Mozarts einzige „opera seria“, Idomeneo, ist am Tiroler Landestheater Innsbruck nur selten zu erleben – die Annalen verzeichnen Inszenierungen 1989 und zuletzt 2011. Nun liegt das Werk erneut in einer Produktion von Henry Mason vor. Er verdichtet diese barock anmutende, grandiose Nummernoper, die Mozart für die Münchner Karnevalsaison 1781 – zugeschnitten auf ein sehr spezifisches Sängerensemble und das herausragende Mannheimer Orchester – komponierte, zu einem Psychodrama. Dieser Zugriff ist werkadäquat: Mozart vertonte das Libretto des Salzburger Hofkaplans Giambattista Varesco in einer politisch vorrevolutionären Phase, in der sich gesellschaftliche Umbrüche bereits abzeichneten – und auch im Musiktheater ihren Widerhall finden.

Mozart verschmolz die Ästhetik der italienischen Barockoper – als Signatur des Absolutismus – mit Glucks Reformideen und Elementen der „tragédie lyrique“. Durch den oft nahtlosen Übergang zwischen Rezitativ, Arie und Ensemble gewinnt die Handlung an Spannung und Dynamik; auch der Orchesterpart bleibt nicht bei Begleitung und Affektmalerei stehen, sondern wird zum dramatischen Motor: In Klangfarben, Rhythmik und mitunter kühner Harmonik werden seelische Zustände wie Angst, Hoffnung, Rache, Freude, Glückseligkeit und Verzweiflung wirklichkeitsnah ausgeleuchtet. Auch die Chöre treten handlungstreibend hervor; das „Kollektiv“, das aus ihnen spricht, erzeugt an Schlüsselstellen packende Momente.
Die Figurenzeichnung und die humanistisch inspirierte Konfliktlösung atmen bereits den Geist einer heraufziehenden neuen Zeit. Idomeneo, König von Kreta, hat Neptun im Seesturm ein Gelübde getan: Als Preis für seine Rettung soll er den ersten Menschen opfern, dem er nach der Landung begegnet. Am Strand ist es ausgerechnet sein Sohn Idamante – zudem umworben von Ilia und Elettra. Idomeneo zögert. Neptun schickt ein Ungeheuer über das Volk, das in seiner Bedrängnis auf der Erfüllung des Schwurs beharrt. Ilia ist bereit, sich zu opfern. Schließlich setzt ein „deus ex machina“ den Schlusspunkt: Die Liebe habe gesiegt. Idomeneo kommt vergleichsweise glimpflich davon – er muss abdanken, darf aber Idamante und Ilia inthronisieren. Allein Elettra bleibt enttäuscht und rasend zurück.
Henry Mason rückt in seiner Inszenierung – gemeinsam mit Ausstatter Jan Meier (Bühne und Kostüme) und Videogestalter Sven Stratmann – Gewalt, Kriegstrauma sowie reale Außen- und surreale Innenwelten in den Mittelpunkt. Fast alle Figuren werden dabei von ihrer eigenen kindlichen Unschuld begleitet: Stumme Kinder aus der Kinderstatisterie des Tiroler Landestheaters fungieren als Doppelgänger. Eine Ausnahme bildet Idomeneo, der vielmehr vom Schatten eines von ihm getöteten trojanischen Kindes verfolgt wird. Chor und Extrachor des Tiroler Landestheaters verstärken die gesungenen Inhalte häufig durch Pantomime und Slapstick – leider bisweilen mit allzu grobem Strich. Überhaupt ist mitunter sehr viel Personal in unruhiger Bewegung, was eher ablenkt, als den Blick zu bündeln.
Andererseits haben die Fülle und der Abwechslungsreichtum der Videozuspielungen, die das Bühnenbild dominieren, sowie etliche pointiert gesetzte Bühnenelemente eine unbestreitbare Sogkraft. Zu sehen sind realitätsnahe Impressionen von Natur und Architektur aus dem Mittelmeerraum; die Verwüstungen, die das Ungeheuer anrichtet, rufen unweigerlich Bilder der kriegsgezeichneten Stadt Aleppo auf. Neptun wiederum wird in den beinahe choreografiert wirkenden Massenkundgebungen des Chorkollektivs wie ein Diktator zelebriert. Die Idee der zerstörten Obduktionssäle kulminiert im Opferaltar, auf dem Idamante – Gott sei Dank – nicht wirklich zur Schlachtbank geführt wird. Auch die Kostüme, ein munteres Vielerlei aus imaginierter Antike, Barock, Fünfzigerjahre-Chic und Operettengenerälen, öffnen einen ganzen Assoziationsraum. Kurz: An Angebotsmangel leidet diese Inszenierung garantiert nicht.
Musikalisch überzeugt der Abend durchwegs. Als eigentliche Glanzfigur erweist sich Anastasia Lerman als Ilia: Sie zieht mit ihrem packenden Vortrag vom ersten Atemzug an in den Bann. Mit geschmeidiger Stimme modelliert sie jede Nuance, jede Regung der Figur und setzt in ihren Arien wie auch in den Ensembles immer wieder große, leuchtende Akzente.

Camilla Lehmeier präsentiert einen überzeugenden Idamante mit edlem, wohlgeformtem Timbre. Susanne Langbein, die in der Innsbrucker Produktion von 2011 die Ilia sang, brilliert diesmal als Elettra mit einem dynamisch zugespitzten, spannungsvollen Vortrag. Dovlet Nurgeldiyev gestaltet den Idomeneo mit sonorem, sattem, warmem Klangfundament. Jason Lee (Arbace und Neptuns Oberpriester) sowie Oliver Sailer („Die Stimme“ und Neptun) ergänzen das Ensemble trefflich.
Ein Pauschallob verdienen die Chöre und das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der Leitung seines Chefdirigenten Gerrit Prießnitz: In beredter Klangsprache breitet es die Fülle seiner Register und Farben aus – und vermittelt Mozarts Spirit mit Esprit und Musikalität.
Thomas Nußbaumer, 20. Februar 2026
Besonderer Dank an unsere Freunde und Kooperationspartner vom MERKER-online
Idomeneo
Wolfgang Amadeus Mozart
Tiroler Landestheater
14. Februar 2026 – Premiere
Regie: Henry Mason
Dirigat: Gerrit Prießnitz
Tiroler Symphonieorchester Innsbruck