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Theater Chemnitz

 

http://www.theater-chemnitz.de/

 

 

 

 

Aufführung am 16. 3.2017

Mit stupender Beharrlichkeit geht es der Operette seit einiger Zeit ans Leder, häufig wird sie als überlebt diffamiert, ihr gar ein Tod auf Raten prophezeit. Diesen Schwarzsehern boten nunmehr der renommierte Komponist Benjamin Schweitzer und dessen Librettist Constantin von Castenstein eine Steilvorlage, indem sie der gescholtenen Gattung mit ihrer jüngsten Schöpfung quasi ein Begräbnis erster Klasse bereiteten. Als Ausgangspunkt dienten ihnen die diversen Finanzcrashs unserer Tage, und somit gewähren sie ihren beiden historisch belegten Anti-Helden John Blunt und George Caswall eine Art Zeitreise, die die beiden Gauner aus der Gegenwart, hernach assistiert von den Damen Pandora und Lady Hamilton, nach England (18. Jahrhundert) und Holland (17. Jahrhundert) katapultiert, wo sie als Chefs der South Sea Company und später mit der von ihnen initiierten Tulpen-Blase samt den auf sie Setzenden beträchtlichen Schiffbruch erleiden.

Bertolt Brecht und Kurt Weill hätten sich gewiss mit Vergnügen auf eine solche Vorlage gestürzt. Leider führt uns die als Uraufführung in Chemnitz herausgekommene „Operette“ schmerzlich vor Augen, dass deren Autoren weder dem gewieften listigen Augsburger noch dem in allen musikalischen Sätteln beheimateten Dessauer das Wasser reichen können. Bevor wir an den titelgebenden zarten Geschöpfen Floras schnuppern können, müssen wir einen sich ziemlich atonal gebenden 1. Akt überstehen, dem auch das letzte Quäntchen eines nur ansatzweise überzeugenden musikalischen Einfalls abgeht. Nach der Pause schleichen sich dann einige für das Orchester dankbare spätromantische Reminiszenzen in das ermüdende Klangbild ein, soll sich eine bemühte Parodie auf Leporellos Registerarie witzig ausnehmen. Dieser minimale Ausflug ins Unterhaltsame wurde jedoch umgehend mit einem sich bis zum Geht-nicht-mehr dahinschleppenden Holzschuhtanz in sein Gegenteil verkehrt. Verbürgte historische Persönlichkeiten lassen sich z. T. nur identifizieren, wenn man die damit betrauten Darsteller seit Jahren von der Bühne her kennt.

„Wer die Operette liebt, wird sich an den witzigen Dialogen und einigen hinreißenden musikalischen Zugnummern erfreuen, aber auch erfahren, was Operette noch alles kann.“ (Benjamin Schweitzer). Schade nur, wenn dem Rezensenten besagter Witz weitgehend verborgen blieb, er die sogenannten Zugnummern suchte wie die Nadel im Heuhaufen und konstatieren musste, was die Autoren alles (noch) nicht können. Immerhin darf man den Chemnitzer Theaterleuten eine Aufführung attestieren, die alles unternahm, diesem zweifelhaften Musenkind zumindest einen Achtungserfolg zu bescheren.

Regisseur Robert Lehmeier zeichnete gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Tom Musch für eine Inszenierung verantwortlich, die ein bestens funktionierendes Theater auf dem Theater gewährte, die Möglichkeiten der Drehscheibe raffiniert einbezog und alle Darsteller, einschließlich der von Stefan Bilz einstudierten Damen und Herren des Chores, zu, soweit dies die Vorlage einräumte, plausiblen Aktionen anregte. Die historisch fein nachempfundenen Kostüme steuerte Ingeborg Bernerth bei. Auch Choreograph Danny Costello legte Wert auf rasanten tänzerischen Einsatz, bei dem erwähnten Holzschuhtanz allerdings ein aussichtsloses Unterfangen.

