Lüttich: „Lucrezia Borgia“, Gaetano Donizetti

Lieber Opernfreund-Freund,

herrlichster Belcanto wird seit gestern an der Maas geboten: in der Lütticher Neuinszenierung von Donizettis Lucrezia Borgia reißt nicht nur Jessica Pratt in der Titelrolle das Premierenpublikum zu Begeisterungsstürmen hin.

© J. Berger – ORW Liège

Die historische Lucrezia Borgia, 1480 als Tochter des späteren Papstes Alexander VI. geboren, wurde von ihrer Familie dreimal verheiratet und spätestens seit Alexandre Dumas Roman Les Borgia haftet ihr der Ruf der skrupellosen Giftmischerin an. Auch Viktor Hugos Theaterstück ihres Namens, das zur Vorlage von Donizettis 1833 uraufgeführter Oper werden sollte, nährt diese Mär – und fügt der Legende den unehelichen und verheimlichten Sohn Gennaro zu, der sich nach seiner Mutter ebenso sehnt, wie die sich nach ihm. Operngerechte Wirrungen allerdings verhindern das wiedervereinte Familienglück – stattdessen stirbt Gennaro in den Armen seiner unglücklichen Mutter, die seinen Tod in einer halsbrecherischen Koloraturarie beweinen darf.

© J. Berger – ORW Liège

Jean-Louis Grinda, von 1996 bis 2007 Direktor der Opéra Royal de Wallonie-Liege und danach Direktor der Oper von Monte-Carlo, setzt den Fokus seiner Inszenierung auf die unerfüllte Mutterrolle. Gennaro verklärt seine Mutter in seinen Erinnerungen und seiner Sehnsucht, also projiziert Arnaud Pottier mittels moderner Bühnentechnik immer wieder die Muttergottes mit dem Jesuskind auf dem Arm an die Wände, die Laurent Castaingt neben der ausladenden Freitreppe platziert hat, die in fast jedem Bild die Lütticher Bühne beherrscht. Françoise Raybaud hat Kostüme entworfen, die irgendwie der Zeit zwischen Handlung und der Entstehung der Oper entstammen könnten und die von schlichten schwarzen Uniformen bis zu opulent-üppigen Roben reichen. Aber hat man in der Kostümabteilung wirklich keine weniger abgeranzt aussehenden Perücken finden können? Dem Madonnenmotiv setzt Grinda dann und wann kämpfende Männerhorden oder spionierende Höflinge entgegen. Im Schlussbild – und man konnte es sich schon denken, als der Vorhang sich gut zweieinhalb Stunden vorher geöffnet hat – thront eine überdimensionale Pietà über der Bühne, in der die Gottesmutter den toten Sohn hält. Das mag durchaus Sinn ergeben, trägt den Abend allein allerdings nicht wirklich. Das tun die Protagonistinnen und Protagonisten mit überzeugendem Spiel und noch überzeugenderem Gesang.

© J. Berger – ORW Liège

Jessica Pratt setzt in ihrer Interpretation der Titelrolle zweifelsohne Maßstäbe. Die australische Sopranistin vereint wirklich alles, was diese Rolle braucht: überragende Bühnenpräsenz, feinste Höhenpiani, kämpferische Mittellage und halsbrecherische Koloraturen. Dass diese wunderbare Vollkommenheit noch mit einer Leichtigkeit vorgetragen wird, als würde jemand gerade die Maas entlang spazieren, ist wirklich „wunder-bar“ zu nennen. Dimitry Korchak stattet seinen Gennaro mit einer ordentlichen Portion Kraft aus und weiß seinen klangschönen Tenor vorzüglich einzusetzen. Vor drei Monaten noch hatte ich an Marko Mimicas Don Alfonso in Cagliari herumgemäkelt (meine Besprechung). Heute muss ich dem aus Kroatien stammenden Sänger Abbitte leisten. Am gestrigen Abend läuft er vor allem im Zusammenspiel mit Jessica Pratt zu Höchstform auf, kommt kraftvoll und Unheil verheißend über den Graben, zeigt seinen voluminösen Bassbariton und macht die Duettszene mit seiner Bühnenehefrau zu einem der Höhepunkte des Abends. Bezüglich der Klanggewalt weniger überzeugend ist die Hosenrolle des Maffio Orsini umgesetzt. Dafür punktet Julie Boulianne mit weichem, gehaltvollem Mezzosopran voller emotionaler Tiefe.

© J. Berger – ORW Liège

Die Freundesclique Gennaros vermag mich da weniger zu überzeugen und von den Nebenrollen bleiben mir vor allem Francesco Leones Gubetta mit wohlklingendem Bass und Lorenzo Martellis Rusthigello mit feinem Tenor im Ohr. Tadellos präsentieren sich die Damen und Herren des von Dennis Segond betreuten Chores.

Das Dirigat von Giampaolo Brisanti kommt außergewöhnlich wuchtig und damit sängerunfreundlich daher und lässt da und dort (zum Beispiel in der weltberühmten Auftrittsarie der Lucrezia) die gewohnte Präzision vermissen, überzeugt aber durch Lebendigkeit und Farbenreichtum.

Das Publikum ist am Ende des Abends begeistert – und ich bin es auch. Wer irgendwie kann, der sollte nach Lüttich fahren, um sich vor allem diese Sängerriege anzuschauen,

Ihr
Jochen Rüth

11. April 2026


Lucrezia Borgia
Oper von Gaetano Donizetti

Opera Royal de Wallonie-Liège

Premiere: 10. April 2026

Regie: Jean-Louis Grinda
Musikalische Leitung: Giampaolo Bisanti
Orchestre d’Opera Royal de Wallonie-Liège

weitere Vorstellungen: 12., 14., 16. und 18. April 2026