Nobel – so, denkt man, könnte Chopin seine Stücke gespielt haben. So graziös-zurückhaltend, dabei nicht impotent, so stellt man sich eine Art von idealem Chopin-Spiel vor: als Salonmusik von höchsten Graden.
So endet das Konzert der Klasse Prof. Karl-Heinz Simon, der fünf seiner begabten Spielerinnen und Speiler (drei Koreanerinnen und zwei Deutsche) von der Hochschule für Musik Dresden nach Bayreuth geschickt hat. Wurde das Programm nach dem Prinzip der Steigerung zusammengestellt? Nachdem ursprünglich vier Komponisten – Chopin, Liszt. Debussy und Vine – auf dem Zettel standen, hat man schließlich sechs Werke von fünf Komponisten ausgewählt: mit dem chronologisch älteren Mozart an der Spitze und Chopin am Ende; dazwischen gelegt: eine bedeutende Beethoven-Sonate, ein brillantes Konzertstück von Liszt und einen Zyklus eines bei uns kaum bekannten und noch lebenden australischen Komponisten. Ginge es nach rein qualitativen Gesichtspunkten, über die angesichts der allgemeinen Güte der Spielerinnen und Spieler schwer zu reden ist, hätte das Programm auch anders aussehen können: beispielsweise mit der Liszt-Rhapsodie als krönendem Finale. Eine frühe Mozart-Sonate als Eröffnungsstück zu nehmen, ist hingegen verständlich, aber auch eine Idee, die zu traditionell anmutet, als dass man nicht über sie nachdenken müsste. Denn Mozarts Sonaten sind so gewichtig, dass sie entweder 1. durchaus als Ouvertüren dienen können oder 2. eher in der Mitte oder gar am Ende eines Programms ihren Wert offenbaren könnten.
Wie auch immer die Dramaturgie entstand: Levi Fuchs spielte die B-Dur-Sonate KV 281 (nicht 292, wie auf dem Zettel angegeben wurde), eine im Kopfsatz mit 16teln und 32teln angereicherte, technisch und vor Allem interpretatorisch anspruchsvolle Sonate, die für einen Klavierschüler genügend Material zum Stolpern bietet. Fuchs besitzt noch nicht die völlige Sicherheit, um aus den vielen kleinen Noten eine Musik zu machen, die nicht nur klingelt und Noten „brillant“ aneinander reiht, was er mit vielen wesentlich erfahreneren Pianisten gemein hat – dafür gelingt ihm das Andante amoroso zart poetisch.
Die eher rhapsodische als, wie so oft bei Beethoven, theatralisch angelegte Waldstein-Sonate gehört nicht grundlos zu seinen beliebtesten Sonaten. Eine Pianistin kann da, vorausgesetzt, sie meistert die technischen Herausforderungen, wenig verkehrt machen, auch wenn uns Joachim Kaiser in seinem phänomenalen Buch über die pianistische Interpretation der Beethoven-Sonaten das Gegenteil lehren könnte (vorausgesetzt, man kennt den Notentext so genau wie der Musikkritiker). Nein, „grotesk leeres Rattern“ entsteht nicht, wenn Seoyoon Lee das Allegro con brio (auf dem Programmzettel steht „con fuoco“, aber ein Elan ist etwas anderes als ein Feuer) spielt. Ein Problem bleibt – anders als bei der Liszt-Interpretation Joowon Paks, bei der uns ja auch viele kurze Notenketten begegnen – die fehlende Distinktion, sprich: Unterscheidbarkeit der einzelnen Noten in schnellen Passagen, die immer hörbar sein sollte. Hier eben beginnt die Kunst… aber wenn die Introduzione mit ihren heraufdämmernden Akzenten so spannungsreich gelingt wie der Gesang des Allegretto moderato kantabel, muss der kritische Hörer nicht päpstlicher als der Musikpapst sein.
Pak spielt, das ist der äußere Höhepunkt vor der Pause, Liszts Rhapsodie espagnole zum Vergnügen aller Hörer. Richard Wagner hat dazu bereits die Rezension geschrieben. Um ihn zu zitieren: „Liszt hat letzthin ein Konzert gegeben. (…) Welche Sicherheit! Welche Unfehlbarkeit!“ Das Vergnügungsstück, zusammengesetzt aus Variationen über zwei spanische Themen – die Folia d’Espagna und die Jota Aragonesa –, verlangt eine Bravour, die, wenn sie gelingt, alle Poesie und allen Charme entbindet, zu der eine Liszt-Interpretin fähig sein muss. Pak spielt das Stück so, dass wir merken, wenn wir es nicht schon vorher wussten, dass doch wesentlich mehr im Liszt drinsteckt als eine Zirkusnatur. Nach soviel Emphase und Klanggewitter tut Abkühlung gut; Gahyeon Joo spielt die ersten sechs Nummern aus Carl Vines 12 Anna Landa Préludes. Veröffentlicht im Jahre 2006, bilden sie einen reizvollen Zyklus von Miniaturen, die man neoklassisch nennen könnte, wären sie nicht stilistisch mehrdeutig, zur klassischen Moderne hinüber grüßend, und gelegentlich so witzig-derb wie Thumper oder so abgründig humoristisch wie Milk for Swami Li, eine gleichsam imaginäre wie nährende Musik für ein imaginäres Wesen namens Swami Li. Lyrisch und ausdrücklich „filigran – das sind dann wieder viele kleine Noten -, ruhig und witzig, so setzt sich der Zyklus aus Kontrasten zusammen. Joo spielt diese technisch nicht gerade anspruchslosen Werke derart, dass man Lust bekommt, auch die anderen sechs Klavierperlen des australischen Komponisten zu hören – aber der Abschluss mit den beiden Chopin-Scherzi op. 31 und 39 war ja unter den Händen von Mark Potipko, siehe oben, auch ein schönes Finale eines Abends, der mit diversen Talenten und Talentstufen aus Dresden bekannt gemacht hat.
Frank Piontek, 16. Januar 2026
Steingraeber, Kammermusiksaal
Pianistische Zeitreise: Virtuose Klaviermusik aus drei Jahrhunderten
15. Januar 2026
Klavierklasse Karl-Heinz Simon, HfM Dresden
W.A. Mozart: Klaviersonate KV 281
Beethoven: Waldstein-Sonate op. 53
Liszt: Rhapsodie espagnole
Carl Vine: Nr. 1 – 6 aus The Anna Landa Préludes
Chopin: Scherzi op. 31 und 39