahr der Oper 1786 zurückgeführt, in dem das Schloss noch in makellosem Glanz und das Personal in feinstem historischem Outfit herausgeputzt erscheint. Die Versöhnungsszene im 4. Akt findet dann in einem von antiken, teilweise lebendigen Statuen übersäten klassizistisch inspirierten „Arkadien“ statt.

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Nötig sind derartige szenische Wechselbäder eigentlich nicht, verzerren die Aussage des Werks aber auch nicht, auch wenn die wechselnden Zeitsprünge zunächst für Verwirrung sorgen können. Leiden muss allerdings die Ouvertüre, wenn ein neugieriger Besucherstrom im Museum für Unruhe sorgt und das zunächst irritierende Ambiente von der Musik ablenkt.
Insgesamt wird die Inszenierung vor allem wegen ihrer sorgfältigen psychologisch inspirierten Personalführung dem Werke gerecht, auch wenn die politische Sprengkraft des Stücks zu kurz kommt.

Auch musikalisch kann die Produktion rundum überzeugen. Andrés Orozco-Estrada am Pult des Gürzenich-Orchesters sorgt für einen rasanten, aber keineswegs verhetzten Ablauf des dreieinhalbstündigen Abends, lässt die feinen Klangnuancen der Musik zur Geltung kommen und nimmt in Sachen Dynamik und Tempo erfreulich viel Rücksicht auf die Sänger.
Und die können sich entsprechend frei und voll entfalten. Adolfo Corrado imponiert in seinem Rollendebüt als Figaro mit seinem ebenso agilen wie voluminösen und in den Tiefen mächtig auftrumpfenden Bassbariton. Sekundiert von Kathrin Zukowski mit ihrem anmutigen, gleichwohl substanzreichen Sopran als Susanna. Ihre Parade-Arie im letzten Akt geriet mit ihren schwerelosen Legato-Bögen zu einem vokalen Höhepunkt des Abends.
Für eine angenehme Überraschung sorgte die blutjunge Mezzosopranistin Anita Montserrat für ihre burschikose und stimmlich frische Darstellung des Cherubino. Germán Olivera verleiht dem Grafen markante Akzente und Selene Zanetti als seine betrogene Gattin kann ihre von leichter Melancholie durchzogenen Arien mit ihren lyrischen Qualitäten überzeugend zu Gehör bringen, auch wenn ihre Höhen nicht ganz so weich gelingen wie die ihrer Zofe Susanna.

© Thilo Beu

Auch in den anderen Partien sind keine Ausfälle zu vermelden. So ist die scharf profilierte Gesangsführung des Basilio von Dmitry Ivanchey ebenso hervorzuheben wie der glockenhelle Sopran von Giulia Montanari als Barbarina. Und auch Sarah Alexandra Hudarew und Lucas Singer in den undankbaren Partien der Marcellina und des Bartolo tragen zum hohen musikalischen Niveau bei.

Die Bassstimmen der von Theresia Reinelt auf einem Hammerflügel ornamentreich ausgeführten Continuo-Passagen werden von Tatu Kauppinen am Violoncello bekräftigt. Interessant, allerdings nicht unbedingt nötig.

Pedro Obiera, 4. März 2026


Le nozze di Figaro
Wolfgang Amadeus Mozart

Oper Köln

Premiere: 1. März 2026

Regie: Katharina Thoma
Musikalische Leitung: Andrés Orozco-Estrada
Gürzenich-Orchester

Die nächsten Aufführungen im Deutzer Staatenhaus: am 4., 6., 8., 12., 18., 20., 22., 26. und 28. März.