Hamburg: „Hoffmanns Erzählungen“, Jacques Offenbach

Die Kritik war bislang nicht immer gnädig mit Daniele Finzi Pascas bildstarker Inszenierung von Offenbachs opéra fantastique „Les Contes d´Hoffmann“ in der Hamburger Staatsoper, die seit der Premiere am 4. September 2021 mit unterschiedlicher Besetzung aufgeführt wird.

© Monika Rittershaus / 2021

Liegt es daran, daß der Schweizer Regisseur vom Zirkus kommt und man von Vornherein irgendwas Akrobatisches, Clowneskes und zu Buntes erwartet? Nun ist Pasca aber nicht irgendein Zirkusregisseur – er hat unter anderem eine Show des weltberühmten „Cirque du Soleil“ inszeniert und 2006 sowie 2014 die Abschlußfeiern der Olympischen Spiele geleitet. Das zu den Dimensionen seines Könnens.

In der Tat wird viel geflogen in dieser Produktion, will sagen: immer wieder schweben Figuren an Drahtseilen durch die Szenerie, es wird mit Illusionen gespielt, die aber immer als solche zu erkennen und damit handlungsfunktional sind, und vor allem gibt es fantastische Szenerien, die wie guter Zirkus in eine andere Welt entrücken. Damit es aber nicht beim Kinderstaunen mit großen Augen bleibt, braucht es eine gute psychologische Analyse der Handlung und deren Umsetzung.

Das inhaltliche Konzept, eine aufmerksame Personenregie, die einfallsreichen Kostüme von Giovanna Buzzi und ein bezauberndes Bühnenbild von Hugo Gargiulo bilden gut aufeinander abgestimmt ein schlüssiges Gesamtkunstwerk, das am 7. Juni durch eine Weltklasse-Besetzung mit Pretty Yende, Matthew Polenzani und Erwin Schrott einem begeisterten Publikum einen erstklassigen Opernabend schenkte.

© Monika Rittershaus / 2021

Um Illusionen und Projektionen geht es ja ohnehin in Offenbachs Rezeption von E. T. A Hoffmanns Erzählungen „Der Sandmann“, „Rat Krespel“ und „Die Abenteuer der Sylvester-Nacht“, die auf die Künstlerpersönlichkeit des Protagonisten zugeschnitten ist und gleichsam einen Fokus bildet, der die Grenzen zwischen dem verehrten Autor und dem literarischen Ich verschwimmen lässt.

Das Changieren zwischen verschiedenen Ebenen charakterisiert diese Inszenierung und damit rückt die Darstellung und Interpretation sehr nah an das literarische Vorbild. Manchmal sind es aber auch einfach reizvolle Ideen wie die Kleidung des Chores bzw. der Statisten in den einleitenden und abschließenden Kneipen-Akten. In dem an eine glamouröse Bar der 20er erinnernden Interieur spielen Damen und Herren abwechselnd die Rollen des Personals und der Gäste, was funktioniert, weil die eine Hälfte der Kleidung als Uniform, die andere als Alltagskleidung gestaltet ist – jeweils in der Seitansicht wirken sie so wie Ober und Servierdamen oder eben als feiernde Barbesucher.

In der Deutung weitergehend ist die Kostümierung der Festgäste im Olympia-Akt bei Spalanzani (und bereits im Eingangschor), denn diese tragen Schwesterntracht und Arztkittel. Man ist an die psychiatrische Anstalt in „Einer flog über das Kuckucksnest“ erinnert, schließlich befindet sich der Protagonist hier in einer seelischen Ausnahmesituation.

© Monika Rittershaus

Die gigantische Spieldose macht klar, dass nicht nur Olympia ein täuschend gut gemachtes Spielzeug und Illusions-Instrument ist, sondern dass der nach seiner Idealfrau suchende Hoffmann in einer Parallelwelt gelandet ist: Ein vertracktes Zusammenspiel aus dem Werk seines manipulativen Gegenspielers und seinen eigenen Projektionen schafft so eine glitzernde, trügerische Scheinwirklichkeit.

Ähnlich unwirklich als Frau ist die Sängerin Antonia, denn die ist ebenso ein Schmetterling und damit Sammelstück wie die unzähligen anderen in den turmartig aufgebauten Glaskästen, in denen ihre kleinen Artgenossen, ihres Lebens beraubt, aufgespießt mit dem Glanz ihrer unbeweglichen Flügel prangen. Die Himmelsfarbe Blau aller Flügel wirkt wie ein Spott, denn all diesen starr gemachten Wesen fehlt für immer die Luft und die blaue Himmelsweite. Das ist symbolisch schon genial gemacht, denn eines ist klar: Wenn Antonia ihre Stimme erheben wird und ihren Gesang fliegenläßt, dann bedeutet das nicht Freiheit, sondern ihren sicheren Tod. Flieg, Schmetterling! Und stirb!

Ein bühnenbildnerisches Meisterwerk ist der Venedig-Akt. Wann hat man es schon gesehen, daß all das statische Personal des Markusplatzes, nämlich der marmorne Evangelisten-Löwe, die bronzenen Pferde von San Marco, die Glocke des Torre dell´Orologio mit den beiden Hirten, die sie mit den großen Hämmern zum Läuten bringen, und das Zifferblatt des Uhrturms auf einer Bühne zu bestaunen sind – und das mit den omnipräsenten, flatternden Tauben! Das ist hier eine Schar von Komparsen mit entsprechenden Kostümen und hier hat die Choreographin Maria Bonzanigo in der Vorbereitungsarbeit genau beobachtet, wie sich die Tiere im Schwarm als Summe der in ihm versammelten Individuen bewegen, mit den Flügeln schlagen und immer wieder mal einer aus der Reihe tanzt. Die Kostüme der Solistinnen und Solisten atmen in dieser Szene die übertriebene Verspieltheit des Rokokos mit aufgenähten Spiegelscherben.

© Monika Rittershaus / 2021

Das blau-goldene Zifferblatt mit Mondphasen und Sternzeichen bildet den Bühnenboden und riesige, schräggestellte Spiegel bieten dem staunenden Publikum eine Draufsicht, während die Handlung auch in Direktansicht zu verfolgen ist. Das ist echte Opern-Magie und ja, auf solche Ideen kommt man vielleicht auch, wenn man weiß, wie guter Zirkus funktioniert. Diese Produktion ist nun auch noch gesegnet mit einer einmaligen Besetzung, sowohl solistisch – das gilt für die Einzelauftritte, die Duette und Terzette der Hauptrollen – als auch in den Nebenrollen und im Zusammenklang mit dem Chor. Trotz der glänzenden Darbietung der Titelrolle ist der Star des Abends doch unbestritten die südafrikanische Sopranistin Pretty Yende als Stella/Olympia/Antonia/Giuletta. Es bleibt offen, ob diese vier Frauen nur Teilaspekte einer einzigen sind und der Dichter sie sich nur einbildet oder er durchweg Opfer seiner eigenen psychischen Irrungen wird.

In bewundernswerter Wandelbarkeit erfüllt sie jede der vier sehr unterschiedlichen Rollen mit Leben – oder auch beeindruckender Maschinen Hafter Künstlichkeit wie im Falle des Automatenmädchens Olympia. Die mörderisch schweren Koloraturen entfließen ihr mit größter Leichtigkeit und das bei einer weitestgehenden Körperspannung als Kunstprodukt, dessen marionettenartig begrenzte Mimik sie mit auf- und zu klappendem Mund humorvoll umsetzt. Wenn die Feder ihrer Mechanik nachgezogen werden muss, gibt sie lustige kleine Geräusche von sich, was ihre hinreißende Darstellung noch liebenswerter macht. Der Szenenapplaus für die Olympia-Arie währt fast eine Minute.

Ebenso brillant verkörpert und singt sie die melancholische Sängerin Antonia in ihrem Schmetterlingsturm und desgleichen die selbstgefällige und oberflächliche Kurtisane Giulietta, schließlich die desillusionierte Stella. Pretty Yende spielt mit Charme und Selbstironie, ihr völlig unangestrengter Gesang scheint in den Höhen keine Begrenzung zu kennen. Eine ganz phantastische Leistung! Überzeugend vielschichtig ist Matthew Polenzanis Hoffmann in all den Facetten seines Suchens, Leidens und der Grenzerfahrungen in der Auslotung der eigenen seelischen Abgründe. Der Tenor singt die kraftvollen Partien ebenso mitreißend, wie er die Piano-Stellen mit sanfter Sensibilität wiedergibt. Als er Giulietta ihren Betrug vorwirft, erreicht er im Ausdruck seiner Verletzung tatsächlich eine Sopran-Höhe – ohne Kopfstimme! Dieser Hoffmann ist ebenso männlich wie angreifbar, aber er beherrscht auch den heiter-launigen Erzähler wie in der ausgelassenen Kleinzack-Episode.

Erwin Schrott gibt den Bösewicht Lindorf/Coppélius/Dr. Miracle/Dapertutto und in der jeweils eigenen Ausformung der Figuren trotz aller durchgehenden Destruktivität findet er immer eigene Ausdrucksmöglichkeiten. Charakteristisch und sprachplastisch unübertroffen sind seine eingeworfenen, eher gesprochenen als gesungenen Textpassagen, die dem Libretto zu einer realistischen Darstellung verhelfen. Dieser Sprachkünstler röchelt, poltert, näselt, spuckt manche Worte aus. In den Tiefen erreicht er eine drohende Fülle und gibt damit dieser Personifizierung von ins Erwachsenenleben übertragenen Kinderängsten eine erschreckende Greifbarkeit.

© Monika Rittershaus / 2021

Erfrischend positiv von der Anlage der Rolle aber auch von der Wiedergabe her ist Jana Kurucová als Muse/Nicklausse. Mit ihrem variantenreich eingesetzten, starken Mezzosopran bildet sie Hoffmanns harmonisierendes Gegenüber, und zwar mit Charme und großer Präsenz. Zu den heiteren Rollenkombinationen gehört die Partie des Tenors Andrew Dickinson als Andrès/Cochenille/Frantz/Pitichinaccio, der vor allem als Frantz sein komödiantisches Talent unter Beweis stellt. Köstlich, wie er als Cochenille auf der Harfe mal Posaune, mal E-Gitarre spielt! Sämtliche Nebenrollen legen an diesem Abend makellose Leistungen hin wie Ida Aldrian als Mutter, Hubert Kowalczyk als Maître Luther/Crespel, Dongwon Kang als Nathanaël, François Piolino als Spalanzani, Daniel Schliewa als Wilhelm/Wolfram, Han Kim als Capitaine des Sbirres oder Nicholas Mogg als Schlémil/Hermann.

Der Chor unter der Leitung von Eberhard Friedrich steht hinter all den großen und kleinen Rollen nicht zurück und bietet ihnen ein sattes Klangbett, das vor allem zum Finale hin grandios überzeugt.

Das Philharmonische Staatsorchester unter Kent Nagano spielt durchweg elegant und temporeich, was die im Werk angelegte französische Leichtigkeit wunderbar unterstreicht. Seien wir ehrlich – jeder wartet auf die berühmte Barcarole zu Beginn des Venedig-Aktes und bei der glänzt tatsächlich das vom Wind leicht bewegte Wasser der Lagune im strahlenden Sonnenschein. So frisch, anmutig und mit südländischer Wärme erfüllt hört man das oft gespielte Stück selten.

Ein langanhaltender Beifall mit zahllosen Brava- und Bravo-Rufen würdigt die makellose Wiedergabe von Offenbachs Meisterstück. Sein gütiges Gesicht, projiziert auf den großen Bar-Spiegel in den letzten Momenten, scheint auszudrücken, dass er von dieser Produktion begeistert wäre.

Andreas Ströbl, 8. Juni 2023


Jacques Offenbach

Les Contes d´Hoffmann

Staatsoper Hamburg

7. Juni 2023

Premiere 2021

Inszenierung: Daniele Finzi Pasca

Musikalische Leitung: Kent Nagano

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg