Dortmund: „Mazeppa“, Clémence de Grandval

Die fünfaktige Grand Opéra „Mazeppa“ lebt vom klassischen Dreieck aus charismatischem, zwielichtigem Bass-Bariton, düpiertem Tenor und vertrauensseligem Sopran. Die französische Komponistin Clémence de Grandval, Schülerin von Chopin und Saint-Saens, hat daraus 1892 eine große französische Choroper gemacht, in der der zusätzlich mit einem Extra-Chor besetzte Chor die Massenhysterie des Volkes darstellt, das einen völlig fremden Mann zuerst zum Heerführer erhebt und dann zum Herrscher. Im Rahmen des Wagner-Kosmos wird am 15. Mai 2026 die Oper „Mazeppa“ aufgeführt, die Oper, am 15. März 2026 in szenischer deutscher Erstaufführung dort Premiere hatte. Jordan de Souza dirigiert die Grand Opéra, die stilistisch an Gounod und Berlioz erinnert, mit französischem Schwung, und man fragt sich, wie dieses dichte, allgemeingültige Werk so lange in Vergessenheit geraten konnte – vermutlich nur deshalb, weil die Komponistin eine Frau war. Der Premierenbeifall wollte nicht enden und bezog auch das Regieteam mit ein.

© Björn Hickmann

Regisseur Martin G. Berger abstrahiert von der historischen Figur des Mazeppa und deutet durch das Kostüm eines Superman an, der durch die Luft fliegt, dass man Mazeppa magische Kräfte zuschreibt. Berger erzählt den Aufstieg und Fall des Fremden Mazeppa als Prototyp einer charismatischen Herrschaft. Das Volk projiziert all seine Hoffnungen auf Mazeppa, die Königstochter Matréna verliebt sich in ihn. Der junge Krieger Iskra, Verlobter Matrénas, ist der einzige, der skeptisch bleibt, und dem es später gelingt, Mazeppa wieder zu stürzen. Mandla Mdebele als Mazeppa ist der Glücksfall eines charismatischen Sängers, der die natürliche Autorität eines Amonasro oder Holländers besitzt. Er beeindruckt das Volk des Heerführers Kotchubey, akzeptiert den Auftrag, das Heer in den Krieg zu leiten, und führt es zum Sieg. Nachdem er Kotchoubey, seinen Vorgänger und Vater Matrénas, hat hinrichten lassen, stellt sich heraus, dass Mazeppa keine abweichenden Meinungen mehr duldet und das Volk an eine andere Macht verraten hat. Ähnlich wie bei Wagners Lohengrin projiziert das Volk seine ganzen Hoffnungen auf den auf eigenartige Weise – hier als Superman, der fliegen kann – aufgetauchten Mazeppa. Im Mythos des 19. Jahrhunderts, wie ihn Lord Byron beschrieb, wird Mazeppa als nackt auf den Rücken eines wilden Pferdes gebundener junger Mann gefunden, nachdem das Pferd vor Erschöpfung gestorben ist, beliebtes Sujet der Kunstgeschichte. Dieser Ritt auf dem wilden Pferd ist fulminanter Auftakt der Oper.

Das Volk wendet sich von Mazeppa ab, nachdem Iskra aufgedeckt hat, dass Mazeppa sein Land an eine andere Macht verraten hat. Mazeppa und Matréna werden aus der Gesellschaft ausgestoßen. Matréna verflucht Mazeppa für alles und stirbt verzweifelt. Das Bühnenbild von Sarah Katharina Karl versucht gar nicht erst, lokales Ambiente aufzubauen. Die überaus zahlreichen Sängerinnen und Sänger sowie Statistinnen und Statisten stehen auf großen beweglichen Treppenstufen angeordnet, so dass sie mit Hilfe der in verschiedenen Ebenen beweglichen Hebebühne bewegt werden können.

Der historische Mazeppa wurde 1639 in den ukrainischen Adel geboren, sprach vier Sprachen, und gilt als ukrainischer Nationalheld. Er soll allerdings die Ukraine in Verhandlungen mit Schweden gegen Russland vertreten haben, was vom russischen Generalkanzler Kotschubej als Verrat gewertet wurde. 1709 starb Mazeppa nach einer Affäre mit Kotschubejs 15-jähriger Tochter Motrona. Mit der historischen Wahrheit sind Grandval und ihre Librettisten sehr frei umgegangen, denn es interessierte sie die Idee der Massenhysterie, die von charismatischen Führern ausgehen kann, nicht ein bestimmter Nationalstaat.

