
Nach Wagners Tod waren die Quellen des Mittelalters und der nordischen Mythologie als Vorlagen für Opernstoffe quasi tabuisiert. So suchten manche Komponisten (wie z. B. Pfitzner, Siegfried Wagner, Kienzl, Reinecke) ihre Inspirationen in der etwas kleineren Welt der Sagen, der Märchen, der Legenden. So auch Engelbert Humperdinck mit Hänsel und Gretel, der bis heute erfolgreichste Oper dieses Genres. Doch auch er wusste, dass er mit diesem Märchenspiel die Höhe der Wagnerschen Werke bei weitem nicht erreichen konnte, sprach deshalb mit seiner Schwester (der Verfasserin des Textes) von einem Kinderstubenweihfestspiel in ironischer Anspielung auf den Parsifal, den Wagner als Bühnenweihfestspiel publiziert hatte.
Auch wenn Humperdinck und seine Schwester, Adelheid Wette, dem Märchen den gesellschaftlich abgründigen Biss genommen hatten, es verharmlosender als die Grimm’sche Vorlage konzipierten und so dem herrschenden, konservativ-preußischen, wilhelminischen Zeitgeist andienten, besticht die Oper nach wie vor mit einer ausgefeilten Kompositionstechnik.
Diese Verflechtung von deutschem Kinder- und Volksliedgut mit spätromantischer Klangballung verfehlt ihre Wirkung nie. Der Verstand mag sich noch so sehr gegen die implizierten Aussagen wehren, die Musik des das Werk schon fast leitmotivartig durchziehenden Chorals Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht oder des Abendsegens Abends will ich schlafen gehen, vierzehn Engel um mich stehn geht einfach in ihrer schlichten Erhabenheit direkt zu Herzen. Das war auch gestern Abend der Fall; allerdings hätte ich mir gerade in der wunderbar konzipierten Ouvertüre, wo Humperdinck das thematische Material in schönster Kontrapunkttechnik ausbreitet, etwas mehr spätromantische Emphase, etwas weniger klanglich herbe Nüchternheit vom Orchester der Oper Zürich gewünscht. Giedrė Šlekytė leitete im weiteren Verlauf allerdings eine klanglich wunderbar ausbalancierte Aufführung, die Stimmen auf der Bühne gingen nie in Orchesterfluten unter, brauchten in keinem Moment zu forcieren. So entstand musikalisch rundum gelungenes, stimmiges und textverständliches Musiktheater auf sehr ansprechendem Niveau.

Sevtlina Stoyanova begeisterte restlos mit ihrem schlank geführten, fein timbrierten, einnehmenden Mezzosopran, versprühte Witz und Charme. Dazu kontrastierte Christina Ganschs heller Sopran als Gretel ganz wunderbar. Einzig bei einigen exponierten Ausflügen in die höheren Register schlich sich ab und an eine leichte Verhärtung und eine gewisse Schärfe des Stimmklangs ein. Jochen Schmeckenberger war als Peter Besenbinder (hier Bühnen-Malermeister) schlicht eine Wucht: Sein Bariton strömte mit fantastischer Wärme, klar konturiert und mit exemplarischer Diktion phrasierend. Wohl aus gut gemeinten, psychoanalytischen Überlegungen heraus besetzt man manchmal Mutter und Hexe mit derselben Sängerin. Doch Humperdinck und Adelheid Wette hatten ja explizit den ganzen psychologisch märchendeutenden Ballast in ihrer Oper weggelassen, so dass (gerade auch in diesem Theater auf dem/im Theater Inszenierung) dies nicht zwingend erscheint.
Rosie Aldrige legte die Rolle der Mutter Gertrud exaltiert, hysterisch an, chargierte denn auch in ihrer Interpretation allzu sehr, war dann allerdings als Hexe umwerfend. Herrlich witzig, wie sie z.B. mit verächtlicher Geste auf den Applaus aus dem Publikum nach dem fulminant vorgetragenen Hexenritt reagiert, oder sich während des Verbrennens im projizierten Feuerschein des Ofens nonchalant vom weiß geschminkten Diener eine Zigarette anzünden lässt und Arm in Arm mit ihm (dem Liebhaber?) von dannen zieht.
