Im Jahr 1990 stand ich neben Eliane Coelho (Tosca) als Statist selbst in diesem Werk auf der Bühne und kann mich noch lebhaft an meine damaligen musikalischen Einsätze erinnern. Im zweiten Akt öffnete und schloss ich, quasi wie von Geisterhand, im Palazzo Farnese auf der kleinen Bühne des Heidelberger Stadttheaters Türen, ohne selbst überhaupt zu sehen zu sein. Auch mit Joseph Calleja habe ich einmal im Rahmen eines Interviews zusammengearbeitet. Dieses Zusammentreffen ist mir bis heute sehr präsent, auch wenn es inzwischen bereits über siebzehn Jahre zurückliegt. Dennoch sorgen diese persönlichen Erinnerungen – und nicht zuletzt Puccinis packende Musik – bis heute für zahlreiche Gänsehautmomente.
Nun hatte ich in relativer Nähe zu meinem Wohnort Flensburg die Gelegenheit, den gefeierten Tenor in eben diesem Werk live zu erleben. Allerdings offenbarte schon die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln einen zeitgemäßen Regieansatz für eine Neuinterpretation von Puccinis Oper: Man foltert Cavaradossi im zweiten Akt einfach dadurch, dass man ihm ein Deutschlandticket schenkt! Dank Feiertagsfahrplan des kommunalen Flensburger Busunternehmens und einer Weichenstörung auf der Bahnstrecke benötigte ich für die lediglich rund 150 Kilometer bis Hamburg gut fünf Stunden.
Auf Callejas-Instagram-Kanal hatte es sich am Morgen bereits angedeutet, und eine Ansage der Operndirektorin Bettina Giese vor Vorstellungsbeginn ließ dann Schlimmstes befürchten: Der Tenor kämpfte mit den Nachwirkungen eines fast auskurierten Infekts, konnte die Vorstellung aber dennoch singen.
Robert Carsens Tosca-Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper, die im Jahr 2000 Premiere hatte, löst Puccinis Oper bewusst vom historischen Realismus und verlegt das Geschehen in einen abstrakten Theaterraum (Bühne und Kostüme: Anthony Ward). Anstelle konkreter Schauplätze tritt ein reduziertes, karges Bühnenbild, das die Oper als „Theater im Theater“ lesbar macht. Im Zentrum steht Floria Tosca nicht nur als Liebende, sondern als gefeierte Künstlerin, die permanent unter Beobachtung steht. Carsen fokussiert die Machtstrukturen zwischen Kunst, Publikum, Kirche und Staat und zeigt, wie Tosca von diesen Systemen vereinnahmt und manipuliert wird. Gewalt erscheint weniger als spektakuläre Aktion, sondern als psychologischer Druck und symbolische Bedrohung. Licht, Raum und wenige prägnante Requisiten übernehmen dabei eine zentrale dramaturgische Funktion, während die Inszenierung eine zeitlose, klare Bildsprache entwickelt. Puccinis Drama wird so als Studie über Kontrolle, Voyeurismus und die existenzielle Einsamkeit der Künstlerin lesbar.
Ein besonders eindrucksvoller Moment entsteht während des Te Deum im ersten Akt, als sich der Vorhang innerhalb der Bühne öffnet und eine strahlende Madonnenfigur erscheint, flankiert von einem Engel und angebetet von Bischöfen. Dieses kurze, kitschig-sakrale Bild wirkt wie ein visueller Höhepunkt, der die Inszenierung mit religiöser und symbolischer Macht auflädt. Carsen setzt die Szene nicht als historischen Kirchenaltar, sondern als traumhafte Vision ein. Das kurze Aufleuchten dieses Bildes kontrastiert bewusst mit der ansonsten reduzierten Bühnensprache und zieht das Publikum unmittelbar in die existenzielle Dramatik der Protagonistin hinein.
