Es ist ein Abend der Damen, die Produktion der wahrscheinlich berühmtesten italienischen Oper, mit der das Stadttheater Klagenfurt heuer seine Saison eröffnet. Das liegt an der Italienerin (mit russischen Wurzeln) Anna Princeva, die mit ihrem durchaus ans dramatische Fach reichenden, aber auch bis in die höchsten Höhen zu zarten Piani fähigen Sopran die Titelrolle verkörpert – von ihrer Persönlichkeit liegt ihr die Pose der unterwürfigen Sklavin weniger als die aufbegehrende äthiopische Prinzessin und liebende Frau, der Nilakt mit seinen breiten stimmlichen und darstellerischen Herausforderungen geht somit zu 100% „an sie“ (schade, dass der Dirigent nach der makellosen Nil-Arie keinen Raum für den gebührenden Szenenapplaus ließ).

© Karlheinz Fessl
Aber auch die Russin Ruzana Grigorian als Amneris ist eine bombastische Erscheinung – stolz sich ihres attraktiven Äußeren bewusst, herrisch und dominant im Auftreten als „First Lady“ des pharaonischen Hofes und mit einem wuchtigen Mezzo auftrumpfend, sodass die Gerichtsszene noch einmal zum großen Showdown gerät. Angesichts solcher Frauen-Power konnte der gebürtige Ukrainer Vasyl Solodkyy als im Auftreten etwas verhaltener Radamès nicht ganz mithalten: zwar verfügt auch er über durchaus ansprechendes tenorales Material, das er z.B. im Triumphakt und in der finalen Abrechnung mit Amneris hören lässt. Aber andererseits klingt er immer wieder belegt, neigt zum abgesetzten Anstemmen der Spitzentöne und nimmt es auch mit der Intonation nicht immer so ganz genau. (Ihm hätte der Dirigent nach der „Celeste Aida“ durchaus Applaus gegönnt, das Publikum ließ sich aber nicht dazu motivieren.)
Ein respekteinflößender und nach dem Regiekonzept die Vorgänge Ägyptens mit eiserner Hand lenkernder Oberpriester Ramfis war der Georgier Giorgi Chelidze, der mit einem heute selten geworden sonoren und voluminösen rabenschwarzen Bass aufhorchen ließ. Der Finne Tommi Hakala war als Amonasro schon rein optisch ein rechter Haudegen, auch stimmlich erwies er sich mit kraftvollem und höhensicherem Bariton als Draufgänger, der nur in der Mittellage ein wenig zu unruhiger Stimmführung neigte.
Aus Moldawien stammt Gheorge Severin, der als ägyptischer König eine gute Figur machte (freilich die einer Marionette seines Oberpriesters), die Ukrainerin Tetyana Prybura und der Koreaner Woohjun Park ergänzten hoch erfreulich als Priesterin und königlicher Bote das multinationale Ensemble. Chor und Extrachor des Hauses, einstudiert von Günter Wallner, taten ihr Bestes, um die hohen (auch quantitativen) Erwartungen des Werks zu erfüllen und ließen dabei nur gelegentlich im Triumphakt anklingen, dass man die großen Tableaus des Werks natürlich eher von viel größeren Besetzungen her im Ohr hat. Das Kärntner Symphonieorchester zeigte sich unter seinem Chefdirigenten, dem Taiwanesen Chin-Chao Lin als durchaus vielfarbigen Musizierens kundig und fiel dabei diesmal besonders – von den ersten Tönen des Vorspiels an – durch sensiblen Streicherklang auf.
Optisch hat Hausherr und Regisseur Aron Stiehl das Geschehen in den selbst von Zeit und Geschichte sichtlich mitgenommenen Ägypten-Saal des Neuen Museums in Berlin verlegt (Bühne: Thomas Stingl) – womit hinreichend Assoziationen an den Schauplatz der Handlung lt. Libretto evoziert werden; die einzelnen Schauplätze werden durch Licht, Rauchschwaden und kleinere architektonische Versatzstücke angedeutet, die ihrerseits einen zügigen Wechsel zwischen den unterschiedlichen Szenen ermöglichen. Die Kostüme (Emmanuela Cossar) versetzen die Äthiopier (Aida, Amonasro und die Kriegsgefangenen) qua „Sandalenfilm“-Look in etwa in die fiktive Zeit der Handlung, auch die Figuren des ägyptischen Hofs (der König, Ramfis und Amneris) sind – freilich prunkvoller – durch geschmackvolle historisierende Gewänder dort angesiedelt, während die ägyptischen Soldaten (allen voran Radamés) und auch das „Personal“ auf dem ägyptischen Hof eine elegante Gesellschaft des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts verkörpern. Summa Summarum freut man sich einmal über den doch recht farbenfrohen und ästhetisch ansprechenden (anders als die aktuelle Wiener Produktion am Kitsch jedenfalls noch vorbei schrammenden) visuellen Gesamteindruck.

© Karlheinz Fessl
Und auch die szenische Umsetzung kann als weitgehend gelungen bezeichnet werden: zumindest wird die Handlung in etwa so erzählt, wie sie im Libretto vorgegeben ist (die eine oder andere Interaktion zwischen den Figuren hätte intensiver ausfallen können), das Anliegen des Regisseurs, das Stück als konkreten Einzelfall der allgemeinen und zeitlosen Thematik zu erzählen, wie zwischenmenschliche Schicksale unter die Räder von Machtgier und Grausamkeit in kriegerischen Auseinandersetzungen geraten (Ist möglicherweise durch dieses Anliegen auch die konkrete Zusammensetzung des Ensembles begründet?), wird schlüssig vermittelt. Sodass man auf die exzessiven Übergriffe der Hofdamen auf die äthiopischen Sklavinnen am Beginn des 2. Aktes und vor allem auf die Ballett-Pantomime zur Tanz-Musik im Triumphakt, mit einer slapstick-artigen Parade aller möglicher historischer und aktueller Tyrannen bis hin zum heute anscheinend unvermeidlichen Trump – hier als Kind, das vergeblich goldene Kartenhäuser baut, und gehörigen Anleihen bei Chaplins „Großem Diktator“ auch ganz gut verzichten hätte können. Das Finale, in dem – gegengleich zur tatsächlichen Hinrichtung von Aida und Radamès in der Enge des unterirdischen Grabes – sich alle Mauern und Schranken in die Höhe erheben, um das Liebespaar in die helle Weite eines seligen Liebestodes entschweben zu lassen („Si schiude il ciel‘ all‘ alm‘erranti“), wird man dafür jedenfalls (positiv) in Erinnerung behalten.
Valentino Hribernig-Körber 7. Oktober 2026
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Aida
Giuseppe Verdi
Stadttheater Klagenfurt
2. Oktober 2026
Regie: Aaron Stiehl
Dirigat: Chin-Chao Lin
Kärntner Symphonieorchester