
Strahlende Sonne, blauer Himmel, festlich gekleidetes Publikum am frühen Sonntagnachmittag vor der Stadthalle: das hatte Festspielcharakter. Der 3. und letzte Tag, die Götterdämmerung steht bevor und bricht in der Halle los mit drei erhabenen Akkorden des sehr großen Orchesters. Die Celli wogten und die drei Nornen (Deniz Uzun, Edith Grossmann Sofia Fomina) nordische Schicksalsgöttinnen mit prächtigen Stimmen spinnen die Schicksalfäden, singen sauber und klangschön, warum Wotan einäugig ist, wie er mit dem von Siegfried zerbrochenen Speer seine Macht verlor, und vor dem Scheiterhaufen aus dem Holz der verdorrten Weltesche das Ende erwartet – ja das Schicksal ist weiblich. Da reißt der 3. Norn das Seil. Der Mensch wird sein Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen. Die Nornen haben in der Welt nichts mehr zu melden und verschwinden „hinab zur Mutter, hinab“ in die Tiefe der Erde. Das passiert im Vorspiel.
Der Tag beginnt. Brünhilde und Siegfried, sind aufgewacht. Die Regieanweisung lautete dazu: „Siegfried ist in vollen Waffen, Brünhilde führt ihr Ross am Zaume“. Hier waren heute beide aber in Zivil. Nach herrlicher Cellokantilene begrüßen sie, über das Chorpodium von der Orgel heruntersteigend, mit ihren charakteristischen Leitmotiven, (Siegfrieds in herrlichem Blechfortissimo) die im Crescendo aufgehende Sonne, gedenken ihrer Eide und Liebe. Catherine Foster (Brünhilde) bestach mit klarem, temperamentvollem, kräftigem Sopran bis in höchste Höhen ebenso wie Benjamin Bruns (Siegfried) mit seinem strahlenden beweglichen Tenor, der aber gelegentlich im ff des Orchesters unterging. Jedenfalls gab er ihr den Ring als Wonnegruß und verschwand ab durch die Mitte des Großen Saals zu neuen Taten. Das ausgeklügelte Lichtdesign (Patrick Hahn, Fabio Rickenmann, Pascal Schüller), bei dramatischen Momenten im Verlauf gelegentlich eindrucksvoll, kommentierte ansonsten nicht immer nachvollziehbar und schien verzichtbar.
Bei Siegfrieds Rheinfahrt folgt ein Leitmotiv dem anderen: Brünhilde, Loge, Wellen, Rheingold und Ring waren musikalisch alle mit im Boot. Nach diesem wunderbaren Zwischenspiel erreicht Siegfried die Residenz der Gibichungen, wo Hagen (Ain Anger), seinem weniger begabten König Gunter (Joachim Goltz) von der attraktiven Brünhilde erzählt hat, für die Gunther sofort in Feuer und Flamme entbrennt, sie aber wegen seiner Angst vor realem Feuer nicht aufsuchen kann. Siegfried, mit Hagens Vergessens Trunk von Gutrune (Sofia Fomina) begrüßt und aller Erinnerungen an die geliebte Brünhilde beraubt, verspricht Gunther, sie für ihn aus dem Feuer zu holen, verlangt im Gegenzug dessen Schwester, die in weißem Kleide, rechts schulterfrei, attraktive Gutrune, zur Frau. Siegfried, in seiner Vergessenheit, stürzt sich in dieses Abenteuer wie ein moderner Mann, der dazu keinen Vergessens Trunk braucht. Dank der Tarnkappe raubt er, als Gunther verkleidet, die entsetzte Brünhilde. Während des Raubzuges wacht Hagen in der Gibichungenhalle, kämpft schlecht gelaunt mit mit seinem Selbstwertgefühl. Musikalisch ist diese Szene ein Höhepunkt, wenn bei leisem Paukenwirbel im Pianissimo, bei immer wieder abfallendem Tritonus aus dem Nichts heraus sich schwebend formierende Streicherklänge das Publikum in Bann schlugen.

Szenenwechsel: aus den Vorhängen tritt von rechts Waltraute (Karen Cargill) auf. Nach mächtigen Paukenschlägen erzählt sie Brünhilde vom Ende des armen Wotans, dringt in sie, den verfluchten Ring den Rheintöchtern zurückzugeben. Brünhilde winkt ab. „Von Siegfrieds Liebe lasse ich nie“. Das Zwiegespräch der Schwestern, ein Höhepunkt, ist gekennzeichnet von der Dramatik der beiden großen Stimmen, die vom Orchester unter dem stets aufmerksamen Patrick Hahn subtil und mitfühlend begleitet wurden. Nach dem Abgang Waltrauds kommt Siegfried in Gunthers Gestalt und wirbt um die entsetzte Brunhilde, raubt ihr den Ring vom Finger, treibt sie ins Schlafzimmer, bleibt aber durch Nothung, das Schwert, von ihr getrennt, singt er. Die dramatische Szene zeigt, Gewalt gegen Frauen ist kein neues Thema.
Der 2. Akt beginnt mit dem nächtlichen Zwiegespräch zwischen Alberich und Hagen, seinem Sohn. „Schläfst Du Hagen mein Sohn“ raunt, singt flüsterte der „schlimme Alberich“ hoch oben von der Chorempore herab – ein weiterer Höhepunkt. Hagen sitzt schlecht gelaunt auf der Bühne und fasst zusammen: “Den Ring will ich haben“.
