Die Jubelzeit im Thüringer Meiningen anlässlich des 200. Geburtstags des Theaterherzogs geht in die zweite Runde. Auch wenn momentan noch die Lüpertz‘sche Skulptur Georg des II. große Aufmerksamkeit bekommt, dürfte die Auswahl der sechs Musiktheaterproduktionen weitaus interessanter sein. Tradition und Aufbruch, Geschichte und Gegenwart sind vier Grundfesten, die seit fast 200 Jahren in diesem Haus gelten. In fast allen Werken stehen bedeutende Herrscherfiguren und Ausnahmemenschen im Mittelpunkt. Regie, musikalische Umsetzung und Ausstattung dürften in besten Händen sein.

Nicht erschrecken: Ja, mit Alfred Schnittkes „Historia von D. Johann Fausten“ wird die Spielzeit eröffnet. Inhaltlich am Urfaust orientiert, zeigt die Oper Stationen aus dessen Leben. Barocke Passionsarien stehen neben Choral und Clustereffekten, Kirchenorgel, Cembalo neben Synthesizer und Elementen epischen Theaters à la Brechts. Wem es vor atonaler Musik graust, der sollte trotzdem mutig sein: GMD Killian Farrell verspricht ein Werk von unheimlicher Kraft. Hochartifizell und luzid lässt es spüren, dass es das letzte Werk eines sterbenden Künstlers ist, der es unaufführbar hinterlassen hat: Meiningen machts möglich, dass dieses nur einmal 1995 in Hamburg aufgeführte Werk sein Publikum findet. Regie führt Eva-Maria Höckmayr.
Mit der Produktion des Bayreuth Baroque Opera Festival kommt ein frühes Werk Georg Friedrich Händels, „Flavio, Re de‘ Longobardi“,gleich neunmal auf die Bühne. Unter Countertenor Max Emanuel Cencics Regieentstand einesinnlich und humorvoll opulent ausgestattete Sittenkomödie, in der die menschlichen Schwächen des Langobardenkönigs und der Hofschranzen karikiert und vorgeführt werden. Die Balance aus expressiven Arien und pointierten Rezitativen mit viel musikalischem Witz bietet einen originellen Händel auch für Anfänger.
Den Wow-Effekt der Saison dürfte wohl das „Theatermachermusical“ „Der Herzog & Ich“ für sich beanspruchen. In dieser besonderen Auftragskomposition stehen Georg II. und vor allem seine dritte Ehefrau, die Schauspielerin Ellen Franz, im Zentrum einer zeitgemäßen Auseinandersetzung mit einer zunächst skandalumwitterten Liebe. Statt Liebesschnulze pur wird hier jedoch der künstlerische Aufbruch ins moderne Regietheater, ein anderes Verständnis von Bühne und Ensemblekunst thematisiert. Christoph Zirngibl, der bekannte Filmkomponist, schuf Musik und Arrangements. Buch und Liedtexte stammen von Titus Hoffmann und wenn Cush Jung hier wieder Regie führt, könnte das vor allem ein jüngeres Publikum begeistern.
Die selten aufgeführte französische Oper „Henry VIII“ von Camille Saint-Saëns spannt den Bogen von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert. Sechs Ehen, Mord, Gründung einer eigenen Kirche und seine Herrschaft voller politischer Spannungen bis zu seinem Tod reizten Starregisseur Andreas Kriegenburg, erstmals eine Oper zu inszenieren. Melodik, Eleganz und klare Orchestersprache vermeiden Exzesse der Spätromantik. Mit großem Chor und unter dem Dirigat von Killian Farrell wird dieser historische „Schinken“ bestimmt ein Erfolg.
Mit einem weiteren Werk schlägt Hinrich Horstkotte, Wiederholungstäter im positivsten Sinne, wieder in Meiningen auf. Wolfgang Amadeus Mozart schrieb dieses damalige Auftragswerk, sein letztes, in nur 18 Tagen und setzte mit „La clemenza di Tito“ einem milden und gerechten Herrscher ein Denkmal, dessen Stärke trotz übelster Attacken und Intrigen im Verzeihen liegt.
Mit Verdis „Falstaff“ gibt GMD Killian Farrell seinen Abschied aus Meiningen. Der fast 80-jährige Komponist wechselt von den großen Tragödien zur Komödie im Sinne Shakespeares Die lustigen Weiber von Windsor. Dieses Werk wird nichts Verstörendes hinterlassen, sondern die humorvolle Sicht auf die Dinge des Lebens: „Alles ist nur Spaß auf Erden“. Und das gelingt mit prallen Charakteren, turbulenten Ensembles und einer durchsichtigen musikalischen Architektonik voller Schwung. Regie führt Vivien Hohnholz.
Jedes der ach tSinfoniekonzerte lockt mit einer Besonderheit. Im ersten dirigiert z. B. die französische Barockspezialistin Camille Delaforge Werke von Bach, Händel, Vivaldi und Rameau und ein Weltstar, die Solistin Lucie Horsch, reist mit 12 Blockflöten an. Hindemith, Ravel und Bartók, Bruckner wie Beethoven… Alles ist im Detail im Spielzeitbuch nachzulesen und wird schnell ausverkauft sein, also am besten noch im April buchen. Am letzten Wochenende im Juni lädt die Meininger Hofkapelle zum Open-Air „Dem Himmel ein Stück näher“ auf die Hohe Geba ein. Carmina Burana, Die Planeten und Star Wars, effektvoll begleitet von Heißluftballons und Lichtinstallationen, lassen diesen ehemaligen Horchposten endlich zu einer wundervollen Kulisse für spektakuläre Musik werden.
„Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, werden wohl viele Theaterbesucher empfinden, wenn GMD Killian Farrell nach dieser Spielzeit nach Nürnberg wechselt. Die Empathie, mit der er seine Hofkapelle führte, der hinreißende irische Charme, mit dem er das Publikum selbst für György Ligeti und Arnold Schönberg erwärmte, werden allen fehlen und wer auch immer seine Nachfolge antritt, wird an ihm gemessen werden.
Inge Kutsche, 10. April 2026
Premieren:
Historia von D. Johann Fausten
Oper von Alfred Schnittke
18. September 2026
Flavio, Re de‘ Longobardi
Dramma per musica von Georg Friedrich Händel
23. Oktober 2026
Der Herzog & Ich (UA)
Musical vom Christoph Zirngibl
5. Dezember 2026
Henry VIII.
Oper von Camille Saint-Saëns
26. Februar 2027
La clemenza di Tito
Oper von Wolfgang Amadeus Mozart
16. April 2027
Falstaff
Lyrische Komödie von Giuseppe Verdi
11. Juni 2027
Wiederaufnahmen:
Die Csárdásfürstin
Operette von Emmerich Kálmán
Otello
Oper von Giuseppe Verdi
Riemannoper
Oper von Tom Johnson
Das Rheingold
Oper von Richard Wagner
Castor et Pollux
Tragédie lyrique von Jean-Philippe Rameau