Lieber Opernfreund-Freund,
mit Beginn der laufenden Spielzeit ist der ehemalige Haus-Chef des Teatro Ponchielli in Cremona, Andrea Cigni, Superintendente und gleichzeitig künstlerischer Leiter am Teatro Lirico di Cagliari geworden und hat sich vorgenommen, das Haus offen zu gestalten und für neue Besucherschichten zugänglich zu machen. Dies ist ihm mit der Produktion von Donizettis Belcantoperle Lucrezia Borgia, die in Zusammenarbeit mit dem Teatro del Maggio Musicale Fiorentino entstanden ist, in jedem Fall gelungen. Die Premiere am Mittwoch geriet schon vor ausverkauftem Haus zum Triumph für alle Beteiligten und auch die gestrige Folgevorstellung mit abweichender Besetzung in den vier Hauptpartien habe ich mir gerne für Sie angesehen.

Lucrezia Borgia, illegitime Tochter des 1492 zum Papst Alexander VI. gewordenen Valencianers Roderic de Borja, gilt in vielen historischen Erzählungen als Inbegriff der Giftmischerin und Gattenmörderin. Dass hinter dieser Figur ein zutiefst menschliches Wesen steckt, zeigt Andrea Bernard in seiner Lesart der 1833 uraufgeführten Oper, die nach rund 125 Jahren nun endlich wieder ihren Weg nach Cagliari gefunden hat. Während der Ouvertüre wird die Vorgeschichte zum Drama erzählt: Lucrezia, als illegitime Tochter selbst im Kloster groß geworden, gebiert dort einen Sohn, der ihr noch im Kindbett entrissen wird. Sie selbst heiratet Don Alfonso, selbst Religionsfanatiker, so dass sie dem Klerus und seiner Macht nicht entkommt. Deshalb ergibt es durchaus Sinn, dass der aus Südtirol stammende Bernard die Handlung in die Zeit der Studentenunruhen in den 1960er Jahren verlegt, denn dort hat die junge Generation den kirchlichen Einfluss auf Staat und Lehre vehement angeprangert – den Spruch mit dem Muff und den 1000 Jahren muss ich hier sicher nicht zitieren. Die Clique um den illegitimen Sohn Gennaro erzürnt die mächtige Herzogin Lucrezia und diese will sich rächen. Doch auch ihr Mann führt gegen Gennaro nichts Gutes im Schilde, hält er ihn doch für den heimlichen Geliebten seiner Frau, weil die sich so um ihn sorgt. Im Schlussakt hat Lucrezia die Partygesellschaft vergiftet, um Rache zu nehmen. Als sie erkennt, dass Gennaro nicht, wie gedacht, schon abgereist, sondern unter den Opfern ist, und der sich obendrein weigert, das Gegengift zu trinken, weil es nur für ihn, nicht aber für seine Freunde reicht, kann sie nur noch ihren Sohn beweinen, der in ihren Armen stirbt.

In Cagliari findet die Geschichte auf einer von Alberto Beltrame mit hohen holzvertäfelten Elementen bestückten Drehbühne statt, die sich wie Türen öffnen, geheime Gänge entstehen lassen und dabei eine düstere Atmosphäre entfalten (Licht: Marco Alba/Alberto Cannoni). Kein Tageslicht scheint in diesen düsteren Palazzo zu fallen, dafür wird allerorts flagelliert, kasteit oder gebetet. Den Hofstaat bildet folgerichtig der Klerus in typischen Gewändern, kein Traumsetting also für die Kostümbildnerin Elena Beccaro, die sich so nur im einen oder anderen Papstgewand oder bei den an die Mode der 60er Jahre angelehnten Kostümen der Revoluzzer austoben kann. Durch spannende Personenführung und vielschichtige Rückblenden (mit Com’è bello beispielsweise lässt Andrea Bernard Lucrezia in einer Erinnerung ihren neugeborenen Sohn anhimmeln) ist es dem Produktionsteam vortrefflich gelungen, die Kunstform der Oper frisch zu präsentieren und so auch einem jungen, aufgeschlossenen Publikum zugänglich zu machen.