Zu den Positiva zählte ferner das beispielhafte Engagement aller Solisten für eine kaum zu gewinnende Schlacht. So gaben Reto Raphael Rosin und Andreas Kindschuh als die beiden Finanzjongleure zwei ausgebuffte Schlitzohren, die das Negative der Figuren beträchtlich in den Hintergrund drängten und ihre musikalisch unergiebigen Aufgaben mit Spielwitz konterten. In den Part der Lady Hamilton teilten sich seit der Premiere Sophia Maeno (Gesang) und Sylvia Schramm als Darstellerin. Als aparte Pandora gefiel Sylvia Rena Ziegler. Hans Gröning präsentierte sich mit rauhem Bariton als Sir Harley und Peter Stuyvesant. Vertretern des hauseigenen Ensembles blieben zahlreiche kleinere Parts vorbehalten. Als stummer Gast gewann die königliche Hündin Hariett Lady of Orplid die ungeteilte Sympathie des Auditoriums. Ekkehard Klemm, gebürtiger Chemnitzer und ausgewiesener Anwalt zeitgenössischer Musik, hatte die musikalische Leitung übernommen und waltete mit beispielhafter Sorgfalt seines, in diesem Fall gewiss nicht überregionalen Erfolg verheißenden Amtes.

Gewiss bedeutete die Klassifizierung dieser „Südseetulpen“ als Operette einen gehörigen Etikettenschwindel. Es wäre jedoch voreilig, Misslungenes mit dem Tod der Gattung gleichzusetzen.

Biulder (c) Theater Chemnitz / Dieter Wuschanski

Joachim Weise 26.3.2017

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online

 

 

 

am 13.11.2016

Bühnenhohes graues Gemäuer grenzt den Vorplatz des kaiserlichen Palastes ein. In den Schießscharten ähnelnden Aussparungen des Mauerwerks sind die abgeschlagenen Häupter der  glücklosen Freier Turandots postiert. Später erweitern sich diese Nischen, um den Weisen des Landes Platz einzuräumen, die als Schiedsrichter der bislang für die Kandidaten stets letal verlaufenen Rätselshow fungieren. Bei jeder richtigen Antwort des Prinzen senken sich in die Farben Rot und Weiß getauchte meterlange Tücher aus diesen Fenstern zu Boden, das Einheitsgrau muss sich geschlagen geben. Hatte eingangs der Mandarin (Matthias Winter mit kraftvollem Bariton) den bevorstehenden Tod des jungen Persers angekündigt, bestimmen hernach die Vorbereitungen auf diese Hinrichtung äußerst wirkungsvoll en detail die Szene.

Als der gleißende Mond und der überdimensionale Gong ihre Dienste verrichtet haben, geben sie den Blick frei auf ein mit Eis versehenes Rund, aus dessen Mitte Turandot gleich einer Schneekönigin den nächsten Freier ins Auge fasst. Eine steil aufsteigende, sie von Calaf trennende Schräge versinnbildlicht angestrebte Distanz. Nach jeder gelösten Frage die Schräge von beiden Seiten minimierende Stufen brechen diesen  Abstand nahezu auf. Und über all dem thront  Altoum, der Sohn des Himmels, quasi von diesem an Seilen herabgleitend und auf halber Bühnenhöhe über dem Geschehen schwebend – eine Marionette nur? Dem widerspricht die von Edward Randall der Figur verliehene feste tenorale Kontur, die bei weitem keinem Greise ähnelt. Vielleicht wollte Regisseur Hinrich Horstkotte (in Personalunion auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich) sich aber auch nur einen Seitenverweis auf sein ausgesprochen inniges Verhältnis zum Figurentheater erlauben?

