Berlin: „Das kalte Herz“, Matthias Pintscher (zweite Besprechung)

Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz absurd ägyptisiert

Das kalte Herz ist ein Märchen von Wilhelm Hauff. Es erschien 1827 in Hauffs Märchenalmanach auf das Jahr 1828, in zwei Teilen als Binnenerzählung eingebettet in die Erzählung Das Wirtshaus im Spessart.
Was auffällt: Die Erzählung beginnt nicht mit der typischen Märchenformel „Es war einmal“, sondern mit einem Satz , der eher an Reiseliteratur erinnert: „Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in den Schwarzwald hineinzuschauen; nicht der Bäume wegen, … sondern wegen der Leute“.

Besondere Leute und besondere Klänge sind es, die den Komponist Matthias Pintscher (er leitete zehn Jahre lang das Ensemble intercontemporain als Musikdirektor. Gegenwärtig ist er Creative Partner der Cincinnati Symphony und Musikdirektor der Kansas City Symphony sowie Professor an der Juilliard School New York) für die geheimnisvollen und merkwürdigen Begebenheiten in seiner neuen Oper Das kalte Herz präsentiert, die jetzt an der Berliner Staatsoper uraufgeführt wurde. Der Pianist und Lyriker Daniel Arkadij Gerzenberg schrieb das Libretto, ausgehend von Wilhelm Hauffs gleichnamigen Märchen. Das Stück wurde schon seit 1885 mehrfach vertont, auch fürs Theater und fürs Hörspiel wurde es bis in die jüngste Vergangenheit adaptiert. Der US-amerikanische Regisseur James Darrah Black, der mit seinem Team für Oper, Schauspiel und Film arbeitet, hat für die neue Oper von Pintscher (er hat bereits drei Werke fürs Musiktheater geschrieben, neben viel sinfonischer, konzertanter und kammermusikalischer Musik) den Bühnenraum für diese erste Opernpremiere im neuen Jahr in Berlin geschaffen.

© Bernd Uhlig

Der Schwarzwald in Wilhelm Hauffs Das kalte Herz ist ein sagenhafter Zauberwald, zudem ein Ort, an dem Holz zu Kohle und Glas verwandelt wird – und damit zu Geld und Erfolg. Eine Fabrik der Träume vom schnellen Aufstieg. Gehandelt wird alles, was das Herz begehrt: Glück, Gier und ganze Lebenswege. Es handelt sich um ein sehr „erwachsenes“ Märchen über den schönen Schein und ein Herz aus Stein.
Als körperlicher Ort, der menschliche Gefühle, Sehnsüchte und Schmerzen birgt, ist das Herz ein besonders begehrtes Symbol. Ein Mann möchte ohne die schmerzhaften Gefühle in seinem Herzen leben, seine Geliebte sich mit ihm verbinden, übersinnliche Mächte es für sich gewinnen. Peter, wie schon sein Vater und dessen Vater Kohlenbrenner im Schwarzwald, erträgt es nicht länger, dass alle anderen um ihn herum „so unmenschlich reich sind“, während er bleibt, was er ist. Seine Überlegungen, wie sich das ändern könnte, nehmen eine ungeahnte Wendung: Er erfährt, dass er als Sonntagskind das Glasmännlein aufsuchen darf, das tief im Schwarzwald lebt. Bei ihm hat er drei Wünsche frei. Wie einfach ist das!

Doch Peters Wunsch, immer genauso viel Geld zu haben wie der erfolgreiche Ezechiel, erweist sich als Fehlspekulation: Peter nimmt Ezechiel beim Würfeln das Geld ab. So lange, bis keiner von beiden mehr einen Taler hat. Und Peter steht mit leeren Taschen da. Seine Wut darüber will Peter am Glasmännlein auslassen. Aber wo das Glasmännlein ist, da wartet auch der Holländer-Michel in der Nähe, als ein skrupelloser Verführer, für alle, die die große Gier umtreibt. Lebendiges Herz gegen unbegrenzten Kredit lautet sein Geschäftsmodell. Peter willigt ein und trägt ab da Stein statt Herz. Sein Aufstieg beginnt. Bis er realisiert: Fast niemand um ihn herum hat überhaupt noch ein Herz. Aber: Einen Wunsch hat Peter beim Glasmännlein bis zuletzt immer noch frei. Er will sein Herz zurückhaben, doch der Schatzhauser kann ihm nicht helfen, da der Handel „Geld gegen Herz“ nicht mit ihm gemacht wurde. Er verrät ihm aber einen Trick, wie er den Michel überlisten kann. Peter geht daraufhin zum dritten Mal zum Holländermichel und behauptet, dieser habe ihn betrogen, er habe ihm nämlich gar kein Steinherz eingesetzt. Michel will ihm das Gegenteil beweisen und setzt ihm „zur Probe“ das echte Herz nochmals ein. Daraufhin nimmt Peter ein Glaskreuz, das er vom Glasmännlein erhalten hat, und streckt es dem Michel entgegen. Dadurch kann Peter den zornigen Michel von sich fernhalten und zum Glasmännlein fliehen. Nunmehr bereut er sein verpfuschtes Leben, woraufhin das Glasmännlein ihn mit seiner Mutter und der wieder zum Leben erweckten Lisbeth zusammenführt. Auf Anraten des Glasmännleins arbeitet er fortan fleißig als Köhler und wird auch ohne viel Geld zu einem anerkannten Mann. Zur Geburt seines Sohnes erhält er vom Glasmännlein vier Rollen voller Taler als Patengeschenk.

