Berlin: „Don Carlo“, Giuseppe Verdi

Erfreuliches Repertoire

Einen schmerzhaft in der Wunde Oper steckenden Nagel auf den Kopf getroffen hat vor kurzem der Intendant der Deutschen Oper Berlin, Christoph Seuferle, wenn er feststellte, dem Musiktheater von heute fehlten die wirklich großen Stars. Derer hätte man früher noch viele zur freien Auswahl zur Verfügung gehabt, während sie heutzutage an den Fingern einer Hand abzuzählen wären. Man könnte sogar noch weiter gehen und behaupten, es gäbe derer nur noch einen einzigen zumindest künstlerisch unangefochtenen, der für im Handumdrehen ausverkaufte Vorstellungen sorgen kann, nämlich Anna Netrebko, die allerdings mit dem Makel behaftet, nicht überall willkommen zu sein. Vorbei sind die Zeiten, in denen neben den drei bewussten Tenören noch ein Aragall, ein Kraus, ein Shikoff zur Verfügung standen, Caballé, Freni, Jones, Rysanek, Ricciarelli, Aliberti, Horne oder Cossotto in der Bismarckstraße einkehrten, finnische und italienische Bässe einander abwechselten und man zwischen Nucci, Cappuccilli und Bruson wählen konnte. Da gab es auch für den seit Jahrzehnten fast pausenlos, allerdings in drei unterschiedlichen Inszenierungen auf dem Spielplan stehenden Don Carlo zumindest erst einmal auf dem Papier phantastische Besetzungen, sorgten oft in der Sellner-Inszenierung James King, Dietrich Fischer-Dieskau und Pilar Lorengar erst in deutscher, dann in italienischer Sprache für nächtliches Anstehen vor dem Opernhaus, blieb besonders eine Gala in den Achtzigern in Erinnerung, der ein erbitterter Kampf um Eintrittskarten, viele Gerüchte um Zu- und Absagen (tatsächlich gab es für den eigentlich vorgesehenen Talvela für den Filippo eine mindestens gleichwertige Besetzung mit Bonaldo Giaiotti) vorausgingen und die mit einem Beinahe-Eklat endete. Bereits der Haus-Bass war für seinen Monaco ausgebuht worden, so dass der Tenor sein Rezitativ über das Geschrei hinweg anstimmen musste, mitten in der Parkszene brach Eboli Agnes Baltsa ihre Darbietung ab und Intendant Götz Friedrich musste die erbosten Gemüter beruhigen, aus dem zweiten Rang und nicht nur daraus brach man jedoch unter Protest auf und wollte die „zufällig“ im Parkett anwesende Carol Wyatt nicht als Ersatz hören. Katia Ricciarelli bewahrte Contenance wie ihre Elisabetta, man sah sie später einsam im nahe gelegenen Don Giovanni eine Pizza verzehren, und am Bühnenausgang soll es noch eine Ohrfeige einer Künstlergattin für einen Buhrufer gegeben haben.

© Barbara Aumüller/www.szenenfoto.de

Also garantiert eine Starbesetzung kein ungestörtes künstlerisches Vergnügen, aber immerhin ein unverwechselbares und in Erinnerung bleibendes, während heutige Aufführungen mit zugegeben technisch oft perfekten, optisch Modelansprüchen genügenden, aus so viel Ländern stammenden Sängern, wie das Werk Rollen hat, darunter aber kein Muttersprachler außer für die Wurzen, schnell aus dem Gedächtnis verschwinden.

Der Sellner-Inszenierung folgte übrigens noch eine Hollywoods würdige von Hugo De Ana für kurze Zeit, augenblicklich gibt es in der Deutschen Oper eine im Wesentlichen das Werk respektierende mit nur schüchternen Änderungen gegenüber dem Libretto von Marco Arturo Marelli, der Überirdisches meidet und die Stimme vom Himmel wie den Geist Karls V. säkularisiert; damit kann man sich abfinden. Eindrucksvoll ist auch weiterhin die Bühne des Regisseurs mit sich immer wieder verschiebenden und zu Kreuzesform findenden Kulissen. Neu scheint zu sein, dass Carlo am Schluss die Wahl hat zwischen Flucht ins Kloster und dem Teilen des Schicksals der flandrischen Gesandten und sich nach einigem Hin und Her für Letzteres entschließt.