Die Ankunft von Brünhilde in der Residenz ist musikalisch große Oper mit klanggewaltigem Opernchor Wuppertal (Ulrich Zippelius), Kartäuser Kantorei Köln (Paul Krämer) unter mächtiger Pauke. Brünhilde, beleidigt und verletzt durch die Intrigen, durch den Meineid Siegfrieds, plant mit Hagen seinen Mord. Das B-A-C-H Thema in den Orchesterbässen, wenn Hagen mit seinem starken, sonoren, schwarzen Bass bei „tosenden Hörnern“ dann die Mannen zusammenruft, wirft Fragen auf. Das Orchester machte insgesamt einen vorzüglichen Eindruck mit wunderbaren Streicherkantilenen, makellosen Holzbläsern, herrlichem Blech (mit nur ganz wenigen leichten Unsauberheiten des Ansatzes) und sehr selten leicht heikler Koordination, der eigentlich ständig sehr schnellen Streicher.
Im 3. Akt trifft Siegfried auf die Rheintöchter(Juliana Zara Woglinde, Edith Grossmann Wellgunde, Marta Herman Floßhilde), die anmutig zunächst von der Empore oben rechts vom in der Sonne strahlenden Rheingold singen, als Siegfried mit seinem Leitmotiv angekündigt wird. Sie möchten von ihm den Ring habe, iihn in die Tiefe des Rheines werfen, um die Welt von seinem Fluch zu befreien. Siegfried, wieder moderner Mann, schlägt aber vor ihn gegen „Gunst“ einzutauschen. Die Rheintöchter sind keine Prostituierten, bedauern, dass er so geizig ist und verschwinden. Die Jagdgesellschaft trifft sich wieder und Hagen stößt seinen Speer in die verletzliche Stelle von Siegfrieds Rücken, die vom schützenden Drachenblut nicht bedeckt worden ist. Siegfried bricht zusammen, besingt sterbend, wie in Opern üblich, noch über etliche Takte seine Geliebte. Der ernsten Trauermusik bei seinem Abtransport -musikalisch kein Marsch- – lauschte das Publikum ergriffen wie erregt. Der emotionale Stimulus dieser Musik kann süchtig machen. Zuletzt geht es nicht mehr um Politik, Revolution, Macht und Betrug wie im Rheingold sondern nur noch um private Liebe und Eifersucht, also doch um typischen Opernstoff. Nach 20jähriger Bearbeitung des Stoffes hat sich Richard Wagners Interesse geändert. Zuletzt singt Catherine Foster „Starke Scheite schichtet mir dort“, organisiert rund 25 Minuten lang, stimmlich grandios mit ungebrochener Kraft, vom Orchester exzellent begleitet, die Leichenverbrennung ihres Geliebten Siegfrieds, zieht ihm den Ring vom Finger, grüßt Grane ihr Ross und reitet in den Scheiterhaufen hinein, den Liebestod suchend. Die Rheintöchter schwimmen in steigenden Rheinhochwasser heran, ziehen Brünhilde den Ring ab und den darum kämpfenden Hagen („Zurück vom Ring“) hinab in den Rhein. Mit dieser ausgedehnten, auch ohne Bühnenbild ungemein ergreifenden, effektvollen und pathetischen Schlussszene ging der Ring in Wuppertal zu Ende und und es begann für alle Sängerinnen Sänger vor allem natürlich für Brünhilde und Siegfried nicht enden wollender frenetischer Applaus mit stehenden Ovationen, Pfiffen und Bravi für alle, vor allem natürlich für Brünhilde und Siegfried. Der Konzertmeister (Hartmut Schill aus Chemniz), kannte die Sängerinnen und Sänger. Er spielt seit Jahren als stellvertretender Konzertmeister in Bayreuth beim Orchester der Festspiele. Patrick Hahn hat die Sänger mit dem riesigen Orchester vorzüglich begleitet und unterstützt, hatte stets souveräne Kontrolle über die 93 Musiker:innen, acht Hörner, darunter vier Wagnertuben, vier Harfen, auch über fernes Blech aus dem rückwärtigen Foyer, über Rheintöchter und Nornen von den Emporen, großen Chor auf dem Chorpodium. Er hatte einfach alles im Griff bekam begeisterten Applaus extra und von Catherine Foster den Ring des Nibelungen zugesteckt.

Fazit: Der konzertante „Ring des Nibelungen“ endete unter dem scheidenden Generalmusikdirektor bei hochkarätigen internationalen Gesangssolisten und dem vorzüglichen Wuppertaler Sinfonieorchester mit einer sensationellen „Götterdämmerung“ und wird seinen Lebenslauf zieren. Die hiesigen Musikfreunde können jetzt Thomas Mann bestätigen, „dass Wagner in der Kunst des dramatischen Welttheaters eine ähnliche Stellung einnimmt wie Shakespeare im Schauspiel“ und „ als Geist, als Charakter suspekt, als Künstler unwiderstehlich ist.“ In Wuppertal wurde „Der Ring“ zum letzten Mal 1986 aufgeführt.
Johannes Vesper 23. März 2026
Die Götterdämmerung-konzertant
Richard Wagner
Historische Stadthalle Wuppertal
22. März 2026
Dirigent: Patrick Hahn
Sinfonieorchester Wuppertal