Als der Film Rocky von und mit Sylvester Stallone 1976 in die Kinos kam, ahnte wohl kaum jemand, wie schnell er sich zu einem riesigen Kassenschlager entwickeln würde. Im Folgejahr gewann er drei Oscars, darunter die Auszeichnung als „Bester Film”, sowie den Golden Globe als „Bester Dramafilm”. Bis heute sind acht weitere Filme in der Rocky-Filmreihe erschienen. Im November 2012 fand im Hamburger Operettenhaus die Uraufführung als Musical statt. Als erste deutsche Produktion schaffte Rocky im Jahr 2014 den Sprung an den New Yorker Broadway, wo das Musical allerdings nur wenige Monate lang in 28 Previews und 188 regulären Vorstellungen zu sehen war. Der erhoffte Erfolg bei Publikum und Kritikern blieb hier aus. In Deutschland war das Musical unmittelbar nach der Hamburger Spielzeit noch von November 2015 bis Januar 2017 im Stuttgarter Palladium Theater zu sehen. Seitdem gab es nur noch Produktionen mit vergleichsweise kurzer Laufzeit in Prag, São Paulo und Philadelphia. Nach mehr als neun Jahren ist Tecklenburg somit der erste Ort in Deutschland, an dem Rocky – Das Musical wieder aufgeführt wird, und gleichzeitig ist es die erste Neuinszenierung des Stückes hierzulande überhaupt.

Leider weist die Dramaturgie des Musicals aber einige Schwächen auf. Während der Film von einer gewissen melancholischen Tristesse lebt, in der sich die beiden Hauptfiguren Rocky und Adrian bewegen, wird ihre Beziehung im Musical recht oberflächlich dargestellt. Natürlich ist die Botschaft, dass es sich nach Tiefschlägen oder Niederlagen immer wieder lohnt, für eine bessere Zukunft zu kämpfen, heute ebenso gültig wie damals. Doch genau dies wirkt in der Geschichte des Musicals nicht tief genug ausgearbeitet. Dazu kommen die Songs von Stephen Flaherty und Lynn Ahrens. Sie sind zwar stellenweise große Musicalnummern, wirken im Stück aber leider maximal zweckdienlich und stellenweise sogar austauschbar. Während die beiden bei Anastasia die Gefühlswelten der Protagonisten und die Handlungsorte auch musikalisch recht gut umgesetzt haben, klappt dies bei Rocky leider nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass es an einem sehr warmen Sommerabend in Tecklenburg natürlich nicht leicht ist, sich in ein kaltes Schneetreiben im Winter in Philadelphia zu versetzen. Daher gebührt der Regisseurin Janina Niehus besonderes Lob, denn ihre Arbeit ist durchgehend sehenswert und macht das Beste aus der Vorlage. Mit starker Figurenführung und gelungenen Anspielungen auf die großen Momente im Film – genannt seien an dieser Stelle beispielsweise die legendären „Rocky Steps” am Philadelphia Museum of Art – schafft sie eine sehenswerte Inszenierung. Vielleicht kommt ihr hierbei auch zugute, dass sie sich vor nicht allzu langer Zeit bereits mit der Musik von Flaherty und Ahrens für die Anastasia-Produktion in Bielefeld beschäftigen konnte.

Zusammen mit dem Bühnenbildner Jens Janke nutzt sie die große Bühne in Tecklenburg optimal. Auf der linken Seite befindet sich der Tierbedarfsladen, in dem Adrian arbeitet, auf der rechten Seite das Boxstudio von Rockys Trainer Mickey Goldmill. In der Bühnenmitte werden neben weiteren Orten mehrmals die Wohnung von Rocky und das Büro von Apollo Creeds Manager hinter Schiebewänden sichtbar gemacht. Positiv ist, dass alle Darsteller und Darstellerinnen stets in ihren Rollen bleiben und somit auch an anderen Stellen der Bühne im Hintergrund Aktionen stattfinden, die nicht Teil des zentralen Handlungsstrangs sind. Auch die Choreografien von Faye Heather Anderson und Alec Agalarov können vollkommen überzeugen. Highlights hierbei sind die Vorbereitungen auf den großen Finalkampf im Boxstudio zum Song Eye of the Tiger und die große Ensemble-Nummer Held aus der Nachbarschaft im zweiten Akt.

In diesem Zusammenhang sollte auch der gut choreografierte Boxkampf am Ende des Stücks besondere Erwähnung finden, bei dem der Weltmeister Apollo Creed gegen den Underdog Rocky Balboa in den Ring steigt. Hier zeigt sich, ob sich die harte Vorbereitung auf den Kampf für Rocky auszahlen wird. Hervorragende Arbeit hat hierbei auch Lucas Baier geleistet, der neben der Hauptrolle als Rocky Balboa auch als Fight Coordinator tätig ist. Unterstützung erhält er hierbei durch das Ensemble-Mitglied Mathias Meffert als Fight Captain. Neben den verschiedenen Trainingssequenzen und natürlich der Beziehung zwischen Adrian und Rocky ist der große Finalkampf wohl der wichtigste Moment im Stück, der allerdings auch für ein eher untypisches, sehr abruptes Ende des Musicals sorgt. Auch als Darsteller überzeugt Lucas Baier in der Rolle des Rocky Balboa mit großartigem Schauspiel und gutem Gesang. Die weiteren Hauptrollen sind mit Celena Pieper als Adrian Pennino, Vic Anthony als Apollo Creed und Benjamin Eberling als Mickey Goldmill ebenfalls hervorragend besetzt. Dies gilt im Übrigen, wie in Tecklenburg inzwischen üblich, für das gesamte große Ensemble.

Die spielfreudigen Darsteller und Darstellerinnen und die gelungene szenische Umsetzung sind es, die einen Besuch der Freilichtspiele Tecklenburg einmal mehr lohnenswert machen – auch wenn das Musical Rocky vielleicht nicht wirklich mitreißend ist. Das erklärt auch, warum das Stück in der Vergangenheit so selten zu sehen war. Wer Rocky gerne einmal sehen möchte, hat noch bis zum 30. August 2026 in Tecklenburg die Gelegenheit dazu. Da auch die musikalische Umsetzung unter der Leitung von Giorgio Radoja mit dem gewohnt starken Orchester der Freilichtspiele keine Wünsche offenlässt, könnte dies die beste Gelegenheit für einen Rocky-Besuch sein. Anschließend wird das Musical wahrscheinlich recht schnell wieder in der Versenkung verschwinden.
Markus Lamers, 12. Juli 2026
Rocky
Musical von Stephen Flaherty (Musik) und Lynn Ahrens (Liedtexte) nach einem Buch von Thomas Meehan und Sylvester Stallone basierend auf dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1976 in deutscher Übersetzung von Wolfgang Adenberg (Gesangstexte) und Ruth Deny (Dialoge)
Freilichtspiele Tecklenburg
Premiere: 19. Juni 2026
besuchte Vorstellung: 3. Juli 2026
Inszenierung: Janina Niehus
Musikalische Leitung: Giorgio Radoja
Orchester und Chor der Freilichtspiele Tecklenburg
Weitere Aufführungen: 17. Juli, 18. Juli, 1. August, 2. August, 6. August, 7. August, 15. August, 16. August, 20. August, 21. August, 29. August und 30. August 2026