© Björn Hickmann

Clémence de Grandval hat in fünf Akten und sechs Bildern beeindruckende Spannungsbögen geschaffen, die mit dem groß besetzten und von Fabio Mancini einstudierten Chor eine enorme Dramatik erzeugten und in extremen Steigerungen mit Chorsätzen und Einwürfen von Sängerinnen und Sängern in großem Beifall endeten. Am Ende des 1. Akts wird der Fremdling Mazeppa mit Jubel in den Krieg geschickt und vom Archemandrit bestätigt. Im zweiten Akt bekennt sich Matréna zum vermutlich gefallen Mazeppa und teilt die große Freude, als er siegreich zurückehrt. Großer Triumph! Im dritten Akt eskaliert Iskras Misstrauen: Matréna hat sich zu Mazeppa bekannt, aber Iskra hat Beweise für Mazeppas finstere Absichten. Cliffhanger Pause, Höhepunkt des Dramas. Im vierten Akt haben die fremden Mächte das Land fest im Griff. Mazeppa hat eine Diktatur errichtet, Matréna trauert mit osteuropäisch klingender Volksmusik um ihre Heimat und um ihren von Mazeppa hingerichteten Vater. Das Ballett im 4. Akt ist mit der Vorgeschichte Mazeppas – Jugend in einer farbigen Unterschicht-Familie – in einem Schwarz-weiß-Film bebildert. Grandval hält die Regeln der französischen Grand Opéra ein, schafft es allerdings, die fünf Akte in zwei Stunden 25 Minuten unterzubringen statt wie Meyerbeer oder Halévy in fünf Stunden, bedingt dadurch, dass es kaum noch klassische Arien mit Wiederholungen gibt und die Musik dramatisch stark verdichtet ist. Mit Matrénas Verfluchung ihrer Liebe zu Mazeppa stirbt sie im Wahnsinn. Mit Mazeppas Verschwinden und der Ausrufung des kritischen Iskra als neuem Herrscher endet die Oper.

Den besonderen Kick erhält die Oper durch die wundervollen Videoeinblendungen von Vincent Stefan, die mit einer auf der Bühne aufgestellten Kamera die live singenden Protagonisten im Flug als Superman über Dortmund fliegend darstellen. Die Übergänge von Video zu realer Figur sind fließend. Die Kostüme von Alexander Djurkov Hotter orientieren sich an Comic-Helden wie Superman, die durch die Luft fliegen können.

Die Grand Opéra wird ausschließlich vom großartigen Ensemble der Dortmunder Oper gestaltet. Mandla Mndebele als Mazeppa, gerade noch als Almaviva auf der Bühne, ist ein stimmgewaltiger Bassbariton, den ich mir gut als „Holländer“ vorstellen kann. Der aus Südafrika stammende Sänger ist schon aufgrund seiner athletischen Gestalt aus dem Ensemble herausgehoben und insofern prädestiniert für die Rolle des zwielichtigen Mazeppa. Er hat den Charme des naiven Findlings, aber er legt in seine Stimme auch die brutale Härte des Diktators, der sein Volk gleichgeschaltet hat. Die lyrische Sopranistin Anna Sohn, Primadonna des Hauses, ist die jugendlich-naive Königstochter Matréna, die sich von ihrem Verlobten Iskra abwendet und dem Charme des Mazeppa verfällt. Spinto-Tenor Sungho Kim mit wunderschönen Melodiebögen ist der junge Krieger Iskra, der als ehemaliger Verlobter Matrénas als einziger einen kühlen Kopf behält und Mazeppa des Verrats überführt. Seine heldischen Spitzentöne beeindruckten auf der ganzen Linie und legitimieren ihn als Nachfolger Mazeppas. Der tiefe Bass Artyom Wasnetsov ist der Militärführer Kotchoubey, der seine Macht freiwillig Mazeppa überlässt und später von diesem hingerichtet wird. Den Ausschlag in den Machtkämpfen gibt der noch tiefere Bass Denis Velev als Archimandrit und Vertreter des Patriarchen von Konstantinopel, der Kotchoubey über die Klinge springen lässt, sich dann aber auf die Seite Iskras stellt. Dem Chor gelingt es hervorragend, die Massenhysterie darzustellen, die dazu führt, dass Mazeppa seine steile Karriere an die Macht hinlegen kann. Genau so intensiv stellt der Chor die Absetzung Mazeppas als Verräter dar.

© Björn Hickmann

In keinem Wort wird die Nationalität Mazeppas oder Kochoubeys erwähnt. Sie stehen in einer Reihe mit Diktatoren wie Napoleon Buonaparte, Benito Mussolini und anderen, die von einem geblendeten Volk hochgejubelt wurden, dann ein totalitäres Regime errichteten und ihre Vorgänger abserviert haben.

Musikalisch ist „Mazeppa“ eine Weiter-Entwicklung der französischen Grand Opéra mit überlegten Spannungsbögen und konzentrierten Tableaus zu den dramatischen Kristallisationspunkten. Die Dortmunder Philharmoniker unter dem Dirigat ihres GMD-Jordan de Souza beweisen, dass sie auch große französische Oper mit Esprit spielen können. Dem Regisseur Martin G. Berger ist es gelungen, die grundsätzliche Legitimation von Herrschaft zu hinterfragen, denn als Zuschauer erliegt man genau so der Faszination Mazeppas wie der Chor. Ich würde jederzeit noch einmal reingehen und kann den Besuch nur dringend empfehlen.

Ursula Hartlapp-Lindemeyer, 19. März 2026


Mazeppa
Clémence de Grandval

Oper Dortmund

Premiere 15. März 2026

Regisseur: Martin G. Berger 
Dirigat: Jordan de Souza
Dortmunder Philharmoniker