Dresden, Konzert: „Beethovens 9.“, Dresdner Philharmonie unter Sakari Oramo

Im Februar 1824 vollendet Ludwig van Beethoven (1770-1827) die Arbeit an seiner Sinfonie Nr. 9 d-Moll op.125. Nach einer langen Phase bitterer Enttäuschungen, der Niedergeschlagenheit, begründet in Krankheit, Vereinsamung und der nun völligen Taubheit, den Streitigkeiten um das Sorgerecht für seinen Neffen Karl und der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung, die nach allen revolutionären Anfängen wieder in Restauration und die Wiedereinsetzung der alten feudalen Strukturen zurückfällt, bedeutet ein Aufbäumen gegen das persönliche Schicksal und die von Beethoven so erkannten „wüsten Zeiten“ eine geistige Neuorientierung. „Weitergehen ist in der Kunstwelt wie in der gantzen großen Schöpfung Zweck“ (L. v. Beethoven). Mehr als zehn Jahre nach Vorstellung seiner Achten Sinfonie findet am 7. Mai des Jahres 1824 die Uraufführung der Neunten im Wiener Kärtnertor-Theater statt. Das Konzert wird geleitet von dem Dirigenten Michael Umlauf, neben ihm steht Beethoven auf dem Podium. Mit dem Rücken zum Publikum verfolgt er die Bewegungen der Instrumentalisten und liest die Lippenbewegungen der Sänger. Die Zuhörer reagieren enthusiastisch, schon nach dem Scherzo gibt es frenetischen Applaus. Erst, nachdem die Solistin Caroline Unger den Komponisten dem Auditorium zuwendet, erkennt dieser die allgemeine Begeisterung und verbeugt sich dankend. In einer ersten Rezension heißt es: „Kunst und Wahrheit feiern hier ihren glänzenden Triumph. …Nur ein Wunsch, nur ein Verlangen ist die baldige Wiederholung dieser Wunderwerke“. Eigentlich ist die Komposition der Sinfonie ein Auftrag der Royal Philharmonic Society in London von 1817, aber dort wird die Neunte erstmals am 21. Mai 1825 unter George Smart aufgeführt. Die Widmung der Sinfonie an den König Friedrich Wilhelm III. von Preußen „belohnte“ dieser mit einem minderwertigen Ring.

© Oliver Killig

Der erste Satz Allegro ma non troppo un poco maestoso beginnt aus dem Nichts mit einer Folge absteigender, rhythmisch punktierter Quinten. Die leere Quinte wird ein Kernmotiv des ganzen Werks. Erst mit dem sechzehnten Takt entwickelt sich daraus das neunzehn Takte umfassende Hauptthema. Entgegen der gebräuchlichen Satzreihung folgt als zweiter Satz ein Scherzo Molto vivace – Presto, ruhelos und dämonisch dahinjagend. Der dritte Satz, Adagio molto e cantabile, der zentrale, ausgleichende Ruhepol des Werkes, ist eine traumhafte Vision von Frieden und Menschenglück und vielleicht das ergreifendste Stück Beethovenscher Musik. Das Hauptthema in den Violinen löst ein schwereloses Thema im Dreiertakt ab. Mit einem dissonanten Donnerschlag beginnt das Finale Presto-Allegro assai und noch einmal die klingen die Hauptthemen der ersten drei Sätze an. Rezitative der tiefen Streicher beenden das scheinbar hilflose Durcheinander und Zitieren, und es erklingt erstmalig die Freudenmelodie in geheimnisvollem Pianissimo, jedoch wieder unterbrochen von einer Dissonanz. Erst das Baritonsolo „O Freunde, nicht diese Töne“ eröffnet die Entwicklung der Hymne, der „Ode an die Freude“, nach dem Text von Friedrich Schiller, den dieser 1785 während seines zweijährigen Aufenthalts auf dem Körnerschen Weinberg in Dresden-Loschwitz vollendet hatte. Der letzte Satz der Sinfonie entwickelt sich im Zusammenwirken von Orchester, Chor und Solistenquartett in einer kunstvollen Verarbeitung zu einem ekstatischen Finale.

Bald nach der begeisterten Aufnahme der ersten Aufführungen spaltet sich das Publikum in zwei Lager: die einen lehnen die Komposition vehement ab, die anderen feiern sie euphorisch. Erst bei genauem Hinhören und dem Studium der Partitur offenbart sich das bis dahin Ungehörte in dieser Musik, das alles Traditionelle Sprengende der Komposition. Beethoven übertrifft am Ende seines Schaffens alle bisher gekannten Kompositionstechniken. Er bricht mit den Regeln der Sonatensatzform, mit der üblichen Satzfolge. Er arbeitet mit improvisatorischen Mitteln, mit den verschiedenen Formen einer Fuge (Doppelfuge im letzten Satz der Sinfonie!), er treibt vor allem die Sänger in extreme Tonlagen, scheut weder schroffe Dissonanzen noch ausgedehnte lyrische Passagen.