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Am Dirigentenpult stand am 22. März mit Friedrich Praetorius einer der drei Dirigenten, die sich mit Ablauf der Spielzeit das Dirigentenpult teilen werden, und machte seine Sache sehr gut mit umsichtiger Begleitung der Sänger, dem Aufbau gut tragender Spannungsbögen und durchaus Italianità federn lassend. Vorzüglich war einmal mehr der Chor, der von Jeremy Bines einstudiert war.

Die Partei des Carlo mögen die meisten Tenöre nicht, einmal weil er nicht der hohe Cs oder wenigstens Bs Schmetternde wie ein Manrico oder Radames ist, zum anderen wegen seines Mangels an wenigstens einer Bravourarie und der unangenehmen Tessitura, zudem des Charakters eines „Schwächlings“ wegen, der nie wirklich zur Tat schreitet. Allerdings bekannten oder bekennen sich auch gerade deswegen die besonders sensiblen unter ihnen zu ihm, so zum Beispiel Luis Lima. Der ukrainische Tenor Valentyn Dytiuk ist ein etwas pummeliger Infant mit viel Bewegungsdrang, so wie generell viel von rechts nach links und wieder zurück ohne nachvollziehbaren Grund über die Bühne gelaufen wird. Er besitzt ein solides Stimmmaterial, das er auch zu gut gestützten Piani einzusetzen weiß, phrasieren könnte er etwas großzügiger, und von einem der Partie angemessenen canto elegiaco würde man auch gern etwas vernehmen. Grundsolide ist der als Rodrigo eingesprungene Bariton Geon Kim, hier eher ein bebrillter Ideologe mit Aktentasche als der feurige Freiheitskämpfer und mit einem grundsolide geführten, zur vokalen Emphase fähigen, auch um ein schönes Legato und eine ebensolche Fermate nicht verlegenen Bariton der Freund des Infanten. Der absolute Star des Abends ist allerdings Roberto Tagliavini als Filippo, schon optisch gar nicht greisenhaft, vokal mit einer tiefschwarzen, exakt fokussierten, allen Intentionen ihres Besitzers folgenden Bassstimme begabt, mit viel Bühnenpräsenz nicht nur seine große Arie „Ella giamai m’amò“, sondern auch noch das darauf folgende Duett mit dem Gran Inquisitore zum Höhepunkt des Abends machend. Dieser, Huanhong Li, konnte die Lebens- und Liebesfeindlichkeit des Kirchenfürsten mit düster-imposantem Bass verdeutlichen. Nicht so recht zur Geltung bringen konnte Jared Werlein, auch weil hinter der Szene singend, seinen Mönch.

© Barbara Aumüller/www.szenenfoto.de

Flirrend schimmernde Koloraturen setzte Karis Tucker für das Schleierlied der Eboli ein, für das „Don fatale“ hatte sie eine üppige Mittellage, sichere Höhe und nur etwas flach klingende tiefe Töne. Optisch entsprach sie der verführerischen Prinzessin ideal. Überall, wo sie eigentlich nicht hätte sein dürfen, so im Kerker und immer in Volksnähe trieb sich die Elisabetta von Maria Motolygina herum, erfreute durch eine wirklich große Stimme und nur leichte Schärfe in der Höhe. Pure akustische Lieblichkeit war Hye-Young Moon als Stimme hier nicht von oben, sondern aus der Mitte des Volkes und flugs von der militanten Geistlichkeit unter Beraubung ihres Säuglings abgeführt. Ein sehr schicker Kavalier erfreute die spanischen Damen mit Maria Vasilevskayas Tebaldo.

Insgesamt war dies eine erfreuliche Repertoirevorstellung mit einigen vokalen Glanzlichtern und den Wunsch erweckend, die Produktion auch weiterhin im Repertoire zu sehen.

Ingrid Wanja, 22. März 2026


Don Carlo
Giuseppe Verdi

39. Aufführung am 22. März 2026,
Premiere am 23. Oktober 2011

Regie: Marco Arturo Marelli
Musikalische Leitung: Friedrich Praetorius
Orchester der Deutschen Oper Berlin