Soweit das Märchen. Von ihm ist allerdings nicht mehr viel übrig im Libretto von Daniel Arkadij Gerzenberg. Zwar ist Peter Munk nach wie vor ein Sonntagskind und deshalb etwas Besonderes mit besonderen Gaben. Das Glasmännlein (der Gute) und der Holländermichel (der Böse)l, sind allerdings gestrichen. Stattdessen tritt der ägyptische Gott Anubis auf, der Peters Mutter dazu überredet, ihm das Herz ihres Sohnes zu übergeben. Aus Lisbeth wird Clara, aus der Ehefrau eine zeitweise Geliebte. Auch das Glasmachen und das Köhlerdasein spielen keine Rolle mehr in der Oper. Der konkrete deutsche (Schwarz-)Wald, der ja nach Aussage des Komponisten die Anregung zum Komponieren der Oper war, ist zu einem Ort geheimnisvollen, unheimlichen, undurchsichtigen quasi psychologisch zu deutenden Geschehens des Protagonisten geworden. Peter opfert sein Herz anders als in Hauffs Märchen nicht aus Gier nach Reichtum, sondern um sich von inneren Ängsten zu befreien. Es gehe um „die Sehnsucht der Romantik nach Liebe und ihren Glauben an das Gute im Menschen“. Am Ende finden denn auch Lisbeth alias Clara und Peter wieder zueinander, bekommen sogar ein Kind. Friede, Freude, Eierkuchen. Fehlanzeige. Thema verfehlt.

Reichlich „verquast“ diese Geschichte, wie ein Kollege nach der Premiere meinte. Man kann ihm nicht widersprechen.

© Bernd Uhlig

Man darf schließlich nicht vergessen: Der Halbwaise Peter Munk ist Kohlenbrenner. Dieses Handwerk ist zu jener Zeit ein „Auslaufmodell“, da die Bergwerke und Dampfmaschinen diese Arbeiten schneller erbringen können. 1809 starb Hauffs Vater, Hauff war damals erst sieben Jahre alt. Probleme des jungen Hauff könnten in der Figur von Peter Munk gespiegelt sein, der anfangs moralisch und psychisch ungefestigt ist und von Gefühlen der Minderwertigkeit geplagt wird. Hauff vollendete das Werk im Juli 1827, nach einer Wirtschaftsdepression, ausgelöst von Großbritannien, wobei in Süd- und Westdeutschland ganze Gewerbezweige durch die Massenproduktion der überlegenen britischen Industrie verschwanden.
Das Geld dominiert denn auch die gesellschaftliche Praxis: Meinungen, sozialer Umgang, Respektbezeugungen, Einfluss und Ansehen hängen in Das kalte Herz fast ausnahmslos vom materiellen Reichtum ab. Das Herz aus Stein repräsentiert als Symbol die immer stärker sich ausbildende Verbindung zwischen Reichtum, Geldgier und Hartherzigkeit.
Doch auch alle naheliegenden kapitalismuskritischen Gedanken sind wie weggewischt im Libretto, das mit hochtrabenden Sätzen wie folgendem aufwartet „Ein Loch in meiner Brust. In mir Schwarzschlaf. Schwarzschlaf…Ich habe die Haut der Welt berührt. Wanke mit lautlosem Schritt durch heilige Nacht. Diese Stille mein Gebet.“

