Braunschweig: „Peter Grimes“, Benjamin Britten

Nach fast 28 Jahren ist mit Benjamin Brittens Peter Grimes eine der bedeutendsten Opern des 20. Jahrhunderts wieder im Staatstheater zu erleben. Die 1945 in London uraufgeführte Oper beruht auf der Verserzählung „The Borough“ des englischen Dichters George Crabbe, der wie Britten aus einem ostenglischen Fischerstädtchen stammte. Im Gegensatz zu der im Crabbe-Text stärker herausgestellten kriminellen Energie des Fischers Peter Grimes wird in dem Libretto von Montagu Slater vorwiegend auf dessen Außenseiterstellung verwiesen, der selber nie Liebe erfahren hat und sie daher auch nicht weitergeben kann. Der umtriebige, zu Gewalt neigende Sonderling und Einzelgänger steht zwischen dem übermächtigen, bedrohlichen Meer, aus dem er seinen Lebensunterhalt zieht, und der ihn ausgrenzenden dörflichen Gesellschaft mit ihrer Scheinmoral. Nach dem Tod seines ersten Schiffsjungen wird Grimes zum leichten Opfer der Verleumdung und Lügen der Dorfbewohner. Obwohl im Prolog der Richter ihn davon freispricht und einen Unfall anerkennt, will die Menge das nicht wahrhaben; es brodelt weiter im Dorf. Außer dem alten Kapitän Balstrode, dem Apotheker Keene und der ihn liebenden, verwitweten Lehrerin Ellen Orford will keiner Grimes helfen, als er mit schwerem Fang heimkommt. Keene besorgt ihm sogar den neuen Schiffsjungen John. Doch durch ein weiteres echtes Unglück verliert Grimes auch den zweiten Jungen: Gerade als sich eine Abordnung der Dorfbewohner Grimes‘ Haus nähert, schickt er ihn über die Klippen zum Strand; auf dem Weg herunter zum Boot stürzt der Junge tödlich ab. Grimes, der schon nach dem Tod des ersten Jungen Wahnvorstellungen hatte, verfällt nun noch mehr dem Wahnsinn und folgt schließlich dem Rat von Balstrode und Ellen, aufs Meer zu fahren und das Boot weit draußen zu versenken, um so dem ihn suchenden Mob zu entgehen, der ihn lynchen will.

© Thomas M. Jauk

Die Oper ist deutlich gekennzeichnet durch die sechs teils impressionistischen, teils expressiven instrumentalen Zwischenspiele. Diese auch in Konzerten zu hörenden „Sea Interludes“ rückt Regisseurin Eva-Maria Höckmayr ins Zentrum ihrer Inszenierung und macht dadurch die Naturgewalten zum Spiegel innerer Kämpfe. Dazu bedarf es keines „klassischen“ Bühnenbildes, sondern die weitgehend leere Bühne wird begrenzt durch schwere Plastikvorhänge, auf denen brüchige Mauerwände oder das Meer zu ahnen sind (Paul Zoller – Mitarbeit: Faveola Kett). Raffinierte Lichtregie (Daniel Bock) tut ein Übriges, an den ständig nebelumhüllten Spielorten eine düstere Atmosphäre zu schaffen. Düster und bedrohlich wirkt im 1.Teil die Dorfbevölkerung mit ihren schwarzen Fischermänteln, unter denen sie Alltagskleidung trägt Kostüme: Julia Rösler. Trotz weniger Ungereimtheiten (nicht immer einsichtigen Pantomimen, während der „Interludes“ oder das Auftreten einiger Choristen im Feinripp) ist dem Regieteam insgesamt eine tief beeindruckende Inszenierung gelungen, was ganz wesentlich auch den fabelhaften Leistungen des gesamten Ensembles und der Chöre zu verdanken ist.

© Thomas M. Jauk

An erster Stelle ist Marius Pallesen zu nennen, der durch nachdrückliche Gestaltung der Titelfigur in all ihren Gefühlsaufwallungen imponierte. Gesanglich beherrschte er die höchst anspruchsvolle Partie mit durchschlagendem, nur manchmal allzu viel gebendem Heldentenor, aber auch mit beachtlich eindringlichen lyrischen Passagen. Die Rolle der sympathischen, stets mitfühlenden Ellen Orford liegt Ekaterina Kudryavtseva offenbar besonders gut. Sie beeindruckte einmal mehr mit ihrem volltimbrierten, geradezu belkantistisch geführten Sopran, den sie in den Höhen schön aufblühen ließ; anrührend gelang die Szene mit Grimes’ Lehrjungen John (Finley Griesemann) zu Beginn des 2.Aktes. Als Captain Balstrode – einer der wenigen, die zum Außenseiter Grimes halten – trat als Gast aus Bonn Carl Rumstadt auf, dessen mächtiger Bariton gut gefiel.

© Thomas M. Jauk

Marina Prudenskaya aus dem Ensemble der Berliner Staatsoper überzeugte mit prägnantem Mezzo als zwielichtige Gastwirtin Auntie, in deren Pub im 3.Akt ausgelassen gefeiert wurde. Dabei waren dann auch die als kleine Mädchen zurecht gemachten „Nichten“  Victoria Leshkevich und Marie-Dominique Ryckmanns, die ihre jeweils klaren Stimmen höhensicher präsentierten. Isabel Stüber Malagambagab mit ihrem charaktervollen Mezzo die medikamentenabhängige Mrs. Sedley als komische Witzfigur. Der souverän durch alle Höhen und Tiefen geführte Charaktertenor von Matthew Pena passte gut zur Rolle des eifernden Laienpredigers Bob Boles; warum er vor allem im 1.Teil merkwürdige spastische Verrenkungen machen musste, ist eher der Regie als ihm anzulasten. Ein äußerlich würdiger Kronrichter und Rechtsanwalt Swallow war mit flexiblem Bass Rainer Mesecke. In weiteren Nebenrollen bewährten sich Philipp Kapeller (Ortspfarrer Adams), Maximilian Krummen (Apotheker Ned Keene) und Sungjun Cho (Fuhrmann Hobson).

Machtvoll und in sich abgewogen klangen die Mitglieder von Chor und Extrachor als ausgesprochen spielfreudige Dorfbewohner (Einstudierung: Johanna Motter). Braunschweigs Erster Kapellmeister Alexander Sinan Binder hatte den großen Apparat sicher im Griff, indem er am Pult des in allen Instrumentengruppen ausgezeichneten Staatsorchesters mit präziser und gut nachvollziehbarer Gestaltung leitete.

Das Premierenpublikum war hellauf begeistert und spendete allen Mitwirkenden und dem Regieteam starken, lang anhaltenden Beifall.

Gerhard Eckels, 23. Februar 2026


Peter Grimes
Oper von Benjamin Britten

Staatstheater Braunschweig

Premiere am 21. Februar 2026

Inszenierung: Eva-Maria Höckmayr
Musikalische Leitung: Alexander Sinan Binder
Staatsorchester Braunschweig

Weitere Vorstellungen: 27. Februar + 1.,6.,19.,22.,29. März 2026