Das bisher Beschriebene verdeutlicht, wie genau und überzeugend die Regie das Werk befragt hat und mit ihren Antworten dem Publikum keineswegs einen Bären aufbinden möchte. Wenn trotzdem einige Ungenauigkeiten zu konstatieren sind, mindern diese den Wert der Inszenierung allenfalls marginal. So verwundert, wenn Liu (von Maraike Schröter vokal in allen Belangen beispielgebend gemeistert) während ihrer ersten Arie derart auf den Präsentierteller gelotst wird, dass jedermann ihre Beziehung zu Calaf wahrnehmen muss. Außerdem dürfte manchem Betrachter die dank Hydraulik in eine Art Hexenküche verlagerte umfangreiche Szene der drei Minister  (André Riemer, Hubert Walawski, Andreas Kindschuh) sauer aufstoßen, wo mit dem Grauen nach britischem Muster Tollerei getrieben und aus den Gebeinen eines verblichenen Freiers ein fragwürdiger Sud angerichtet wird. Immerhin hatten die beteiligten Herren mit nimmer nachlassendem Spieleifer vollauf zu tun. Und wenngleich ich von dem Gebräu nicht naschen möchte, fand ich dessen Zubereitung recht unterhaltsam. Zweifelsfrei kann man über die sich einem Happy-End verweigernde Anlage des Finales (gegeben wurde die ungekürzte Alfano-Fassung) geteilter Meinung sein. Turandot ersticht den sie begehrenden Mann und danach sich selbst. Ist sie der Annahme, weder mit ihm noch ohne ihn leben zu können? Auch Puccini war sich eines überzeugenden Schlusses durchaus nicht sicher. Hier hätten einige konzeptionelle Gedanken im Programmheft oder zur Einführung dem Publikum gewiss hilfreich sein können.

Unter der anfeuernden Leitung von Felix Bender bot die ihm willig folgende Robert-Schumann-Philharmonie eine Puccini-Interpretation von bestechendem Niveau. Da wurden weder die brutal zupackenden Seiten noch die innigen Momente der Partitur vernachlässigt. Blech (ohne Patzer) und Schlagwerk feierten ihren großen Tag, Holz und Streicher brachten sich gleichermaßen inspiriert ein. Dennoch lief dieses überaus heißblütige Musizieren an keiner Stelle Gefahr, die Solisten zu übertönen. Klangvoll und von Stefan Bilz bestens präpariert meisterte der erweiterte Chor des Hauses seine nicht zu unterschätzenden Aufgaben.

In der Titelpartie war Morenike Fadayomi zu erleben, die den Wandel von der die Show dominierenden Diva zu einer tief verunsicherten Frau glaubwürdig nachvollzog. Den extremen Ansprüchen des Puccinischen Schwanengesanges erwies sie sich vollauf gewachsen, nahm den Zuschauer ebenso mit einem perfekten Forte für sich ein, wie sie andererseits der Wandlung zur liebenden Frau stimmlich emotionale Schattierungen beimengte. Als Timur stellte sich mit MagnusPiontek ein neues Ensemblemitglied vor, dessen sonorer Bass keine Wünsche offen ließ. Leider fiel der Sänger des Calaf (sein Europa-Debüt) gegenüber diesen Leistungen doch beträchtlich ab. JeffreyHartmans baritonal  gefärbtem Tenor mangelt es an dem erforderlichen Glanz und der Durchschlagskraft für diese Aufgabe. Sein eher beiläufig interpretiertes „Nessun dorma“ geriet ihm zwar ohne nennenswerte Schwierigkeiten, entbehrte jedoch einer gefühlsmäßig ansprechenden Wiedergabe.

Joachim Weise 28.11.2016

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

Bilder (c) Theater Chemnitz

 

 

Ausfall in der Hauptrolle

DIE TOTE STADT

Premiere am 25.10.2014                 

Eine gelungene Inszenierung mit Problemen beim Gesang

"Die tote Stadt" von Erich Wolfgang Korngold ist das einzige Stück des Komponisten, das man regelmäßig auf den Spielplänen deutscher Theater finden kann. Das liegt wohl an mehreren Problemen, zum einen an der  Verworrenheit des Stückes, zum anderen an der schweren Besetzbarkeit der beiden Hauptrollen.

Die Handlung ist leicht zusammenzufassen:  Der Tenor (Paul) ist Witwer und findet sich mit dem Tod seiner Frau nur bedingt ab. In seiner Wohnung hat er ihr einen Schrein errichtet, inklusive Garderobe und Haare der Verstorbenen. Als er nun auf die Tänzerin Marietta trifft, die seiner Frau Marie zum Verwechseln ähnelt, wächst in ihm Hoffnung auf ein erneutes Aufleben seiner Gefühle. Das kann natürlich nicht funktionieren und letztendlich erwürgt Paul Marietta, weil diese von ihm die Loslösung von der alten Liebe fordert. Paul erwacht - es war alles geträumt - und er beschließt, von seinem Traum belehrt, die tote Stadt (Brügge) zu verlassen. Das Ganze ist von vielen Symbolen durchsetzt (Engel, religiöse Prozessionen und Meyerbeer-Proben), so dass das Stück musikalisch und szenisch für jedes Haus eine große Herausforderung darstellt.

Chemnitz stellt sich dieser mutig - kann aber leider nur teilweise überzeugen. Auf der "Haben-Seite" sind die Inszenierung von Helen Malkowskys und die musikalische Leitung von Frank Beermann zu nennen. Malkowsky inszeniert die Oper in einem kargen, grauen Raum, ohne Fenster und Tapete (Bühne: Harald B. Thor). Bis auf ein Bett, eine Kleiderstange und einem Diaprojektor ist die Bühne leer. Dieses Zimmer wird als Ausgangspunkt für die (Alb)-Träume Pauls genutzt und kann vielfältig verändert werden. Die Operntruppe im zweiten Akt "schwimmt" mit einer großen Gondel auf die Bühne, von den Wänden läuft Wasser herab, und als großer Höhepunkt ist das Zimmer im dritten Akt überflutet; die Sänger laufen auf Wasser. 

Die Kostüme von Tanja Hofmann versetzen die Charaktere in ein zeitloses Umfeld; schlicht bei den Hauptakteuren, etwas bunter bei den Schaustellern. Durch die Kombination aus Wasser, Licht, Videoprojektionen und Kostüm kommt so eine surreale Stimmung auf, die zu verzaubern weiß. Niemals rutscht es ins Vulgäre oder Geschmacklose, die dargebotenen Bilder und Szenen sind stets ästhetisch und geschmackvoll. Alles in allem eine Inszenierung, von der man sich "abholen" lassen kann. Man bekommt das Stück stringent erzählt und Bilder vor Augen geführt, die gefallen können.

Genauso filigran und präzise agiert die "Robert-Schumann-Philharmonie" unter Frank Beermann. Niemals ist es zu laut, die Einsätze sind punktgenau, die Akzente scharf und aufbrausend. Man hat nicht den kleinsten Moment das Gefühl, einen Sänger zugedeckt zu hören. Dieser Klangteppich sei Beermann hoch anzurechnen und zeigt, dass die "Robert-Schumann-Philharmonie" sich nicht hinter renommierteren Orchestern verstecken muss. Die Chance, die sich dank eines solchen Dirigats für einen Sänger böte, wird aber leider nur von einem der drei Hauptakteure genutzt, nämlich dem Bariton Klaus Kuttler als Frank / Fritz. Dieser lässt seinen klangschönen Bariton ohne jeden Makel im Legato in den Raum strömen und lässt den Zuschauer jede Note seines Vortrags genießen. Zusätzlich extrem textverständlich agiert er genauso natürlich auf der Bühne und liefert so den gesanglichen Höhepunkt dieses Abends.

Bei den beiden anderen Hauptrollen hingegen sieht es deutlich schlechter aus. Marion Ammann als Marietta bietet keinen "Strauss-Schmelz", keine melancholischen Bögen für "Glück das mir verblieb" und auch keine deutlichen Forte-Akzente. Stattdessen singt sie mit festem, unflexiblem Sopran, die Mittellage wird oft gesprochen, die Höhe meist mühsam gestemmt und dadurch für den Zuhörer nicht immer angenehm. Dennoch hört man über weite Strecken ihr Bemühen die Figur angemessen zu interpretieren, und schauspielerisch liefert sie mehrere Momente, die man zumindest optisch gerne zur Kenntnis nimmt.

Der Ausfall des Abends ist aber Niclas Oettermann als Paul. Zugegeben, er wurde als Einspringer erst sechs Tage zuvor in die Inszenierung "geworfen". Aber hat stimmlich die hohen Anforderungen der Rolle überhaupt nicht erfüllt: eine Fehlbesetzung. Sein Tenor ist ohne Glanz, ohne Legato und ohne Fokussierung. Kein einziger Vokal ist deutlich zu erkennen, und insgesamt klingt die Diktion so verwaschen, dass man nicht glauben möchte, einen deutschen Sänger zu hören. Er hat mit der Pertie zu kämpfen, deren hohe Tessitur bricht ihm (wortwörtlich) den Hals bricht. Viele Noten brachen und kratzten oder stürzten komplett ein. Tiina Penttinen singt die kurzen Auftritte ihrer Brigitta überzeugend und solide und agiert auf der Bühne sicher. Das Quartett der Schausteller bestehend aus Juliette (Guibee Yang), Lucienne (Carolin Schumann), Victorin (André Reimer) und Graf Albert (Edward Randall) setzt einen weiteren kleinen musikalischen Lichtblick. Gut geprobt, sehr ausgewogen und spielfreudig nutzen die vier jede Note ihres kleinen Auftritts im zweiten Akt. Der Chor, einstudiert von Simon Zimmermann ist nur im dritten Akt sichtbar, singt aber präzise, sauber und veredelt zusätzlich die Szene.  

So ergibt sich die Frage, ob man überhaupt ein Stück von der Schwierigkeit der toten Stadt auf den Spielplan setzen muss, wenn man die passenden Hauptakteure nicht zur Verfügung hat. Denn auch mit einer Umbesetzung der Hauptpartie darf so ein musikalischer Ausfall nicht passieren. 

Insgesamt gerade sängerisch leider deutlich unter dem Niveau, was man sonst von Chemnitz gewohnt ist.  

Thomas Pfeiffer, 27.09.2014                  Foto Copyright: Dieter Wuschanski

 

 

 

FUNNY GIRL

Musical von Jule Styne

Premiere: 3. Mai 2014

Chemnitz_Funny Girl 008
Frederike Haas spielte, tanzte und sang die Titelrolle

 Am Theater Chemnitz hatte am 3. Mai 2014 in Koproduktion mit dem Theater Dortmund und dem Staatstheater Nürnberg „Funny Girl“ von Jules Styne Premiere. Das Libretto des Musicals, das auf eine wahre Geschichte zurückgeht und in deutscher Sprache (Übersetzung: Heidi Zeming) gezeigt wird, verfasste Isobel Lennart, die Songtexte stammen von Bob Merrill. Die Uraufführung in Boston im Jahr 1964 mit der jungen Barbra Streisand als Fanny Brice wurde ein sensationeller Erfolg, sodass das Musical postwendend an den Broadway ging und dort bis Juli 1967 insgesamt 1348 Vorstellungen erlebte. Die Verfilmung mit Barbra Streisand und Omar Sharif als Nick Arnstein wurde mit einem Oscar ausgezeichnet und zählt inzwischen zu den Klassikern der Filmgeschichte.

 Die Handlung: Die Revuelegende Fanny Brice bereitet sich in ihrer Garderobe auf ihren Auftritt vor und lässt ihre Vergangenheit an sich vorbeiziehen. Als sie vor zehn Jahren noch in ärmlichen Verhältnissen lebte, träumte sie, ein Showstar zu werden. Als es ihr mit Hilfe ihrer Mutter gelingt, im Theater eine Solonummer zu bekommen, begegnet sie nach der Premiere Nick Arnstein, der auf sie mit seiner charmanten Art einen tiefen Eindruck hinterlässt. Sie hat Erfolg und erhält bald einen Vertrag bei den legendären Ziegfeld Follies. Nach der erfolgreichen Premiere gesellt sich auch Nick Arnstein zu den Gratulanten. Sie lädt ihn kurzerhand zur Premierenparty, die ihre Mutter daheim veranstaltet, ein und verliebt sich in ihn. Nick muss allerdings noch in der Nacht abreisen, um sich seiner Pferdezucht in Kentucky zu widmen. Monate später taucht er in Baltimore unerwartet auf und erobert Fanny endgültig, worauf sie das Ensemble verlässt, um Nick zu heiraten. – Fanny bekommt ein Baby und Nick kauft ein Haus auf Long Island, das Familienglück scheint perfekt. Als Nick in Florida ein Spielcasino zu eröffnen plant, sucht er hiefür Geldgeber. Als Ziegfeld eine Beteiligung ablehnt, investiert Fanny den Großteil ihres Vermögens. Doch der Plan scheitert an einem Hurrikan, der das Casino hinwegfegt. Zwar versucht Fanny, ihm wieder finanziell unter die Arme zu greifen, doch Nick fühlt sich in seiner Ehre gekränkt und lässt sich auf ein dubioses Schuldscheingeschäft ein, wird des Betrugs überführt und zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Als er entlassen wird und Fannys Garderobe betritt, gibt es kein Happyend. Beide müssen feststellen, dass sie weiter voneinander entfernt sind, als je zuvor.

Stefan Huber orientierte sich bei seiner Inszenierung wohl nach amerikanischen Vorbildern und schuf eine flotte Tanzrevue, bei der sich das Tanzensemble bestens in Szene setzen konnte und dabei auch von der kreativen Choreographie (Danny Costello) profitierte. Die Gestaltung der Bühne, wo auch eine Treppe nicht fehlen durfte, oblag Harald B. Thor, die hübschen, teils pompösen Kostüme entwarf Susanne Hubrich.

Dass es eine Vorstellung für Schwerhörige würde, war zu befürchten. Das Orchester, die Robert-Schumann-Philharmonie, spielte unter der Leitung von Tom Bitterlich zeitweise so laut, dass „Ohrenschützer“ notwendig gewesen wären. Leider hat diese Unsitte inzwischen bei fast allen Musical-Produktionen Platz gegriffen, nicht nur in Deutschland! Nebeneffekt war, dass fast alle Sängerinnen und Sänger ihre Arien schrien, obwohl sie ohnehin mit Wangenmikrophonen ausgestattet waren. Dass Lautstärke kein Qualitätsmerkmal ist, sollte sich eigentlich bereits herumgesprochen haben.

Frederike Haas spielte die Titelrolle, den Revuestar Fanny Brice, mit heftiger Leidenschaft und großem Temperament. Hätte der Dirigent die Lautstärke des Orchesters bei ihren Arien zurückgenommen, wären vermutlich ihre „Stimmkrücken“ überflüssig gewesen! Matthias Otte gab die zweite Hauptrolle, den elegant-charmanten Nick Arnstein. Auch er war schauspielerisch sehr gut – mit ausdrucksstarker Mimik und angenehmer Stimme. Gabriele Ramm, eine Vollblut-Musicaldarstellerin – sie spielte einst auch an der Wiener Volksoper – gab Fannys Mutter Rose. Sie legte ihre Rolle sehr humorvoll und komödiantisch an. Desgleichen Marc Seitz als Eddie Ryan, Fannys Freund und Choreograph am Theater, der auch tänzerisch seine Qualitäten unter Beweis stellen konnte. Der elegante, großgewachsene Bariton Matthias Winter spielte Florence Ziegfeld jr., den Eigentümer der legendären Ziegfeld Follies souverän und sympathisch.

Aus dem großen Ensemble, das durch ambitionierten Einsatz für den Erfolg der Produktion seinen Anteil hatte, seien noch genannt: Sylvia Schramm-Heilfort, Monika Straube, Kerstin Randall, Susanne Müller-Kaden und Ute Geidel genannt, die alle in mehrfachen Rollen (bis zu fünf!) auf der Bühne standen.

 Das Premierenpublikum war von den Leistungen der Akteure angetan und belohnte alle Mitwirkenden sowie das Regieteam minutenlang mit starkem, rhythmischem Applaus. Für Frederike Haas, die Darstellerin der Titelrolle, gab es einige Bravorufe.

Udo Pacolt 27.5.14

Foto: Dieter Wuschanski

 

DIE HERZOGIN VON MALFI

Besuchte Aufführug: 23.03.13

Kann man ein blutrünstiges Drama wie John Websters „Die Herzogin von Malfi“ heute unkritisch als Oper vertonen? Das Werk des Shakespeare-Zeitgenossen ist ähnlich wie „Titus Andronicus“ ein Mord- und Totschlag-Spektakel im Stile von „Pulp Fiction“, das man heute kaum noch ernst nehmen kann. Trotzdem hat der Dresdner Komponist Torsten Rasch aus dem Schauspiel eine Oper gemacht, die 2010 von der English National Opera uraufgeführt wurde. Die deutsche Erstaufführung brachte jetzt das Theater Chemnitz in einer Inszenierung von Dietrich Hilsdorf heraus.

