Braunschweig: „Marilyn Forever“, Gavin Bryars

Filmstar, Model, Schönheitsideal, Sexsymbol – 2026 wäre der 100. Geburtstag Norma Jeane Mortensons, die als Marilyn Monroe zur Ikone geworden ist, aber am 4. August 1962 mit nur 36 Jahren an einer Überdosis Beruhigungsmittel verstarb. Mit jener Nacht beginnt die 2013 in Kanada uraufgeführte Kammeroper des englischen Komponisten Gavin Bryars. Sie beruht auf dem Libretto von Marilyn Bowering und feierte jetzt ihre Braunschweiger Premiere. Der 1943 geborene Gavin Bryars war auch als Kontrabassist tätig und spielte zunächst in einem Jazztrio Modern Jazz, später dann gern in freier Improvisation. Nach seinen ersten bekannten Werken The Sinking of the Titanic (1969) und Jesus‘ Blood Never Failed Me Yet (1971) komponierte er später u.a. drei Streichquartette, eine Reihe von Konzerten und auch Opern, so Medea für die Opèra de Lyon. In „Marilyn Forever“ sieht man wie in kurzen Filmszenen zurück auf Marilyn Monroes bewegtes Leben, auf die Waise Norma Jeane, die junge Schauspielerin, die den (männlichen) Blicken ausgesetzt wird, ohne dabei als Darstellerin ernsthaft respektiert zu werden, und auf eine der meistfotografierten Frauen ihrer Zeit. In ihrem revuehaften Musiktheater nähern sich Bryars und Bowering mit oft widersprüchlichen Bildern der Sex-Ikone, die zum Objekt gemacht und der die Rolle einer naiven Schönheit zugeschrieben worden ist. Ein klassisches Kammerensemble, ein kleiner Männerchor und ein Jazz-Trio sorgen für den Soundtrack, der an die 1960er-Jahre erinnert und die Sängerin sowie einen fiktiven Filmregisseur und weitere Männer in Marilyns Leben begleitet.

© Thomas M. Jauk

Gleich zu Beginn wird im Kleinen Haus des Staatstheaters deutlich, dass der Tod von Marilyn Monroe Ausgangspunkt unterschiedlicher Rückblenden ist. Ein Regisseur ordnet an, die am Boden verstreuten weißen Lilien wegzuräumen und andere Blumen heranzuschaffen. Die Bühne ist gut bespielbar eingerichtet, indem auf einem drehbaren Podest, das wie ein goldener Käfig mit gläsernen, golden gerahmten Wänden wirkte, ein typischer Schminktisch mit Spiegel steht, vor dem Marilyn Platz nimmt. Später werden die Wände hochgefahren und der Tisch weggeräumt, sodass die berühmte Szene von Marilyn Monroe auf dem Lüftungsgitter im Billy-Wilder-Fim „Das verflixte 7. Jahr“ gezeigt werden kann, in der sie natürlich das entsprechende  weiße Kleid trägt (Bühne und Kostüme aus den 1950-/60er-Jahren: Melanie Slabon).

© Thomas M. Jauk

Die Rückblicke auf das Leben der Monroe enthalten meist Gedanken und Betrachtungen und kaum wirkliche Handlungen. Spielleiterin und Regieassistentin am Staatstheater Marie Gedicke lockerte in ihrem Regiedebüt eine gewisse Eintönigkeit durch geschickte Personenführung auf, indem sie Marilyn in unterschiedlicher Kleidung auftreten und auch die übrigen Darsteller wie den Bariton und die vier Männer des kleinen Chores variantenreich agieren ließ. So entstanden ansprechende Bilder wie ein kurzer Moment des Glücks, wenn Marilyn und ihr dritter Ehemann, der Schriftsteller Arthur Miller (auf beide wurde zuvor durch Schwarz-Weiß-Fotos hingewiesen, wie auch sonst immer wieder kurze Videos und Fotos von der Monroe gezeigt wurden), gemeinsam vor einem Schachspiel saßen. Direkt aufregend war eine Szene, in der es heftige Auseinandersetzungen in einer Beziehung gab. Einzelheiten und Hinweise auf tatsächliche Begebenheiten wurden allenfalls angedeutet oder ergaben sich aus dem Text, wie z.B. eine Fehlgeburt. Besonders krass wirkte dann die Darstellung der dauernden Männerblicke, als die Männer des Chores die am Boden liegende Marilyn nicht nur ansahen, sondern sie reichlich begrabschten. Ergreifend war zum Schluss hin der von allen gesungene „Schrei nach Liebe“ – etwas, was Marilyn Monroe ihr Leben lang vermisst hat. Ein weiteres, geradezu anrührendes Bild entstand, als zum Abschied von Marilyn Kerzen, kleine Bildchen und weiße Lilien an das Podest gestellt wurden und sie wie ein Denkmal auf dem kreisenden Podest stand. 

© Thomas M. Jauk

Die musikalische Ausführung hatte – wie in Braunschweig inzwischen gewohnt –  beachtlich hohes Niveau. Das auf der linken Seite der Bühne postierte kleine klassische Kammerorchester und das Jazztrio (Klavier, Saxophon und Kontrabass) boten unter der präzisen und zugleich animierenden Leitung von Christine Strubel beste Leistungen und waren für die Protagonisten verlässliche Begleitung. Auch in den Zwischenspielen wurden in freier Tonalität unterschiedliche Stimmungen von eisiger Kälte bis zu warmen Klängen ausgedeutet; so gab es neben eingängigen Melodien auch unbewusst Bedrohliches, das häufig ziemlich plötzlich in unbeschwert Jazziges überging. Als Marilyn zeichnete Veronika Schäfer ein faszinierendesRollenporträt  von der verletzlichen Persönlichkeit mit unvermittelt wechselnden Stimmungen. Dabei imponierte sie durch vielfältige Farben ihres kräftigen Soprans in dunklen Tiefen bis zu strahlenden Höhen; dass sie wie angesagt in den Tagen vor der Premiere eine starke Erkältung hatte, merkte man glücklicherweise nicht. Auch Zachariah Kariithis flexibler Bariton mit charakteristischem Timbre verfügte als Regisseur, Arthur Miller und andere, nicht personalisierte Männer über viele Farben, von einschmeichelnder Tongebung bis zu geradezu ordinären Klängen. Meist als gut ausgewogene Background-Begleitung, aber ebenso mit lebhaften darstellerischen Einsätzen fügten sich die Tenöre Jean Philipp Chey undMaximilian Vogler, der Bariton Lukas Eder sowiederBass Leon Teichert  gekonnt in das gut miteinander musizierende Ensemble ein.

Das Premierenpublikum dankte allen Mitwirkenden und dem Regieteam durch starken Beifall, der sich bei den beiden Solisten zu Ovationen steigerte.

Gerhard Eckels, 8. März 2026


Marilyn Forever
Kammeroper von Gavin Bryars

Staatstheater Braunschweig – Kleines Haus

Premiere am 7. März 2026

Inszenierung: Marie Gedicke
Musikalische Leitung: Christine Strubel
Staatsorchester Braunschweig

Weitere Vorstellungen: 11., 15., 20. März + 12., 18., 30. April 2026 und öfter