Stuttgart: „Don Giovanni“, Wolfgang Amadeus Mozart

Seit einiger Zeit ist an der Staatsoper Stuttgart wieder Mozarts Don Giovanni in der Inszenierung von Andrea Moses und dem Bühnenbild und den Kostümen von Christian Wiehle zu sehen. Obwohl sich einiges von der ursprünglichen Personenregie seit der Premiere im Jahre 2012 verflüchtigt hat, ist diese Produktion immer noch eine der interessantesten Interpretationen des Werkes. Die Regisseurin hat wahrlich gute Arbeit geleistet. Neben ernsten wartet sie auch mit vielfältigen heiteren Momenten auf. Der Spagat zwischen ernsthaften und lustigen Elementen ist vollauf gelungen.  Seria- und buffa -Aspekte bilden eine treffliche Einheit und ergeben ein Ragout von ausgeprägter Eleganz. Der gute Eindruck, den man von Frau Moses‘ Regiearbeit erhält, wird durch Tschechow‘ sche Elemente und Brecht‘ sches Gedankengut noch intensiviert. Trefflich gelingt es der Regisseurin, derart die vierte Wand zu durchbrechen und die Grenze zwischen Bühne und Zuschauern fließend zu gestalten. Es ist klar, was sie damit ausdrücken will: Die auf der Bühne abgehandelten Konflikte betreffen uns alle.

© Martin Sigmund

Geschickt verortet Andrea Moses die Handlung in der Gegenwart. Wenn sich der Vorhang öffnet, erschließt sich dem Blick ein im Eigentum Don Giovannis stehendes zweistöckiges Hotel mit Bar, zwei Garagen, einer Reihe Verbindungstreppen zwischen den einzelnen Etagen sowie einsehbaren Gästezimmern. In diesem Ambiente wartet die Regisseurin mit einer prägnanten Personenführung auf. Einfühlsam arbeitet sie die zwischenmenschlichen Beziehungen heraus. Den Protagonisten verleiht sie scharfe Profile. Don Giovanni führt sie als Geschäftsmann mit elegantem Pelzmantel und Hut vor. Sein Interesse an dem weiblichen Geschlecht hat etwas abgenommen, sein Image als Verführer klebt aber nach wie vor an ihm. Ununterbrochen ergehen sich die Frauen in amourösen Angriffen auf ihn. Dabei kommt es zu einem frappierenden Perspektivwechsel. Ödön von Horvaths Interpretation des Don – Juan – Stoffes sowie die Lehren Ludwig Feuerbachs bilden dabei die Grundlagen von Frau Moses‘ hervorragendem Konzept.

Die Regisseurin setzt bei den Damen an, die den Titelantihelden praktisch aus ihrem Inneren heraus gebähren. Wie bei Horvath ist Don Giovanni auch hier als Projektion der Frauen aufzufassen. Donna Anna, Donna Elvira und Zerlina stehen zu ihrem persönlichen Geschick auf Kriegsfuß und projizieren ihre ganz persönlichen Sehnsüchte und Wunschträume auf dieses Phantasieprodukt, das Don Giovanni heißt. Donna Anna sehnt sich nach einer romantischen Liebe. Diese sucht sie indes bei dem ausgesprochen schwach anmutenden Don Ottavio, der sich bereits während der ausinszenierten Ouvertüre in der Hotelbar in Anwesenheit Leporellos und des Barkeepers Masetto gnadenlos betrinkt und schließlich sogar einschläft, vergeblich. Donna Elvira setzt auf geordnete Verhältnisse und sucht ihr Heil in dem sicheren Hafen der Ehe. Zerlina wird von der Regisseurin als ausgesprochen freches, ausgekochtes Luder gedeutet, das wahrlich nicht auf den Mund gefallen ist und ganz genau weiß, was es will. Zielstrebig trachtet sie danach, in die höheren Stände aufzusteigen und erhofft sich dabei die Unterstützung Don Giovannis. Masetto behandelt sie dabei nicht durchweg wie eine zärtlich liebende Braut. Manchmal fügt sie ihm Schmerzen zu. Fast hat es den Anschein, als ob ihr das sogar Freude bereitet. Keine der drei Frauen will von Don Giovanni nur das eine. Vielmehr nutzen sie ihn vehement zu egoistischen Zwecken aus. Das, was sich der Titelantiheld von den Damen erhofft, wird belanglos. Wesentlich ist vielmehr, was diese sich von ihm erwarten. Feuerbachs Projektionsgedanke stellt für Anna, Elvira und Zerlina das letzte Mittel dar, einer drohenden starken Identitätskrise und einem nahenden Persönlichkeitsverlust noch zu entgehen. Hier kommt neben Horvath auch Sigmund Freud zentrale Relevanz zu.

