Mal Hand aufs Herz: Wer kennt eigentlich Paul Hindemith wirklich außer seiner Zuordnung zur Moderne? Erst gefeiert, dann von den Nazis bedroht, emigrierte er nach dem Verbot seiner Werke als entartete Kunst zunächst in die Schweiz, dann in die USA, wo er äußerst erfolgreich war. Zu selten steht er heute auf den Spielplänen. Und wer in der Oberstufe nicht gerade einen aufgeschlossenen Musiklehrer hatte, wird passen müssen.

Dass das Werk genau 100 Jahre nach der Uraufführung das erste Mal in Meiningen präsentiert wird, ist GMD Killian Farrell zu verdanken, zu dessen Lieblingskomponisten Hindemith zählt. Kurioserweise führt Giulia Giammona Regie, die exakt 100 Jahre später, 1995, zur Welt kam und gerade im gleichen Alter ist wie damals der Komponist. Sie stülpt dem Stück keine affige Zeitgeistkappe über, sondern belässt es in den 20er Jahren. Dabei stellt sie die Bedeutung von Kunstwerken, den kunstschaffenden Ausnahmemenschen Cardillac, dessen Rolle in der Gesellschaft und das Verhältnis zu seiner Tochter in den Mittelpunkt.
Was in dieser kurzen Oper, die einerseits als packender Krimi, anderseits als Psycho- und Gesellschaftsdrama in rasantem Tempo abläuft, ist weit von dem entfernt, was damals wie heute zu den Publikumsmagneten zählt. Es ist der absolute Trend zu einer neuen, schnörkellosen Sachlichkeit, die auch als Bauhausbarock mit dem unbedingten Willen zu einer ästhetischen Abrüstung einhergeht. Während Fuge und Passacaglia noch dem Barock entlehnt sind, schaffen Polyphonie und Schärfe krasser Rhythmen eine durchdringende Kraft. Das klein besetzte Orchester, in dem Bläser, wie Saxophon, Oboe und Tuba dominieren, peitscht das Geschehen von Szene zu Szene. Für den Zuschauer / Zuhörer ist das eine „Zumutung“. Man müsste Cardillac eigentlich dreimal besuchen, um die Klangszenarien und ihre Einordnung zu realisieren. Das ist jetzt keine negative Kritik, sondern schon ein Hinweis, dass man wahrscheinlich mit vor Aufregung roten Ohren auf der Sesselkante sitzt, um nichts zu verpassen. Die wirklich wertvolle und ja – witzige – Einführung des Dirigenten bereitet gut vor, aber der Facettenreichtum dieser Musik wird beim ersten Mal bestimmt nicht in ihrer Gänze erfasst.

Der Inhalt basiert auf E. T. A. Hoffmanns Novelle Das Fräulein von Scuderi, in der ein Goldschmied die Käufer seiner Schmuckstücke umbringt, weil er sich nicht von ihnen trennen kann.
Im Paris der 20er Jahre geschehen rätselhafte Morde. Es trifft stets Leute, die zuvor beim angesagten Goldschmied Cardillac Schmuck gekauft haben, der ihnen dann geraubt wird. Niemand ahnt, dass er selbst der Täter ist. Eine Dame, wohl auf Nervenkitzel bedacht, überredet ihren Kavalier, ihr so ein Stück zu kaufen. Erotisiert überwindet er seine Angst, bringt ihr ein Geschmeide und wird noch in der Liebesnacht von einem Maskierten getötet, der das wertvolle Teil an sich nimmt. Witzigerweise nahm sie das wohl billigend in Kauf, denn sie traf Vorsorge, wenn auch nutzlos: Ein Revolver unter dem Kopfkissen, ein Erste-Hilfe-Köfferchen auf dem Nachttisch.
Ohne Überleitung folgen nun die Szenen Schlag auf Schlag. Man sieht eine teils hysterische, teils sensationslüsterne Menge, die dem Ganzen wohl auch Unterhaltungswert abgewinnt. Man sieht Tochter und Vater Cardillac, die einander nicht loslassen können. Man sieht ihren Freund, den Offizier, der sie endlich aus dieser Abhängigkeit lösen und ihr Juwelen aus der Kollektion des Künstlers schenken möchte. Der gerät in Panik, weil er wieder ein Stück verlieren wird und versucht ihn zu töten. Man sieht die Uniformierten, die den Täter stellen sollen und dann den Falschen verhaften, einen Goldhändler, der Verdächte gegen Cardillac äußert. Die Gesellschaft indes verehrt ihn als begnadeten Künstler und feiert ihn in einem Nachtlokal. Dort spielt eine Band und nun mischen sich Elemente der zeitgenössischen Unterhaltungsmusik mit jazzigen Rhythmen. Der Kult um ihn, die Angst, noch mehr seiner Schätze hergeben zu müssen, treibt den Goldschmied zum fatalen Geständnis. Die Bewunderung des Mobs schlägt um in Hass und Mord. Dass er schlussendlich dann doch noch zu einem Idol stilisiert wird, das in heiligem Wahn nur seine Kunst schützen wollte, ist erschreckend.

Lena Kutzner wandelt ihre Stimme großartig mit dem Gang der Ereignisse. Während sie sich in den ersten Szenen noch ganz im Bann des Übervaters fast zart zurücknimmt, entwickelt sie dann eine durchdringende und resolute Dominanz. Wenn sie am Ende symbolisch einen Vorhang zerreißt, löst sie sich endlich vom Vater und öffnet die Tür zu einem eigenen Leben.
Shin Taniguchi hat die Rolle dieser ernsten Künstlerfigur eindrucksvoll verinnerlicht. Sparsame Mimik und Gestik passen zu diesem introvertierten Genie, dem er stimmlich fast Wärme verleiht. Unaufdringlich spielt er den Getriebenen, der in seinem eigenen Universum lebt. Ganz anders tritt Roman Payer als Offizier auf. Mit klirrender Kälte fordert er die Tochter auf, sich endlich für ihn zu entscheiden und beeinflusst am Ende mit seiner Sicht auf die Dinge die Gesellschaft. Sein glasklarer Tenor hat die entsprechende Strahlkraft. Gefühlvoll dagegen der Kavalier Isaac Lee, der als verliebter, aber ängstlicher Mann zu Beginn in einer relativ langen Arie seiner Angebeteten von den gefährlichen Vorkommnissen berichtet. Tamta Tarielashvili, die Dame, überredet ihn mit amüsanter Koketterie, ihr doch ein Stück von Cardillac zu schenken.
Alle Protagonisten meistern ihre Partien hervorragend, was um so bewundernswerter ist, da das Orchester sehr eigenständig agiert. Dass GMD Killian Farrell Chor, Orchester und Sänger so perfekt aufeinander abstimmt, ist eine Glanzleistung. Nicht umsonst bekommt die Meininger Hofkapelle am Ende tosenden Applaus. Aber auch der Chor ist als Volk hyperpräsent und kommentiert die Ereignisse. Choreografin Alessandra Bareggi und Chorleiter Roman David Rothenaicher erschaffen hier einen Körper, der die ständige Angst, die Begeisterung oder die Aggression trägt und verstärkt.
Regisseurin Giulia Giammona legt den Fokus auf das Künstlergenie und die Verehrung durch das Volk. Die Überhöhung zur Kultfigur, die Gier nach seinen Werken überfordern ihn. Interessant ist die zeitweise Präsenz von großen, elsterähnlichen Vögeln, die wohl sein Alter Ego symbolisieren sollen. Seine Unfähigkeit loszulassen zeigt sie auch im Verhältnis zu seiner Tochter. Neben diesen privaten spielen auch die gesellschaftlichen und politischen Umstände eine Rolle. Sie lässt das Volk aus dem Augenblick heraus handeln. Was heute bewundert wird, wird morgen gelyncht. Die breite Masse denkt nicht nach, sondern folgt dem, was sich am erfolgreichsten durchsetzt und bemisst daran ihre Moralvorstellungen. Dass am Ende so viele Anzug oder das „Kleine Schwarze“ gegen Uniformen tauschen und perfekt im Gleichschritt marschieren, ist bedrückend aktuell.
Zusammen mit Susanne Maier-Staufen hat sie die Bühne mit großen Vitrinen ausgestattet, die sich leicht verschieben lassen und so Raum für Aufmärsche oder Cardillacs „Hexenküche“ bieten. Zwischen den Szenen laufen großformatige Schwarzweiß-Projektionen von Kunstfilmen aus den 20er Jahren, die Augen, Gesichter und geometrische Formen zeigen.
Übrigens lässt sie Cardillac Kunst aus Glas und nicht aus Gold fertigen und erklärt das so: Glas ist schön, fragil, aber auch gefährlich – es kann Hülle sein oder Scherbe.
Inge Kutsche, 15. Februar 2026
Cardillac
Oper von Paul Hindemith
Staatstheater Meiningen
Premiere am 13. Februar 2026
Regie: Giulia Giammona
Musikalische Leitung: GMD Killian Farrell
Meininger Hofkapelle
Weitere Vorstellungen: 8. März, 17. und 30. April, 23. Mai, 5. Juni 2026