Beethovens Neunte bedeutet gleichzeitig Höhepunkt und Endpunkt der Klassik. Für die Komponisten der folgenden Generationen ist sie Bürde und Vorbild zugleich. So wagt Johannes Brahms erst 1876 als 43jähriger die Veröffentlichung seiner Ersten Sinfonie in c-Moll. Für Richard Wagner ist die Neunte „…die Erlösung der Musik aus ihrem eigensten Elemente heraus zur allgemeinen Kunst. Sie ist das menschliche Evangelium der Kunst der Zukunft“. Die sinfonischen Werke Bruckners und Mahlers sind ohne die Neunte nicht denkbar.

Die Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, der Literatur und des geselligen Lebens resümiert am 13. Mai 1824: „Beethoven hat durch seine Symphonie schon lange diesem Zweige der Composition einen so hohen Standpunkt unter den menschlichen Kunstschöpfungen angewiesen, daß es seitdem jedem Componisten schwer wird, an den Anhang dieses Helikon zu gelangen“.

Dass Beethoven sich in der Zeit politischer Restauration entschloss, seine Neunte mit der Vertonung von Schillers Text schließen zu lassen, bewertet der Komponist Aribert Reimann (1936-2024) wie folgt: „Nach all den Schrecknissen der Zeit, die auch Beethoven selbst erlebt hat, ist dieses Werk am Ende ein Appel, eine Sehnsucht nach Verbrüderung, nach Freude und Jubel, nach der Utopie eines Weltfriedens, nach einer Welt ohne Krieg und Zerstörung“.

Bis heute ist die Neunte Sinfonie weltweit wohl das bekannteste und am meisten aufgeführte chorsinfonische Werk klassischer Musik. Stimmgewaltig bringen alljährlich 10.000 Sängerinnen und Sänger die Sinfonie im japanischen Osaka auf die Bühne, „Freude schöner Götterfunken“ wurde die offizielle Hymne der Europäischen Union. Das in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrte Autograph gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO.

© Oliver Killig

Der finnische Dirigent Sakari Oramo (geb. 1965) leitet die Aufführung am Silvesterabend 2025 im Dresdner Kulturpalast. Oramo ist einer der vielen, international gefragten Dirigenten, die vom Altmeister Jorma Panula in Helsinki ausgebildet wurden. Seine Wahl zum Nachfolger von Simon Rattle am Birmingham Symphonie Orchestra erregte allgemeines Aufsehen, Oramo ist Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra in London und gern gesehener Gast der besten Orchester der Welt.

Natürlich ist bis heute die Originalbezeichnung der letzten Werke Beethovens mit Metronomzahlen Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung, fordern doch die Angaben ein sehr rasches Tempo. Das darf aber kein Grund für eine gehetzte, routinierte Aufführung des Werkes sein, darunter leiden Deklamation, Zusammenspiel, dynamische Abstufungen und musikalisch sensible Übergänge.

Das Solistenquartett des Finalsatzes wird angeführt von der Sopranistin Anu Komsi, die mit ihrer runden, wohlklingenden Stimme mühelos die Tücken der Sopranpartie meistert, der gefürchtete Flügel gelingt wunderbar im piano. Auch in Dresden keine Unbekannte, zählt sie heute zu den führenden Sopranistinnen. Die etwas undankbare Altpartie übernimmt Susan Zarrabi zu Aller Zufriedenheit. Sie ist seit 2022 Mitglied des Ensembles der Komischen Oper Berlin und pflegt neben ihrer Operntätigkeit ein breites Konzertrepertoire und das Liedgenre. Der amerikanische Tenor Peter Tantsits hat sich sowohl mit Partien von Rameau, Mozart und Beethoven als auch im Repertoire des 20. und 21. Jahrhunderts bewährt. Er ist als Gast weltweit unterwegs und auch an der Dresdner Semperoper wohl bekannt. Gestisch sehr bemüht, ist er stimmlich leider keine ideale Besetzung für die Tenorpartie. Der finnische Bassbariton Arttu Kataja ist seit 2006 Ensemblemitglied der Berliner Staatsoper. Er wird allgemein geschätzt für seine künstlerische Vielseitigkeit; so arbeitet er neben der Tätigkeit an der Oper regelmäßig mit namhaften Ensembles der Alten Musik, dem RIAS-Kammerchor und anderen zusammen. Für „O Freunde, nicht diese Töne!“ fehlt allerdings die erforderliche Durchschlagskraft.

© Oliver Killig

Auf der sicheren Seite ist jede Aufführung mit dem großartigen Prager Philharmonischen Chor, 1935 gegründet und damit der älteste professionelle Chor der Tschechischen Republik. Er ist ein international begehrter Partner für die Aufführungen großer Chorwerke. Dabei steht die Zusammenarbeit mit den Tschechischen und Prager Philharmonikern im Vordergrund. Der Chor zeichnet sich durch eine wunderbare, stimmliche und klangliche Ausgewogenheit, klare Deklamation und, wenn nötig, durch eine umwerfende Kraft aus. Seine Botschaft „Seid umschlungen, Millionen!“ entließ ein begeistertes Publikum in die Dresdner Silvesternacht.

Bernd Runge, 31. Dezember 2025


Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 9 d-Moll op 125

Dresden, Kulturpalast

31. Dezember 2025

Anu Komsi, Sopran
Susan Zarrabi, Alt
Peter Tantsits, Tenor
Arttu Kataja, Bass
Prager Philharmonischer Chor, Einstudierung: Lukáš Vasilek
Dresdner Philharmonie
Musikalische Leitung: Sakari Oramo