Herr Aschenbrödel heiratet einen Fußballer!
Gott bewahre Künstler vor großen, runden Jubiläen, auf die sich alle stürzen. Die Tantiemen-Pflicht ist abgelaufen, und offenbar stürzt sich absolut jeder auf den Gefeierten, um sich an dem Genie abzuarbeiten. Johann Strauss war so unvorsichtig, vor 200 Jahren geboren zu werden, und musste deshalb heuer an Wiener Institutionen schon viel leiden. Dabei steht ihm die „queere“ Fledermaus von Lotte de Beer noch bevor…

Aber einen Vorgeschmack gab es an ihrer Volksoper bereits mit „Aschenbrödels Traum“. Dass man das noch erleben darf, dass Herr Aschenbrödel (wenn Frauen dauernd Männer spielen, geht es ja auch andersrum) einen Fußballer heiratet! Da tobt die woke Community vor Glück, und sie war offenbar vollzählig in der Volksoper versammelt, um der Premiere, die auch eine Uraufführung war, stürmische Begeisterung zu zollen.
Was hat man nun gesehen? In der Kunst hat Arnulf Rainer es vorgemacht – eine berühmte Vorlage nehmen, darüber kritzeln, und eine willige Medienwelt wird das Ergebnis zum Kunstwerk erklären. Vielleicht schaffen das die Komponistin Martina Eisenreich und der Autor Axel Ranisch mit ihrer „Märchenoperette, inspiriert von Johann Strauss“ auch. Dieser wollte, wie man hört, noch kurz vor seinem Tod 1899 ein „Aschenbrödel“-Ballett komponieren, das allerdings Fragment blieb. Wie viel man davon an dem Volksopernabend hört, ist nicht klar, hie und da blitzen wohl bekannte andere Melodien von ihm auf, aber grundsätzlich ging es der Komponistin darum, die Orchestrierung nach allen Regeln der Kunst so dissonant ausfallen zu lassen, dass die Ohren schmerzten. Denn die Schönheit in der Musik habe abzudanken, meint sie. Meint vielmehr Ida Grünwald (Juliette Khalil, lebhaft, entschlossen, sehr feministisch), die einen Teil der dreischichtigen Handlung trägt. Diese spielt 1898 in Wien, und sie will sich an dem Wettbewerb des Ballett-Librettos für Johann Strauss bewerben. Dieser steigt dafür – ganz in Gold natürlich – von seinem Denkmal-Sockel im Stadtpark herab und darf in Gestalt von Daniel Schmutzhard auf der Vergangenheits-Ebene sein eigener Held sein.
Ebene zwei spielt 2025 in Wien, da zieht die zickige Miss Alice mit ihren beiden Töchtern und Stiefsohn Aschenbrödel (Oliver Liebl als sympathischer Junge) in die Wohnung ein, in der einst Ida lebte, und so kann Aschenbrödel am Dachboden das Libretto für das „Aschenbrödel“-Ballett finden.
Ebene drei ist dann die Handlung des Balletts (das trotz der Choreografie von Alex Frei nie wirklich als solches wirkt). Aschenbrödels Stiefmutter und Stiefschwestern sind wieder da, Ruth Brauer-Kvam darf zeigen, was sie kann, und das ist eine Menge, während Johanna Arrouas und Julia Koci als die Schwestern fast leer ausgehen, was ihre Wirkungsmöglichkeiten betrifft. Hier geht es dann, kaum interessant, um die Liebschaft von Grete (Mila Schmidt) und Leon (Aleksandar Orlić), während Aschenbrödel in der Gegenwart sich in seinen Fußballer (Lionel von Lawrence) verliebt.

Ist das Ineinander der drei Ebenen schon ein undurchdringliches und folglich ermüdendes Chaos, verschlimmert durch ein Gerümpel-Bühnenbild von Falko Herold, da noch Jakob Semotan in einer Doppelrolle. Und besonders überflüssig ist es, in zwei gegenüberliegenden Logen einen Operndirektor (Daniel Ohlenschläger) und einen Kritiker (Stefan Wancura) aufeinander einpecken zu lassen, die vielleicht Gustav Mahler und Eduard Hanslick sein sollen und nur dazu dienen, das Ganze angeberisch auf eine intellektuelle Höhe zu heben, mit der die Kinder im Publikum sicherlich und die Erwachsenen vermutlich auch nichts anfangen können…
An dem Libretto von Axel Ranisch, der es zur Strafe auch inszenieren musste, verwundert nur, dass jemand etwas so Wirres abliefern konnte und es dennoch auf eine Bühne bringen durfte. Ähnliches gilt von der Musik des Abends.
Johann Strauss wird froh sein, wenn sein „Jubiläumsjahr“ vorbei ist und er wieder in Ruhe – ruhen darf. Und manchem erklärten Fan seiner Werke geht es vermutlich genauso.
Renate Wagner, 30. November 2025
Aschenbrödels Traum
Märchenoperette von Martina Eisenreich und Axel Ranisch
inspiriert von Johann Strauss
Volksoper Wien
Uraufführung und Premiere: 29. November 2025
Choreografie: Alex Frei
Regie: Axel Ranisch
Musikalische Leiung: Leslie Suganandarajah
Symphonieorchester der Volksoper