Derzeit scheint Frank Wildhorn der Komponist der Stunde zu sein. Im Theater Münster ist aktuell das sehenswerte Musical Der Graf von Monte Christo zu sehen, am 7. März 2026 findet im Theater am Domhof in Osnabrück die Premiere von Artus – Excalibur statt und seit einigen Wochen präsentiert ShowSlot mit Dracula eines seiner musikalisch besten Stücke auf einer großen Tour durch Deutschland und Österreich. Angelehnt an Bram Stokers legendären Roman entführt das Musical die Zuschauer in die schaurige Vampirwelt des berühmten Grafen Dracula. Dieser beabsichtigt, ein Anwesen in London zu kaufen. Um den Kauf abzuschließen, reist der junge Anwalt Jonathan Harker nach Transsilvanien, während seine Verlobte Mina ihre Freundin Lucy in Whitby Bay besucht. Im Schloss des Grafen sieht Dracula zufällig ein Bild Minas, das sie Jonathan mitgegeben hat. Er verfällt in eine gefährliche Faszination für die Frau, in der er etwas ganz Besonderes sieht. Er verlässt Transsilvanien, um Mina in London zu finden. Beide sind zudem durch eine eigentümliche Gedankenübertragung verbunden, die auch große Entfernungen überbrücken kann. So nimmt das Schicksal die eine oder andere unheilvolle Wendung, gegen die selbst der herbeigerufene Vampirjäger Professor Van Helsing schwer zu kämpfen hat.

Obwohl das Musical bereits im Oktober 2001 in den USA uraufgeführt wurde und am 23. April 2005 seine deutschsprachige Erstaufführung im Theater St. Gallen feierte, blieb Dracula viele Jahre eher wenig beachtet. Dies liegt möglicherweise auch am etwas fragwürdigen Frauenbild im Stück. Während Mina Murray die treue und häusliche Ehefrau der viktorianischen Zeit verkörpert, ist ihre Freundin Lucy Westenra sehr freizügig und kokett. Gemeinsam ist den beiden, dass sie sich ungemein zum Grafen hingezogen fühlen und sich diesem später auch voller Leidenschaft hingeben. Hier sind die Rollen zwischen Mann und Frau also klar verteilt. Zwar war das Musical immer wieder zu sehen – oft als Open-Air-Produktion –, dennoch wurde dem Werk erst durch eine hervorragende Produktion des Ulmer Theaters auf der Wilhelmsburg im Juni 2021 wieder größere Aufmerksamkeit zuteil. Nach vielen Monaten der Corona-Pandemie war seinerzeit endlich wieder großes Theater möglich, wozu sich dieses Stück durch seine musikalische Stärke besonders eignete. In Dracula jagt ein Ohrwurm wahrlich den nächsten, die zudem allesamt treffend ins Deutsche übertragen wurden. Ob Whitby Bay, Für immer jung, Blut, Das Lied vom Meister, Ich bin da weil du mich liebst, Nosferatu, Ein Leben mehr, Lass mich dich nicht lieben, Roseanne, Wär‘ ich der Wind, Zu Ende, Eh du verloren bist, Frost an einem Sommertag oder Je länger ich lebe – allesamt große Wildhorn-Meisterwerke, die hier erklingen. Musikalisch werden die Lieder von einer achtköpfigen Liveband dargeboten, die in der besuchten Vorstellung von Antonia Kessler punktgenau geleitet wurde. Da das Werk sehr rocklastig ist, ist diese Besetzung auch an den meisten stellen durchaus ausreichend. Auch die großen Balladen und die stellenweise fast hymnisch ausschweifenden Stücke werden von den Musikern treffend umgesetzt.

Die Besetzung auf der Bühne ist bei dieser Tour bis hin zur kleinsten Ensemblerolle hervorragend. Großartige Musicaldarsteller und -darstellerinnen gibt es hierzulande viele, große Stars der Branche sind allerdings selten. Zweifelsfrei zählt Jan Ammann aber zu dieser Gruppe. Er fasziniert immer wieder aufs Neue mit seiner hervorragenden Stimme und seiner ungeheuren Bühnenpräsenz. Somit ist es ein echter Glücksgriff, dass ShowSlot ihn für die Titelrolle des Dracula besetzen konnte. Es ist beeindruckend, wie differenziert und punktgenau er einerseits den im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehenden Vampir und andererseits die innerlich verletzliche, von seiner Liebe zu Mina getriebene Person verkörpert. Ebenso beeindruckend ist Ammanns gesangliche Darbietung, die auf allerhöchstem Niveau anzusiedeln ist. An seiner Seite steht mit Lisa Habermann eine weitere etablierte Darstellerin in der Rolle der Mina Murray. Diese Rolle verkörperte sie u. a. bereits vor einigen Jahren an der Oper Leipzig. Auch sie überzeugt in allen Belangen ihrer Rollenauslegung. In den weiteren Hauptrollen wissen Vincent Van Gorp (Jonathan Harker), Munja Viktoria Meier (Lucy Westenra), Marius Bingel (Professor Van Helsing) und Nico Went (Renfield) in der besuchten Vorstellung ebenfalls zu gefallen. Neun weitere Sänger und Sängerinnen runden das für eine Tournee-Produktion beachtlich große Ensemble treffend ab.