Leider hat der Regisseur James Darrah Black alles getan, dieses (pardon) absurde Libretto aufzudonnern, aufzuhübschen und einmal mehr zu vernebeln bis zur völligen Unverständlichkeit fürs Publikum angesichts eines mythologischen Durcheinanders.
Dass Matthias Pintschher nach eigener Aussage das Hauffsche Märchen mehrere hundert Male auf Kassette hörte, fällt schwer zu glauben angesichts der Verfremdung, die ihm sein Librettist vorlegte. Ein nebelverhangener (sich wie in einer Wandeldekoration bewegender) Wald und an Haken herabhängende Wolfskadaver bilden die Grusel-Kulisse dafür. (Es geht allerdings mitnichten um Wölfe oder Tiermord in dem Märchen.) Adam Rigg hat das Bühnenbild entworfen. Yi Zhao weiß es immerhin effektvoll zu beleuchten. Molly Irelan hat die Kostüme zu verantworten, die zwischen Fantasy und Heute schwanken. Der Abend in zwölf Tableaus (Bildern) hat etwas von surrealem Romantik-Kitsch auf hohem Niveau. Eindrucksvoll ohne Frage, wenn auch fragwürdig. Es wurden weder Kosten noch Aufwand gescheut, eine glanzvolle, erfolgreiche Uraufführung zustande zu bringen. Aber selbst das gefakte Foto, mit dem die Staatsoper für ihre neue Produktion wirbt, ein Foto, das suggeriert, man würde durch das Portal der Staatsoper hindurchgehend in einen Märchen-Wald, kann das Stück und den Abend nicht retten.

© Bernd Uhlig

Schließlich die Musik: Der renommierte und erfolgreiche Matthias Pintscher, der die Uraufführung des Kalten Herzens selbst dirigierte, legte Wert darauf, wie er bekannte, dieses Werk (auf Anregung von Daniel Barenboim) für die Staatskapelle mit ihrem dunklen, deutschen Klang geschrieben zu haben. Auch habe sich sein neues Werk, „an dem langsamen Glühen von Wagner-Opern orientiert“. Davon ist, mit Verlaub gesagt, nichts zu hören. Wohl gibt es eine Textzitat aus dem „Lohengrin“: „Nie sollst Du mich befragen…“. Es darf gelacht werden. Die „mikrotonalen Farbpaletten“, von denen man im Programmheft liest, die angebliche Begeisterung für die Leitmotivik von Richard Wagner, all das bleiben bloße Lippenbekenntnisse. Stattdessen setzt Pintscher, der romantisch zu säuseln versteht, aber auch ordentlich Krach machen kann, auf Percussions-Effekte, und auf Naturgeräusche von knarrenden Bäumen, flatternde Eulen, pickenden Spechten bis zu Knistern. Es ist Musik, die zu einem Gruselfilm passen würde. Es fehlt ihr weder an Kraft noch an Feingefühl.

Ansonsten zeigt sich Matthias Pintscher als beispielhafter Protagonist der Gegenwartsmusik. Giselher Klebe and Manfred Trojahn waren seine Lehrer. Wichtige Impulse erhielt er von Hans Werner Henze, Helmut Lachenmann, Pierre Boulez and Peter Eötvös. Das hört man auch. Wenn man freundlich sein will, könnte man sie als Mischung aus deutschem Expressionismus, und französischem Klangraffinement à la Messiaen und Berlioz bezeichnen, mit einigem Theater-Instinkt amalgamiert, zugegeben. Die vier Waldmusiken bezeugen es.

Dass seine kompositorische Handschrift das (hinlänglich bekannte) Vokabular zeitgenössischen Metiers mit der Tradition und dem Appell an Gefühle und Sinne verbinde, ja dass der Komponist eigenem Bekunden nach den Gesang als Äußerung des reinen Gefühls verstehe, den Belcanto liebe und sich zur Schönheit bekenne, kann man schwerlich nachvollziehen.

Die Solisten – es waren überwiegend Solistinnen – bemühten sich redlich (allerdings überwiegend textunverständlich), doch das, was man hörte, war zu artifiziell, zu schrill, zu unmelodisch, um ein Publikumsherz zu erwärmen. Es reagierte denn auch alles andere als begeistert am Ende des 150-minütigen Abends.

Dabei gaben die hochkarätigen Sänger und Sängerinnen ihr Bestes. Der samtige Bariton Samuel Hasselhorns sang einen eindrucksvollen Peter. Sunnyi Melles als Azaēl (eine Figur aus jüdischen, christlichen und islamischen Texten, oft als gefallener Engel bezeichnet) wartete lediglich in einer Sprechrolle auf und die serbische Mezzosopranistin Katarina Bradić sang die Mutter. Sophia Burgos sang und rang mit ihrem lyrischem Sopran um ihre Liebe zu Peter, Adriane Queiroz, trat als Alte Frau auf und Rosie Aldrigde sang einen stimmlich grenzwertigen Anubis. Eine reine Sprechrolle hatte auch der angstgepeinigte Knabe von Otto Glass . Alles in allem eine große Enttäuschung.

Dieter David Scholz, 12. Januar 2026


Das kalte Herz
Matthias Pintscher

Staatsoper Unter den Linden Berlin

Uraufführung am 11. Januar 2026

Regie: James Darrah Black
Musikalische Leitung: Matthias Pintscher
Orchester der Staatsoper Berlin

Trailer