Im zweiten Akt verlagert sich die Handlung in Scarpias Arbeitszimmer im Palazzo Farnese, das als kalter Ort der Macht inszeniert ist. Über der Szene prangt ein großes „Vietato fumare“, während Scarpia gelassen an seinem Schreibtisch sitzt und raucht. Sein Auftreten vermittelt die absolute Kontrolle und Selbstherrlichkeit, mit der er über Recht und Gesetz hinweg entscheidet, und verdeutlicht die Bedrohung, der Tosca in diesem Umfeld ausgesetzt ist.
Ewa Płonka interpretiert Floria Tosca mit einem kräftigen, durchsetzungsfähigen Sopran, der den Anforderungen der dramatischen Puccini-Partie voll gerecht wird. Ihre Stimme verfügt über eine starke Projektion, die auch über volles Orchester und Chor hinweg klar hörbar bleibt, und verleiht den dramatischen Höhepunkten der Oper eine spürbare Intensität. In den hohen Lagen zeigt sich ihre Stimme besonders präsent und fokussiert, was in meinen Ohren stellenweise nach Schärfe klang. Die mittleren und tieferen Lagen wirken solide, teilweise etwas zurückhaltender. Insgesamt entsteht ein ausgewogenes, dramatisch gefärbtes Klangbild, das Toscas Charakter in all seinen Facetten glaubwürdig transportiert.
Joseph Calleja gestaltet die Partie des Mario Cavaradossi mit einem fein nuancierten, lyrisch-dramatischen Tenor, der die Balance zwischen Leidenschaft und introspektiver Tiefe meisterhaft hält. Seine Stimme besticht durch eine warme, bronzefarbene Mittellage, die den emotionalen Kern der Figur ausstrahlt. Calleja macht die unterschiedlichen Facetten von Cavaradossis Charakter hörbar: die zarte Zärtlichkeit gegenüber Tosca, die künstlerische Sensibilität und zugleich die heroische Entschlossenheit im Angesicht der Gefahr. Durch subtile Dynamik und kontrollierte Phrasierung entsteht ein ausdrucksstarkes, differenziertes Klangbild. Strahlende Spitzentöne mussten gesundheitsbedingt ausbleiben, wodurch die publikumswirksamen i-Tüpfelchen fehlten – ohne jedoch den insgesamt überzeugenden Eindruck dieser Leistung zu schmälern.
Gabriele Viviani interpretiert die Rolle des Baron Scarpia mit einer Kombination aus stimmlicher Eleganz und dramatischer Präsenz. Seine warme, gut ausbalancierte Stimme zeichnet sich durch sichere Technik und geschmeidiges Legato aus, sodass selbst die bedrohlichen Momente der Figur musikalisch nuanciert wirken. Anstelle einer dämonischen Zeichnung legt Viviani den Fokus auf die kontrollierte, charismatische Seite Scarpias. Er erscheint verführerisch und manipulativ, weniger auf rohe Gewalt ausgerichtet, was dem Charakter eine zusätzliche, unerwartete Tiefe verleiht.
Giampaolo Bisanti führt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg mit sicherer Hand durch Puccinis Partitur und setzt dabei konsequent auf dramatische Zuspitzung statt auf süffige Klangseligkeit. Er hält die Tempi straff, modelliert Kontraste präzise und vermeidet sentimentale Überzeichnung.
Tigran Martirossian (Angelotti), William Desbiens (Sagrestano), Peter Galliard (Spoletta), Keith Klein (Sciarrone) und Yeun-Ku Chu (Un Carceriere) tragen ihr Übriges dazu bei, diesen ersten Opernabend des neuen Jahres zu einem Erfolg zu machen.
Störend waren mehrere Zuschauer, die während der Vorstellung keinerlei Scheu davor hatten, mit hell leuchtenden Smartphone-Bildschirmen zu fotografieren. Besonders irritierend war eine Person in der ersten Reihe, fast direkt hinter dem Dirigenten, die schamlos ganze Arien und Duette auf Video aufzeichnete.
Marc Rohde, 4. Januar 2026
Tosca
Giacomo Puccini
Staatsoper Hamburg
Besuchte Aufführung: 1. Januar 2026
Premiere: 15. Oktober 2000
Inszenierung: Robert Carsen
Musikalische Leitung: Giampaolo Bisanti
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg