Erstmals in der langen Geschichte des Theaters Krefeld-Mönchengladbach ist in dieser Spielzeit die lyrische Oper Roméo et Juliette von Charles Gounod am niederrheinischen Gemeinschaftstheater zu sehen. Da die Tragödie von William Shakespeare um die ausweglose Liebe zweier junger Menschen aus verfeindeten Familien die wohl berühmteste Liebestragödie der Weltliteratur darstellt, muss zum Inhalt nicht viel gesagt werden. Für das Libretto der Oper orientierten sich Jules Barbier und Michel Carré stark an der Vorlage. Sogar das Zitat „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche.” wird in der Oper mehrfach verwendet. Charles Gounod schuf hierzu eine tief romantische Musik, die vor allem durch mehrere ausdrucksstarke Duette zwischen Roméo und Juliette bekannt ist, die aber gleichzeitig den Figuren eine sehr interessante psychologische Tiefe verleiht.

Nach seiner gelungenen Reise nach Reims in den vergangenen beiden Spielzeiten geht Regisseur Jan Eßinger mit Roméo et Juliette in Krefeld nun erneut auf Zeitreise. Das Inszenierungsteam, bestehend aus dem Regisseur, der Bühnenbildnerin Benita Roth und der Kostümbildnerin Marie-Luise Otto, ist der Auffassung, dass es sich bei Romeo und Julia um eine im Kern zeitlose Geschichte über die Unmöglichkeit von Liebe in einer Welt voller Grenzen handelt. Diese Geschichte wiederholt sich quasi immer wieder, hinweg durch alle Generationen. Entsprechend setzt Eßinger den Stoff in verschiedene historische und gesellschaftliche Kontexte, beginnend mit einem Fest in den 1920er-Jahren. In den weiteren Akten folgen die 1940er-, 1960er-, 1980er- und 1990er-Jahre, bevor die Oper in der Gegenwart endet. Leider verzettelt sich Eßinger hierbei etwas. Durch diese bruchstückhafte Erzählung entsteht der Eindruck, dass nicht eine durchgängige Geschichte, sondern Auszüge aus mindestens sechs Geschichten erzählt werden. Diese sind zwar im Kern identisch, die Figuren der einzelnen Akte – im dritten Akt, gibt es sogar zwei Zeitebenen – haben aber untereinander nicht unbedingt etwas miteinander zu tun. Dadurch wirkt das Ganze recht beliebig und austauschbar, was wohl nicht die Intention der Inszenierung sein sollte. Durch die vielen Vorhänge – auch innerhalb der einzelnen Akte – waren einige Zuschauer offenbar stellenweise derart verwirrt, dass es nach dem vierten Akt gar keinen Applaus mehr gab, da vielleicht einige Besucher gar nicht mehr wussten, an welcher Stelle der Reise wir uns gerade befinden. Leider funktioniert auch die Idee, die einzelnen Zeitebenen durch eine personalisierte Queen Mum zu verbinden, die als eine Art „Hüterin des kollektiven Gedächtnisses” die Geschichte archiviert, nicht wirklich gut. Dies liegt vielleicht mit daran, dass Christoph Mühlen hier mit großen theatralischen Gesten agiert oder agieren muss, die relativ schnell nervig werden. Abgesehen hiervon, ist die Rolle auch nicht auf Anhieb zu verstehen. Auch die Veränderung des als Hosenrolle angelegten Montaigu-Pagen Stéphano zu Rosalie Stéphano, Romeos erster Liebe aus Shakespeares Vorlage, gibt der Geschichte ohne Studium des Programmhefts keinen großen Mehrwert. Bitte nicht falsch verstehen: Die Inszenierung ist trotz aller Kritik weit davon entfernt, misslungen zu sein. Ein „Must-See“ ist sie aber leider auch nicht.

Für das Bühnenbild schuf Benita Roth mit einem verlassenen Schwimmbad eine Art Lost Place, der symbolisch für einen Raum steht, an dem sich verschiedene Zeitebenen überlagern. Im Kontext der Inszenierung geht dieses Bild gut auf. Stichwort gut gewähltes Bild: Auch das Schlussbild, in dem sich die toten Liebespaare aus den verschiedenen Zeitebenen in den Armen liegen, weiß zu überzeugen. Überzeugen kann auch die musikalische Seite der Oper. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Mihkel Kütson spielen die Niederrheinischen Sinfoniker gleich zu Beginn schwungvoll auf, so dass der Zuschauer ab der ersten Sekunde von der Musik in den Bann gezogen wird. Sowohl die dramatischen als auch die lyrischen Phasen der Oper erklingen exzellent, insbesondere die Streicher liefern an diesem Abend eine absolute Bestleistung ab. Auch der Opernchor, einstudiert von Michael Preiser, zeigt sich gut vorbereitet. Als einziger Gastsolist des Abends wurde der kubanische Tenor Bryan Lopez Gonzalez engagiert, der einen starken Roméo verkörpert. An seiner Seite steht mit Sophie Witte eine wunderbare Juliette, deren Sopran selbst in höchsten Lagen glasklar bleibt und die durch ihre extreme stimmliche Bandbreite in den verschiedenen Phasen der Oper überzeugt. Dass die beiden Stimmen der Hauptrollen gut harmonieren, kommt in den Duetten des Abends zum Tragen. Auch die weiteren Rollen sind treffend besetzt. Besonders lobenswert sind die Besetzungen des Tybalt durch Ramon Mundin und des Mercutio durch Jeconiah Retulla aus dem Opernstudio Niederrhein. Sie sammeln hier nicht nur Bühnenerfahrung, sondern machen bereits nachhaltig auf sich aufmerksam. Hayk Deinyan verkörpert Julias Vater glaubhaft und Matthias Wippich stattet den Frère Laurent wie gewohnt mit seinem starken Bass und überzeugendem Schauspiel aus. Als Julias Vertraute Gertrude steht Eva Maria Günschmann auf der Bühne. Rafael Bruck ist als Julias Verlobter Paris zu sehen, Gereon Grundmann als Grégorio, ein Freund der Familie Capulet. Bettina Schaeffer, ebenfalls aus dem Opernstudio Niederrhein, spielt Rosaline Stéphano, der Herzog wird von Chanyang Choi, der aus dem Opernchor stammt, verkörpert.

Am Ende des Abends stand bei der besuchten Aufführung ein lautstarker Beifall für die Sänger, Sängerinnen und das Orchester, mit dem sich das Publikum für diese musikalische eindrucksvolle Aufführung bedankte.
Markus Lamers, 29. November 2025
Roméo et Juliette
Oper in fünf Akten und einem Prolog von Charles Gounod
Theater Krefeld
Premiere: 15. November 2025
besuchte Vorstellung: 26. November 2025
Inszenierung: Jan Eßinger
Musikalische Leitung: GMD Mihkel Kütson
Niederrheinische Sinfoniker
Weitere Aufführungen: 13. Dezember, 11. Januar, 24. Februar, 27. Februar, 20. März und ab dem 11. Oktober im Theater Mönchengladbach