Bonn: „Awakening“, Param Vir

Asien mit seinen Geschichten, seinen Klängen und seiner Farbigkeit hat Opernkomponisten immer wieder inspiriert. Puccini, Bizet und Delibes sind vielleicht die Bekanntesten, die sich mit einer stark romantisierten Sicht auf asiatische Kulturen einen Platz im gängigen Repertoire westlicher Opernhäuser sichern konnten. in Bonn hat nun mit Awakening eine Oper Premiere, die sich an eine der wichtigsten Figuren asiatischer Geschichte und Tradition heranwagt, an niemand geringeren als Siddharta Gautama, später als Buddha bekannt, und mit dieser Geschichte einen Bogen ins Jetzt schlägt.

Für das Werk konnte man neben dem Librettisten David Rudkin, der zu einer der vielleicht wichtigsten lebenden Theaterpersönlichkeiten Großbritanniens zählt, den Komponisten Param Vir gewinnen. Musikalisch zeichnet den in Delhi geborenen und in London unter anderem von Peter Maxwell-Davies und Oliver Knussen geprägten Künstler aus, westliche und östliche Klangästhetiken zu einer dichten, transzendentalen Klangsprache zu verweben. So kann man es zumindest in der Ankündigung lesen. Um was geht es in dem Werk? In einem kargen Raum entfaltet sich eine Parabel über den Lebensweg Siddhartha Gautamas und seine Wandlung zum Buddha: Eine Schauspieltruppe spielt seine Geschichte, bis ein Trauerzug und das Hereinbrechen des Krieges die Aufführung zerreißen und die Ebenen von Darstellung und Realität unheimlich ineinander kippen. Bomben, Tod und existenzielle Bedrohung stellen selbst die Figur des Buddha infrage – doch aus der Zerstörung bleibt seine Lehre vom Erwachen als einzigem Ausweg aus dem Leid.

© Max Borchardt

Es ist ein beängstigender Zufall, dass dieses Werk genau zu einem Zeitpunkt seine Uraufführung erlebt, zu dem auch auf der Weltbühne die Bomben wieder so oft fallen wie lange nicht mehr, zu einer Zeit in der die Sehnsucht nach Frieden immer mehr wächst. So ist dieser Aspekt des Werkes, das Fragen nach Bewahrung von Kultur, von Religion und von der Suche nach dem universellen Guten, von brennender Aktualität. Was dem Zuschauer auf der Bühne dann aber begegnet, ist keine einfache Kost. Komplex ist die Handlung, komplex sind die Themen, und nach über drei Stunden raucht dem ein oder anderen der Kopf. Beim ersten Sehen ist vieles nur schwer verständlich – zu weit weg sind die Geschichten, zu unbekannt die Figuren. Da helfen auch die erläuternden Projektionen auf dem schwarzen Decker im Einlass wenig. Ohne Frage – was da auf der Bühne passiert, ist ein unglaublicher Kraftakt, ist wirklich bemerkenswert, aber umso bedauerlicher ist es, dass das Werk über lange Strecken eher Oratorium denn Oper ist. Die Folge vieler Szenen und Episoden bleibt im Deskriptiven, bietet wenig dramatische Entfaltung, behauptet mehr, als dass sie entwickelt. Regisseur Vasily Barkhatov stemmt sich dem mit einem opulenten Bilderreigen entgegen und müht sich redlich, dem Werk szenisches Leben einzuhauchen, lässt am Ende aber dann doch alle an der Rampe stehen und im Bombenhagel untergehen. Bühnenbildner Zinovy Margolin hat als Raum eine trockengefallene Schleusenkammer gewählt, in dem im ersten Akt ein gestrandeter Kahn liegt. Dieser scheinbar verlassene Ort dient der Schauspieltruppe, ihre Geschichte zu erzählen, und weitet sich zum Ort der Zerstörung und Verfolgung, zum Ort, an dem der Versuch, kulturelles Erbe zu bewahren, der rohen Gewalt ausgeliefert ist. Das darf der Zuschauer bildgewaltig erleben. Die Kostüme von Olga Shaishmelashvili sind in traditionellem asiatischem Kolorit gehalten, so leuchtet das typische Orange buddhistischer Mönchsroben, zeigen phantasievoll die Gestalten im Umfeld Buddhas und grenzen sich zu einem monotonen, heutigen Kostümbild ab.

© Max Borchardt

Beim Namen Param Vir und dessen Interesse am Verschmelzen östlicher und westlicher Klangtraditionen mag sich der ein oder andere etwas mehr vorgestellt haben. Das Werk hat Längen – das muss leider so konstatiert werden, und gerade in Passagen im ersten Akt, die einem nicht enden wollenden Accompagnato-Rezitativ ähneln, in denen im Orchester nur Akkorde liegen und eine parlierende Stimme darüber singt, vermag das Werk nicht zu überzeugen. Dagegen nimmt das musikalische Geschehen im zweiten Akt deutlich mehr an Fahrt auf, zeigt Abwechslung in den Tempi, nutzt Impulse aus Blech und Schlagwerk, bricht aus, wird roh und wilder. Vir scheut sich nicht, auch im tonalen Bereich zu verweilen, dehnt diesen aber und verlässt ihn zeitweise auch immer wieder in eine freiere Tonalität. Strawinsky oder Britten schimmern durch, einen hörbaren Einfluss asiatischer Musiktraditionen findet man selten: kein Gamelan, kein Gagaku, keine Sitar – alles, was man sich – vielleicht auch nur aus einem Klischeedenken heraus – gewünscht hätte, bleibt außen vor. Spannendes klangliches Element ist ein Gamben-Trio, das effektvoll auf der Bühne zu sehen ist und eine interessante Klangfarbe einfließen lässt. Die Sänger agieren oft erzählend, ariose Momente sind selten. Der Chor wird musikalisch dezent eingesetzt, gleichwohl er szenisch oft gefragt ist.

© Max Borchardt

Die Sängerinnen und Sänger meistern ihre Partien durch die Bank weg hervorragend, und auch wenn das Stück als solches nicht unbedingt zu überzeugen vermag, so merkt man doch eine große Energie, einen Spirit, der diesen Kraftakt hat gelingen lässt. Besonders Mark Morouse als Director/Anand und Cody Quattlebaum als Prince Gautam leisten Beeindruckendes – stimmlich, wie szenisch. Tae Hwan Yun überzeugt in verschiedenen kleineren Rollen mit einer enormen tenoralen Strahlkraft, Yannick-Muriel Noah als Lady Gautamani überzeugt nicht minder. Die vielen weiteren Rollen sind ebenfalls bestens besetzt, und gerade die Ensembleleistung ist bemerkenswert. Der Chor meistert seinen Part souverän und zeigt ein homogenes Klangbild. Das Orchester unter Daniel Johannes Mayr arbeitet sich durch die knifflige Partitur. Nicht immer ist der Orchesterpart dankbar und bietet Raum zur großen Entfaltung, ja hin und wieder darf das Orchester einfach nur einen Klangteppich ausbreiten. Die Momente, die von größerer Dramatik sind, meistern die Musiker allerdings mit umso mehr Vitalität, mit sattem Klang und Kraft.

Am Ende des Abends zeigt sich das Publikum zufrieden, gleichwohl das Werk sicherlich kein einfaches ist. Dem Bonner Opernhaus ist ein bemerkenswerter Kraftakt geglückt, die Kritik an der Langatmigkeit des Stücks mag die Freude über das Gelingen trüben, und es bleibt leider auch fraglich, ob das Werk sich in den Spielplänen wird behaupten können. Dabei ist die Grundüberlegung, ist die Idee, die Anlage des Stücks gut – es ist halt nur ein bisschen lang.

Sebastian Jacobs, 2. März 2026


Param Vir
Awakening

Oper Bonn

Premiere/Uraufführung: 1. März 2026

Inszenierung: Vasily Barkhatov
Musikalische Leitung: Daniel Johannes Mayr
Beethoven Orchester Bonn