Für die Inszenierung ist Alex Balga verantwortlich, der bereits auf der Wilhelmsburg in Ulm Regie führte. Für die Tournee hat er seine Inszenierung in mehreren Punkten geschickt verkleinert und angepasst, sodass die Produktion auch für kurze Gastspiele geeignet ist. Dies funktioniert sehr gut. Trotz der kleineren Bühne wirkt die gesamte Produktion sehr hochwertig und lässt nichts vermissen. Im Gegenteil: Bereits mit den ersten Tönen und dem geflüsterten „Immordite Nosferatu” der drei Vampirbräute wird direkt eine sehr düstere und atmosphärische Stimmung geschaffen. Dazu wird die Bühne immer wieder in dichten Nebel getaucht und Lichtblitze sorgen für schauriges Gewitterwetter. Inszenierung, Bühne (Sam Madwar) und Lichtdesign (Michael Grundner) arbeiten hier Hand in Hand und sorgen somit für ein ganz besonderes Theatererlebnis. Auch die Kostüme von Irina Hofer sind Hingucker. Sie sind nicht nur sehr vielseitig, sondern stets perfekt auf die Rollen zugeschnitten: vom großen viktorianischen Kleid bei Mina Murray über die wandlungsfähige Kleidung des Grafen Dracula bis zu den teilweise sehr detailreichen Kostümen der Vampirbräute oder des Professor Van Helsing. Auch die teilweise recht großen Choreografien von Natalie Holtom fügen sich stimmig ins positive Gesamtbild ein.

Wie bereits in Ulm werden auch in der Tourproduktion immer wieder große Tücher eingesetzt, die im Zusammenspiel mit dem erwähnten Nebel und dem fantastischen Lichtdesign für eindrucksvolle Momente sorgen, die zudem perfekt mit Wildhorns Musik harmonieren. Auch die großen, verschiebbaren Treppen auf der Bühne sind vielseitig einsetzbar und ermöglichen es, größere Entfernungen geschickt zu überbrücken. Dass Dracula und Harker gleich zu Beginn minutenlang über die Treppen durch das gesamte Schloss wandern, um schließlich im Schlafzimmer anzukommen, ist ein erster Leistungsbeweis der Bühne. Gut gelöst ist auch die Darstellung verschiedener Orte durch Vorhänge. So singen beispielsweise Jonathan Harker in Transsilvanien und Mina Murray in England ihr gemeinsames Duett, während sie sich auf der rechten und linken Seiten der Bühne mit verschiedenen Hintergründen befinden. Wenn Dracula später zu Mina in Gedanken spricht und hierbei schemenhaft über ihr stehend durch einen Vorhang verdeckt in Erscheinung tritt, ist dies einer der bleibenden Theatermomente.

Mit Dracula gelingt ShowSlot sowohl musikalisch als auch optisch eine Produktion, die in der allerhöchsten Liga spielt. Dass diese vom Publikum sehr gut angenommen wird, ist umso erfreulicher. Die besuchte Vorstellung im Duisburger Theater am Marientor war sowohl im Parkett als auch im Rang komplett ausverkauft. Bereits zur Pause schallte lauter Jubel durchs Theater, der sich zum Ende hin noch steigerte. Auch die weiteren Vorstellungen der Tournee sind aktuell sehr gut gebucht, sodass bereits jetzt eine Wiederholungstour ab Oktober 2027 angesetzt wurde. Jedem Musicalfan sei diese unter die Haut gehende Produktion wärmstens ans Herz gelegt.
Markus Lamers, 14. Februar 2026
Dracula – Das Musical
Musical von Frank Wildhorn (Musik), Don Black (Buch und Gesangstexte) und Christopher Hampton (Buch und Gesangstexte) nach dem gleichnamigen Roman von Bram Stocker
Duisburg, Theater am Marientor
Tourpremiere: 27. Januar 2026 in Wien, Museumsquartier
besuchte Vorstellung: 13. Februar 2026 in Duisburg, Theater am Marientor
Inszenierung: Alex Balga
Choreografie & Co-Regie: Natalie Holtom
Musikalische Leitung: Antonia Kessler
Weitere Aufführungen in Dresden (20.2. – 22.2., Messe), Köln (26.2. – 1.3., Motorworld), Saarbrücken (3.3. – 4.3., Saarlandhalle), Bremen (6.3. – 8.3, Metropol Theater), Hannover (12.3. – 14.3., Theater am Aegi), Linz (20.3. – 22.3. TipsArena), Halle (27.3. – 28.3., Georg-Friedrich-Händel HALLE), Stuttgart (30.3. – 2.4., Liederhalle), München (7.4. – 19.4., Deutsches Theater), Innsbruck (21.4. – 23.4., Congress), Graz (25.4. – 26.4., Helmut List Halle), Berlin (1.5. – 7.6., BlueMax Theater) sowie erneut auf Tournee ab Oktober 2027; genaue Showzeiten und weitere Informationen unter https://showslot.com/.