Nach dem Tod ihrs ersten Ehemanns wird die Herzogin von Malfi von ihren beiden Brüdern Ferdinand und Ludovico gezwungen einen Eid abzulegen, nie wieder zu heiraten. Die Herzogin bricht den Schwur aber noch in der gleichen Nacht und heiratet ihren Haushofmeister Antonio, mit dem sie drei Kinder bekommt. Der Söldner Bosola spioniert die Herzogin aus und verrät sie an ihre Brüder, welche die Familie der Herzogin ermorden lassen. Zwischendurch wird Bruder Ferdinand noch zum Werwolf. Zum blutigen Showdown erwürgen die Brüder ihre Schwester, bevor sie und Bosola sich gegenseitig umbringen. Als Nebenfigur gibt es noch die Prostituierte Julia, die von den Brüdern besucht und natürlich auch ermordet wird. Fazit: Am Ende sind nicht nur alle Hauptfiguren tot, sondern auch diverse Statistenrollen überleben diese Oper nicht.

Komponist Torsten Rasch, der schon 2008 an der Kölner Oper mit „Rotter“ scheiterte, kann auch mit diesem Stück wenig anfangen: Man hätte eine Musik der großen Leidenschaften erwarten können, in welcher das absurde Handeln der Figuren vielleicht glaubwürdig werden würde, oder eine grelle Überzeichnung, welche der Gewaltspirale ein ironisches Augenzwinkern im Stile von „Punch and Judy“ geben würde. Rasch tut nichts von beidem, sondern schreibt eine Musik, die emotionslos dahin plättschert. Wenn am Beginn langsame und schemenhafte Holzbläsersoli ertönen, glaubt man noch, dies sei ein vorsichtiges Herantasten in das Werk, doch Rasch tastet sich fast die ganze Oper am Stück und den Figuren vorbei.

Lediglich bei der aberwitzigen Coutertenor-Rolle des Ferdinand, den Iestyn Morris mit virtuoser Souveränität singt, dreht auch das Orchester auf. Hier schreibt Rasch dann aber einen polyphon-überdrehten Orchestersatz, der total überladen wirkt. Große Gefühle und Aufschwünge verweigert Rasch seinen Figuren, sodass die Musik ermüdend und langweilig wird. Zudem passt sie gar nicht zu den Grausamkeiten, die hier erzählt werden und die auch Regisseur Dietrich Hilsdorf auf die Bühne bringt.

Dietrich Hilsdorf orientiert sich in seiner Inszenierung mehr an Websters Drama als an Raschs Komposition, bringt ein bilderstarkes Theater im Stile der Händel-Oratorien auf die Bühne, die er in Bonn und Essen inszeniert hat. Maßgeblich geprägt wird die Aufführung von den am Barock orientierten Kostümen Renate Schmitzers und den beeindruckenden Räumen Dieter Richters, der hier drei Szenarien entworfen hat: Einen großen Palastsaal mit schmuckvoller Wandtapete, die schäbige Absteige der Prostituierten Julia und eine nackte Ziegelmauer mit dem Skelett eines Gehängten, in dem Ferdinand seine Wahnsinnsanfälle bekommt.

Der Chemnitzer Generalmusikdirektor Frank Beermann beschränkt sich am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie weitgehend auf das Schlagen des Taktes und entlockt der Musik keinerlei emotionale Regung, während sich das Sängerensemble, soweit das hier möglich ist, um die Glaubhaftigkeit der Figuren bemüht. Tiina Penttinen singt die Titelpartie mit lyrischem Sopran als geschundene Kreatur auf der Suche nach Glück. Sarah Yorke verkörpert mit dramatischen Klängen die Prostituierte Julia. Kräftige Bariton-Schurken geben Kouta Räsänen als Bruder Lodovico und Andreas Kindschuh als Bosola ab. Dass bis auf Herzog Ferdinand die fünf weiteren Figuren nur von stummen Statisten und Schauspielern gemimt werden, ist auch ein Manko dieser Oper. Mit stummen Personen fühlt man in der Oper nicht mit.

„Die Herzogin von Malfi“ hat in dieser Vertonung nichts auf der Opernbühne zu suchen und hat man würde sich wünschen, dass die Chemnitzer Oper ihre Energien für eine hörenswerte Komposition eingesetzt hätte.

Rudolf Hermes

 

 

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