© Martin Sigmund

Andrea Moses begreift den Verführer als letztlich einsamen Menschen. Sein Wesen setzt sich aus denjenigen der anderen Handlungsträger zusammen, deren Charakterzüge er reflektierend in sich bündelt. Seine Funktion für die Damen interpretiert Frau Moses als Maske, die sein Ich verbirgt. Bei ihr ist er weniger Täter als vielmehr Opfer. Von seinen höchst ichbezogen handelnden Angebeteten kann er sich keine Unterstützung erhoffen. Seltsamerweise wird ihm diese zu guter Letzt vom Commendatore angeboten, der Don Giovannis Tötungsattacke im ersten Akt schwer verletzt überlebt hat. Dieser lehnt aber ab. Darum kann Annas Vater, dem die Regisseurin das sprichwörtliche Gewand eines Psychotherapeuten überstreift, ebenfalls kein Erfolg beschieden sein. Das gilt aber nicht nur für ihn. Alle lediglich auf sich selbst fixierten Gegenspieler der Titelfigur stehen am Schluss notwendigerweise als Verlierer da. Die Fähigkeit, Beziehungen zueinander aufzubauen und sich gegenseitig als Stütze zu dienen, haben sie verloren. Schmerzlich realisiert Don Giovanni in seiner Funktion als Spiegel der Gesellschaft die Nichtrealisierbarkeit eines auf reiner Menschlichkeit beruhenden Kollektiv-Egos. Aus diesem Grund geht er letzten Endes freiwillig in den Tod. Nachdem er bereits kurz zuvor von Leporello in dem Arm geschossen wurde, setzt er sich die Pistole nun selbst an die Schläfe und drückt ab. Sein Tod nimmt den übrigen Protagonisten die Lebensperspektive. Ihren Wiederbelebungsversuchen ist kein Erfolg beschieden. Wenn sie den Toten mit Kränzen zudecken und anschließend noch über seinen Hut in Streit geraten, wird klar ersichtlich, dass er die alles bestimmende Triebfeder ihrer Existenz war, ihr Fix- und Lebensmittelpunkt, um den sie ständig kreisten und der ihrem Dasein erst einen tieferen Sinn zu verleihen imstande war. Das gilt nicht nur für die Frauen, sondern in gleichem Maße auch für die Herren der Schöpfung. Die Moralpredigt des Ensembles, mit dem die Oper schließt, ist nur noch Schein. Sie verkommt zu einer bedeutungslosen leeren Hülse. Der Jubel einer in ihrer begrenzten bürgerlichen Vorstellungswelt erstarrten Spießergesellschaft kann nur noch als Schall und Rauch verstanden werden. Zweifellos nahm Don Giovanni als Zentrum des Daseins der anderen beteiligten Personen letztlich fatale Dimensionen an. Nichtsdestotrotz war er für sie lebenswichtig. Dieser Ansatzpunkt von Andrea Moses ist sehr überzeugend. An dem hohen Niveau der Aufführung hatten auch Sophia Binder und Paul Janicke Anteil, die für die szenische Leitung der Wiederaufnahme verantwortlich waren. Dieser Vorstellung vorangestellt war der ungefähr zehn Minuten dauernde und in mancherlei Hinsicht erheiternde Film Dog Giovanni oder Von der schwierigen Wahl des richtigen Bademantels.

© Martin Sigmund

GMD Cornelius Meister erzeugte zusammen mit dem bestens disponierten Staatsorchester Stuttgart einen flüssigen, leichten und transparenten Klangteppich in zügigen Tempi, der sich zudem durch eine Vielzahl von Farben und große Spannung auszeichnete.

Johannes Kammler war ein angenehm lyrisch und mit hoher Ausdruckskraft singender Don Giovanni, den er auch trefflich spielte. Übertroffen wurde er von Michael Nagl, der mit hervorragend italienisch fokussiertem, sonorem und kraftvollem Bass einen imposanten Leporello gab. Große lyrische Innigkeit und phantastische Höhen – Piani zeichneten die Donna Anna von Martina Russomanno  aus. Einen gelungenen Schritt in Richtung Sopran – Fach vollzog die voll und rund, dabei sehr gefühlvoll singende Diana Haller als Donna Elvira. Natascha Te Rupe – Wilson war schauspielerisch in der Rolle der Zerlina einfach köstlich und vermochte auch gesanglich mit ihrem gut fundierten Sopran nachhaltig für sich einzunehmen. Nichts auszusetzen gab es an dem kräftig intonierenden Masetto von Andrew Bogard. Einen angenehmen hellen Bass brachte David Steffens in die Partie des Commendatore ein. Nur über dünnes, jeder soliden Körperstütze entbehrendes Tenor – Material verfügte Moritz Kallenbergs Don Ottavio. Eine gefällige Leistung erbrachte der von Bernhard Moncado einstudierte Staatsopernchor Stuttgart.

Ludwig Steinbach, 12. Januar 2026


Don Giovanni
Wolfgang Amadeus Mozart
Staatsoper Stuttgart

Premiere: 25. Juli 2012
Besuchte Aufführung: 11. Januar 2026

Inszenierung: Andrea Moses
Musikalische Leitung: GMD Cornelius Meister
Staatsorchester Stuttgart