Mailand: „Eugen Onegin“, Peter Tschaikowsky

Diese Neuinszenierung von Tschaikowskys beliebter Oper durch Mario Martone kann insgesamt als gelungen betrachtet werden. Der Regisseur setzte vor allem auf eine nicht zeitgebundene Atmosphäre in zeitloser bzw. heutiger Kleidung (Kostüme: Ursula Patzak) und in einem teilweise stilisierten Ambiente (BB: Margherita Palli). So beherrschte abgemähtes Korn die ersten Szenen, in denen auch ein kleines Haus im Rohbau zu sehen war, in dem sich nur Bücher befanden und auf dessen provisorischem Dach Tatjana und Olga zunächst ihre Lieder sangen, während Larina und Filippjewna im Vordergrund hausfrauliche Arbeiten verrichteten.

© Brescia&Amisano / Teatro alla Scala

Nach Onegins Auftritt wurde das Abendessen zwanglos im Freien aufgetragen; Tatjana sang die Briefszene in besagtem Häuschen, vor dem das Mädchen Onegin dann ihre Liebe gestand, um von ihm zurückgewiesen zu werden. Tatjanas Geburtstagsfest findet im Freien unter Anteilnahme der dörflichen Bevölkerung statt, ein sehr gelungenes Bild, bei dem ich mir nur gewünscht hätte, dass die Tänze weniger nach professionellem Ballett ausgesehen hätten. Sehr gut auch die Personenführung bei der Eskalation des Streits zwischen Onegin und Lenski und dann die Lösung fuer das Duell in Form von russischem Roulette. Weniger geglückt der dritte Akt, würde die geniale Musik der Polonaise doch entsprechende Schrittfolgen verlangen, die nicht zum bisher unaufdringlich gelungenen Konzept des Regisseurs passen. Dieser entschied sich daher fuer einen transparenten roten Vorhang während der Tanzszene, hinter dem Gremins Gäste auszucken durften (bei der Premiere soll diese Lösung zu Protesten geführt haben). Danach wird die fast leere Bühne frei und zeigt Tatjana auf einem Sofa sitzend, während Gremin Onegin von seinem Eheglück berichtet. Die letzte Auseinandersetzung des verfehlten Liebespaares findet auf der Vorderbühne statt und hätte, wie schon den ganzen Abend lang, stärkerer Persönlichkeiten bedurft.

Die Aufführung krankte nämlich an Defiziten der beiden Protagonisten. Aida Garifullina sieht zwar blendend (und in ihrer Abendrobe im 3. Akt sogar atemberaubend) aus, aber die Tatjana ist ihr in jeder Hinsicht mindestens eine Nummer zu groß, Dies betrifft nicht nur eine stimmliche Leistung mit ständig unter Druck stehenden Tönen, sondern auch ihre Darstellung, die nie in die Tiefe der jugendlich-pubertären Enthusiasmen des Teenagers (eigentlich Backfischs) dringt, der zwar eine Leseratte ist, aber keine Bücher zur Verfügung hat, die über billige Liebeschnulzen hinausgehen. (Deshalb halte ich auch die Zurückweisung Onegins durch die gereifte Frau nicht der ehelichen Treue verpflichtet, sondern fuer einen Prozess der Bewusstseinswerdung, wie man ihn sich zu Zeiten der Komposition des Werks so nicht vorstellen mochte – bei Puschkin, der noch in einer weniger prüden Zeit lebte, kommt dies recht deutlich heraus).

© Brescia&Amisano / Teatro alla Scala

Garifullina war jedenfalls nicht in der Lage, der Gestalt entsprechende Nuancen zu geben. In der Titelrolle war Alexey Markov ein tüchtiger Bariton, der alle stimmlichen Klippen, vor allem des letzten Akts, mit Aplomb bewältigte, aber die Figur des blasierten Lebemanns wurde keinen Moment lebendig. Keine schwärmerisch veranlagte Jugendliche hätte ihr Herz an diesen grundsoliden Mann verloren. Da auch Dmitry Ulyanov nurein nicht besonders interessanter Gremin mit nicht sehr interessantem Bass war, war es am Lenski von Dmitry Korchak, dem Abend den so ersehnten stimmliche und darstellerisch bedeutenden Stempel aufzudrücken. Er gestaltete die überdrehte Vorstellung, die der Poet von seiner Olga hat, in jedem Moment überzeugend, ohne aber hysterisch zu wirken, und sein „Kuda, kuda“ war vom Feinsten, das es in den letzten Jahren im russischen Repertoire zu hören gab. Eine Freude mit ihren gut geführten Mezzos waren Alisa Kolosova (Larina) und Julia Gertseva (Filippjewna), während Elmina Hasan, auch ein Mezzo, nicht den von Tschaikowsky verlangten stimmlichen Mitteln eines Alts genügen konnte, obwohl sie szenisch überzeugte. Yaroslav Abaimov gab einen trefflichen Triquet, der von der Regie ausgezeichnet in die Szene integriert war. Sehr gut die Comprimari Huanhong Li (Hauptmann der Wache), Oleg Budaratsky (Zarecky) und Luca di Gioia aus der Accademia als Bauer.

© Brescia&Amisano / Teatro alla Scala

Der erst dreißigjährige Russe Timur Zangiev am Pult erwies sich als ausgezeichneter Befürworter der „lyrischen Szenen“ seines großen Landsmanns und erhielt vom Orchester des Hauses eine überzeugende Reaktion auf seine Vorgaben. Tadellos wie üblich der von Alberto Malazzi einstudierte Chor des Hauses.

Viel, aber wenig differenzierter Applaus eines internationalen Publikums.

Eva Pleus, 16. März 2025


Evgenij Onegin
Peter I. Tschaikowsky

Teatro alla Scala

Vorstellung vom 5. März 2025

Inszenierung: Mario Martone
Musikalische Leitung: Timur Zangiev
Orchestra del Teatro alla Scala