Darüber hinaus ist die musikalische Qualität weit überdurchschnittlich. Allen voran setzt Jessica Pratt mit ihrer Interpretation der Lucrezia Borgia Maßstäbe. Seit Montserrat Caballé hat man selten so weiche, zarte Höhen gehört. Darüber hinaus aber streut die Australierin mühelos vorgetragene, halsbrecherische Koloraturen und zahlreiche Spitzentöne ein und reißt damit das Publikum immer wieder zu Begeisterungsstürmen hin. Besser kann man das kaum machen! Doch auch Alessia Panza ist eine veritable Lucia mit großem Ausdruck und immenser Koloraturfreude, auch wenn sie dem Publikum im Gegensatz zur Premierenbesetzung jeden Spitzenton verweigert und grundsätzlich die tief angelegte Linie singt.
Als junger Tenor steht dem Weltstar bei der Premiere der junge, engagiert spielende, brillant singende Matteo Desole zur Seite. Bei seinem Heimspiel – er ist selbst auf Sardinien geboren – zeigt er neben endlos scheinendem Atem und klarer Höhe eine gehörige Portion Gefühl. Ein außergewöhnlicher tenore di grazia ist am gestrigen Abend dann auch Valerio Borgioni. Der aus Rom stammende Tenor ist voller eleganter Linienführung und stimmlicher Beweglichkeit.

Mit Bühnen-Ehefrau und -Stiefsohn kann Marko Mimica am Premierenabend nicht ganz mithalten. Zwar verfügt der kroatische Bassbariton über eine wohlklingende Tiefe und großen Ausdruck, doch fehlt ihm das Düster-Dämonische, um mich als brutaler Ehemann zu überzeugen. Das hingegen gelingt Francesco Leone am zweiten Abend mühelos, so voller Kraft und Virilität ist sein imposanter, stolzer Bass.
Ana Victória Pitts holt mich in der Hosenrolle des Maffio Orsini vollends ab, stößt die Flüche, mit denen sie die Borgias in ihrer Auftrittsarie bedenkt, fast azucena-artig aus und überzeugt mit viel Volumen und wunderbarem Wohlklang. Ihre Kollegin Michela Guarrera steht ihr in nichts nach, legt ihre Interpretation von Gennaros Freund und Liebhaber – die Regie zeigt dies im Duett der beiden im letzten Akt deutlich – gestern vielleicht eine Spur nuancierter an.

An beiden Abenden gleichermaßen überzeugen konnten die übrigen Solisten. Allen voran ist das Didier Pieri als durchtriebener Rustighello mit ausdrucksstarkem Tenor zu nennen, doch auch Andrea Galli, Lorenzo Barbieri, Andrea Pellegrini und Mauro Secci sind ein imposantes Freundesquartett. Der von Massimo Fiocchi Malaspina betreute Chor imponiert mir mit fein aufeinander abgestimmten Stimmen und aus dem Graben erklingt frischer Belcanto. Am Pult in Cagliari steht erstmals der aus Sardinien stammende Dirigent Leonardo Sini, dessen Interpretation klar und durchscheinend daherkommt, ohne dabei die Emotion zu verlieren. Der junge Maestro gibt den herrlichen Melodien Zeit, sich zu entfalten, und vereint bei seinem Debüt auf heimischem Boden musikalische Präzision mit einer gehörige Portion Italianità.

Das Publikum ist am Ende der Vorstellungen zurecht begeistert und falls Sie, lieber Opernfreund-Freund, nicht zufällig am Wochenende nach Sardinien kommen, haben Sie vielleicht zumindest die Möglichkeit, im April Jessica Pratt in Lüttich als Lucrezia Borgia zu erleben. Vielleicht haut sie Sie mit ihrer Interpretation genauso von den Socken wie mich.
Ihr
Jochen Rüth
30. Januar 2026
Lucrezia Borgia
Oper von Gaetano Donizetti
Teatro Lirico di Cagliari
Premiere: 28. Januar 2026
besuchte Vorstellungen: 28. und 29. Januar 2026
Regie: Andrea Bernard
Musikalische Leitung: Leonardo Sini
Orchestra del Teatro Lirico di Cagliari