Stechi und Schlagi heißen die beiden agilen Gehilfen der Hexe (Leon Blohm und Ondrej Graf mit großartiger Bühnenpräsenz). Tadellose Auftritte legen Marie Lombard als Sandmännchen (im Frack) und Sylwia Salamońska-Bączyk als Taumännchen (im märchenhaften, königlichen Reifrock und mit diamantenbesetztem Strahlenkranz als Kopfputz) hin. Der Kinderchor und die SoprAlti der Oper Zürich (Einstudierung: Klaas-Jan de Groot) lösen ihre Aufgabe adäquat, wobei das gespielte Engelsflügelschlagen mit der Zeit etwas gar betulich und gekünstelt, ja peinlich wirkt.
Die Inszenierung von Thom Luz (geniale Videoclips: Tieni Burkhalter, stimmungsvolles Licht: Elfried Roller, Tina Bleuler, die auch die Kostüme entworfen hat, Bühne: Michael Köpke) ist etwas zwiespältig geraten. Einerseits nimmt er auf persönliche Erinnerungen Bezug, als er als Schuljunge einmal eine Führung im Opernhaus erleben durfte und fasziniert war von allem, was hinter der Bühne so abläuft: Technik, Effekte, Licht etc. Nun lässt Thom Luz uns also an seinen Kindheitserinnerungen teilhaben und schickt ein staunendes und zuerst etwas unbeholfenes Kinderpaar in die Oper; die beiden erleben Proben auf nackter Bühne, werden von den erwachsenen Darstellerinnen des Hänsel und der Gretel immer stärker involviert, bis dann quasi die Rollen getauscht werden, wobei natürlich die beiden Sängerinnen weiterhin den gesanglichen Part übernehmen.

Man sieht fantasievolle Effekte, einen vorzüglichen, eindrücklichen Bühnenzauber, der aber stets gebrochen wird, weil wir sehen, wie er entsteht. Ja es gibt unglaublich schöne, poetische Momente (die Entstehung des Waldes, der Birkenstämme, die Projektionen der Instrumente, die bedrohlich wirken können – Musik kann Ängste auslösen – , das Opernhausmodell als Lockvogel – mit schönen Stimmen – , das giftgrüngelbe Licht, das aus dem Opernhausmodell strömt, die Projektion des sich immer schneller drehenden Hauses, die einen ganz wuschig macht, Nebelmaschinen und fliegende Kinder und Engelein, das Lichtklavier, das Piano im Hexenhaus, in dem die beiden Kinder gefangen sind, und die durch das Klavierspiel der Hexe durch das Anschlagen der Hämmer gefoltert werden.
Ja, es gibt viel zu entdecken, zu staunen – und doch bleibt ein leicht schales Gefühl zurück: Wo bleibt die eigentliche Geschichte? Kinder lieben und brauchen Geschichten. Einige mögen sich für die Technik und was dahinter steckt interessieren, doch die meisten wollen Erlebnisse. Die dürfen auch mal krass, lustig oder (alb)traumhaft sein und sollten nicht durch Brechungen – wie sie eben solche Theater auf dem/im Theater-Inszenierungen darstellen – gestört werden. Ganz ehrlich gesagt, ich gehe nicht ins Theater, um Theater auf dem Theater zu sehen. Das sind für mich meist Verlegenheitslösungen, weil einem zu der eigentlichen Geschichte und/oder deren Deutung wenig einfällt. Bisher habe ich nur ganz wenige solcher Aufführungen erlebt, die wirklich restlos überzeugten.
Wie gesagt, technisch war das alles herausragend gelöst, doch war für mich am Ende doch zu wenig Fleisch am Knochen – wie für die Hexe, als ihr Hänsel den Klavierhammer als Finger entgegenstreckte.
Kaspar Sannemann 30. November 2025
Hänsel und Gretel
Engelbert Humperdinck
Zürich
Besichte Vorstellung: 28. November 2025
Premiere am 16. November
Inszenierung von Thom Luz
Dirigat: Giedrė Šlekytė
Orchester der Oper Zürich